22. März 2017

'Eiskalter Schlummer - Band 1: Das Verlies' von Lutz Kreutzer

In der Isar bei München wird die Leiche eines Journalisten gefunden. Die Gesichtszüge des Mannes weisen auf eine asiatische Herkunft hin. Wie sich bald herausstellt, war der tote Journalist ein paar Finanzhaien auf die Spur, die den Wohnungsmarkt in München auf skrupellose Weise untergraben. Wenig später hängt ein Mann an einem Baum, der gefürchtete Personalchef einer Bank.

Drei Mädchen geraten an eine russische Schlepperbande. Die jungen Frauen suchen ihr Glück und vertrauen ein paar Männern, die ihnen ein leichtes Leben versprechen. Ihre Gutgläubigkeit wird ihnen zum Verhängnis, und sie landen in einem Verlies.

Hauptkommissar Benno Völz und sein Kollege Kowalski stehen vor einem Rätsel. Ihre neue Assistentin aber scheint ihre Ermittlungen jedoch zu beflügeln. Ein Fall, der die Polizisten menschlich an ihre Grenzen bringt.

Die Geschichte spielt in München und in Kalmückien, der tiefsten russischen Provinz. Ein Thriller um Menschenhandel, Rauschgift und organisiertes Verbrechen, der sich an wahren Begebenheiten orientiert.

Gleich lesen: Eiskalter Schlummer - Band 1: Das Verlies

Leseprobe:
Der blutleere Zwickauer

Elista, Kalmückien, Mai 2014
»Hallo Papa. Ich bin Igor. Schön, dich kennenzulernen«, sagte er, holte aus und knallte Sergej Kasikov die Faust ins Gesicht.
Sergej flog gegen die Reihe Mäntel, die an der Garderobe hingen. Verwundert musterte er Igor, schüttelte sich und stand auf. »Den Schlag hast du von mir«, schnarrte er in gebrochenem Deutsch und rieb sich Kinn und Nase, aus der das Blut in seine Hand lief.
Als Igor ihm ein Taschentuch reichte, lehnte Sergej ab. Stattdessen wischte er das Blut mit dem Ärmel seines Hemds kurz weg und ließ es einfach weitertropfen.
Igor roch deutlich seine Alkoholfahne.
»Igor. Igor heißt Du also«, sagte Sergej mit bohrendem Blick und nickte. »Und weiter?«
»Köbel. Igor Köbel!«
»Hat Deine Mutter also meinen Wunsch nach einem russischen Namen erfüllt, diese Hure!« Sergej grinste schief. Seine Augäpfel waren von roten Äderchen durchzogen.
Igor nahm ihn beim Hemd und hielt ihn hoch. »Nenn meine Mutter nie wieder Hure!«, schnauzte er und starrte seinem Vater drohend in die Augen.
»Warum nicht? Ist sie nicht?«, fragte Sergej, hob seine Arme und boxte Igor die Fäuste in die Seiten.
Igor grunzte und ließ ihn los.
»Igor ist guter Name. Aber… Ko-ebel. Viel zu deutsch für Russe!«, rief Sergej und spuckte in eine Ecke.
Igor trat über die Türschwelle und sah sich um. Dieses Heim war so schäbig und roch so beißend, dass er die Nase rümpfte.
»Hat sie dich gut behandelt, deine … Mutter?«, fragte Sergej und wartete geduldig auf eine Antwort. Doch die kam nicht. Dann lachte er laut auf. »Siehst du, ich habe es gewusst. Eine verdammte Hure.«
»Du kannst russisch reden, hab’s in der Schule gelernt«, sagte Igor zischend. »Ty buchoj, versoffenes Loch!«
»Was willst du hier?«
Erst jetzt erfasste Igor, wie klein sein Vater war. Das Foto, das seine Mutter ihm vor langem gegeben hatte, zeigte nur sein Gesicht. »Ich wollte wissen, welcher Widerling mir meinen großen Kopf und die tellergroßen Hände verpasst hat.«
Sergej betrachtete die Innenflächen seiner Hände, drehte sie dann hin und her und brummte: »Musst du von meinem Großvater haben. Man sagt, er war ein Riese!«
»Hast du ihn nicht gekannt?«, fragte Igor.
»Nein«, antwortete Sergej grimmig, »hat sich tot gesoffen, als meine Mutter noch ein Kind war.« Sergej fasste Igor bei den Armen und prüfte seine Muskeln. »Wie bist du hierhergekommen, Igor?«
»In Moskau bin ich in eine kleine Maschine umgestiegen, mit der bin ich hierher nach Elista geflogen.«
Sergej nickte. Er strich über sein blutig verschmiertes Hemd und maß Igor von oben bis unten. »Wie groß?«, fragte er, streckte die Brust raus und legte den Kopf nach hinten, so wie er es als sowjetischer Soldat für Militärparaden gelernt hatte.
»Zwei Meter drei.«
»Das ist verdammt groß«, sagte Sergej mit dem Blick väterlicher Ergriffenheit. »Lass uns feiern, mein Sohn!« Sergej zog Igor in die Wohnung. Dann schrie er etwas.
Drei Kameraden, unfrisiert, vom Alter gebeugt und ziemlich verwahrlost, kamen angewackelt. Der Erste trug einen Orden an der linken Seite, wo ein Arm fehlte, der Zweite humpelte auf zwei Krücken, weil ihm das linke Bein fehlte, und der Dritte trug eine schwarze Binde, weil ihm anscheinend das rechte Aue fehlte. Sergej stellte Igor als seinen Sohn vor. Sie freuten sich lauthals und reckten sich, um Igor auf die Schultern zu klopften.
»Was machst du hier in diesem gottverlassenen Ort?«, fragte Igor und drehte sich, um jedes noch so verkommene Detail dieser Behausung zu erfassen.
Sergej schniefte unappetitlich. »Hast Du eine Ahnung, wo du hier bist?«, fragte er leise.
»Das muss wohl der Arsch der Welt sein«, spottete Igor.
Sergej zog den Rotz hoch. »Kalmückien, das Dreckloch am Kaspischen Meer. Seit die Sowjets hier gewütet haben, gibt es hier nichts als Wüste, bis hinab zur Manytsch-Niederung. Da ist Europa tatsächlich zu Ende. Südlich davon, da bist du schon in Asien. Dort gibt es nur noch verarmte Darginer, heimatlose Turkmenen«, zählte er voller Verachtung auf, »streitsüchtige Osseten und amoklaufende Tschetschenen. Und dann, noch weiter unten, da ist schon der Kaukasus. Wenn du in diesem Scheißland hier verschwindest, fragt niemand nach dir.«
»Und warum finde ich dich ausgerechnet in diesem Loch? Ich dachte, du lebst in Saus und Braus?«
»Das ist lange her. Wir haben alles versoffen, verhurt und im Westen verbraten. Jetzt ist das Geld weg.«
»Und wieso Elista?«
»Elista!«, sagte Sergej und breitete die Arme aus. »Das hier ist nicht nur die Hauptstadt von Kalmückien, das ist gleichzeitig die Welthauptstadt des Schachspiels. Hier gibt es die besten Spieler auf dem Planeten. Und meine Freunde und ich hier, wir tun den ganzen Tag nichts anderes als Schach spielen.«
»… und Saufen!«, brummte Igor streng.
Sergej lachte laut.
»Schachspielen, das Einzige, was du am Hindukusch machen konntest, um nicht verrückt zu werden«, schnarrte der einbeinige Kerl, wackelte auf seinen Krücken gestützt unsicher zur Seite und grinste verächtlich.
»Meine Freunde … also die, die mir geblieben sind«, sagte Sergej und ließ seine Hand kreisen, um die drei Männer vorzustellen. »Wir waren lange zusammen in Afghanistan, seitdem muss ich für sie denken und die Wohnung putzen«, höhnte Sergej. »Danach waren wir kurz in Deutschland stationiert.«
»Deutschland war das Paradies!«, rief der Einäugige.
»In dem Zustand haben sie euch in Deutschland als Soldaten arbeiten lassen?«, höhnte Igor und zeigte auf die fehlenden Gliedmaßen und die Augenbinde.
»War billiger als uns eine Leibrente zu geben. Und nach dem Abzug haben die Deutschen dann alle Zahlungen übernommen, diese Idioten!«, lachte Sergej ausgelassen. Die anderen Drei fielen lauthals in sein Lachen ein.
»Wir haben viel Geld verdient«, sagte der Einarmige hämisch.
»Ja, Mama hat erzählt, dass ihr mit Stoff gehandelt habt«, sagte Igor bitter, »du hast sie süchtig gemacht mit dem Scheiß.« Erneut packte er Sergej beim Kragen. »Und mich dann allein mit ihr gelassen.«
Sergej machte ein betretenes Gesicht. »Jungchen, komm, sei nicht so böse mit mir. Deine Mamuschka hat das selbst gewollt. Ich hab ihr nie dazu geraten, ich hab das Zeug nur verkauft in ihrem Land. Und sie wollte es probieren. Da hab ich ihr halt was gegeben.« Er hob die Schultern und machte eine Miene der Unschuld. »Hier, frag meine Freunde, sie können das bezeugen«, sagte er und zeigte auf die Männer, die im Halbkreis um sie herum standen und heftig nickten.
»Und warum geht das jetzt nicht mehr mit dem Schmuggeln?«, fragte Igor und beäugte seinen Vater skeptisch.
Sergej lachte. »Das willst du alles wissen, mein Junge? Das ist viel zu viel für deinen jungen Kopf.«

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Mehr über und von Lutz Kreutzer auf seiner Website zum Buch.



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