29. März 2017

'Ich werde dich nicht noch einmal töten' von Thomas Conrad

Bastian Langkamps Leben gerät völlig aus den Fugen, als seine Freundin ihn verlässt und er dreimal nur knapp dem Tod entgeht. Dass all das mit einem früheren Leben zu tun haben könnte, wäre dem jungen Journalisten niemals in den Sinn gekommen. Durch die Lebenskrise aber offen für spirituelle Themen, befasst er sich mit Reiki und experimentiert mit Rückführungen.

Als er dann auch noch unschuldig in die Fänge zweier Krimineller gerät, kann er die Hinweise nicht mehr länger leugnen: Er ist überzeugt: In einem früheren Leben muss er sich Schuld aufgeladen haben, für die er nun büßen soll. Bei seinen Recherchen stößt er auf ein Leben zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Es entspinnt sich ein Abenteuer, in dem Gegenwart und Vergangenheit miteinander verschmelzen. Liebe und Tod liegen dabei gefährlich nah beieinander.

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Leseprobe:
Zehn Minuten später war Bastian weit weg. So fremd ihm die Stimme auch erschien, sie hatte ihn schnell in eine tiefe Entspannung geführt. Alle Muskeln waren gelockert, der Atem floss ruhig und gleichmäßig, sein Herz pumpte Blut in extrem langsamen, regelmäßigen Schüben durch seine Arterien. Bastian wanderte über eine grüne Wiese, genoss die Sonnenstrahlen, beobachtete einen Schmetterling, der sich auf seiner Hand niederließ. Bastian gefiel die Situation und er ließ sich gerne führen. Zu einer Wand aus Wolken, rosafarbenen Wolken. Nun schwebte er sogar zu ihnen hinauf.
„Du weißt, jede dieser Wolken wird dich in eines deiner früheren Leben zurückführen”, sagte die Stimme auf der CD. „Formuliere dein Ziel. Jetzt!”
„Führe mich zurück in ein Leben, in dem ich berühmt war!”, dachte Bastian.
„Du hast Deine Wahl getroffen und du weißt jetzt auch genau, welche Wolke auf dich wartet”, sagte die Stimme. Bastian steuerte ohne Zögern auf eine dieser rosafarbenen Wolken zu. „Diese Wolke ist das Tor zu dem früheren Leben, das du dir ausgesucht hast. Wenn ich gleich bis drei gezählt habe, findest du dich in diesem früheren Leben wieder und zwar in einem bedeutenden Abschnitt dieses Lebens. Eins, zwei, drei.”
Dunkelheit. Schon wieder. Aber Bastian wusste, dass er warten musste. Es würde nicht lange dauern, bis Licht das Dunkel vertreiben würde. Schon begann es.
Wo war er? Es fühlte sich an, als wäre er auf einem hervorgehobenen Platz. Ein Gefühl nur, denn Bastian sah noch nicht viel. Er war im Freien, er meinte den Himmel über sich zu erkennen.
Das Dunkel lichtete sich weiter. Bastian erkannte Häuser. Er war also wirklich im Freien, aber nicht in offener Landschaft.
Eine Stadt. Bastian war in einer Stadt. Kein kleines Dorf, das wusste Bastian. Wusste es, wie er schon bei der Rückführung bei Manuela vieles einfach gewusst hatte. Er erkannte Fachwerkhäuser, offenbar im Kreis angeordnet. War er auf einem großen Platz? Einem Marktplatz?
Frankfurt, 1540? War er wieder im gleichen Leben gelandet? War er etwa als Tuchhändler berühmt gewesen? Oder als Ratsherr? Was sollte das aber für eine Berühmtheit gewesen sein? Nein, das konnte nicht sein. Außerdem war da noch etwas. Unbehagen.
Bastians Sicht verbesserte sich weiter. Er sah Menschen. Viele Menschen. Tatsächlich musste er auf einem recht großen Platz stehen. Vor ihm drängten sich Massen von Menschen, seltsame Menschen.
Nein, sie waren nicht seltsam. Seltsam gekleidet vielleicht. Nein, auch das nicht. Sie waren nur gekleidet, wie man eben vor 500 Jahren gekleidet war. Aber stimmte das überhaupt? War Bastian erneut im 16. Jahrhundert in Frankfurt. Bastians Gefühl sagte nein. Aber in welcher Zeit war er dann gelandet?
1728 tauchte vor ihm auf. 1728! Ein besonderes Jahr, das war Bastian sofort klar. Aber warum? Wieder spürte er das Unbehagen. Mehr noch: In seinem Magen bildete sich allmählich ein Kloß.
Die Menschen vor ihm sahen zu ihm auf. Wie schon bei Manuela erkannte Bastian das auch jetzt nur verschwommen. Er wusste jedoch, es waren einfache Menschen. Männer, Frauen, Kinder. Und sie waren wegen ihm hierhergekommen. Aber warum?
Wo war er eigentlich? Er stand auf jeden Fall höher als diese Menschen? Auf einer Bühne? Bastian sah an sich hinunter. Soweit er das erkennen konnte, musste das ein Podest aus Holz sein. Also wirklich eine Bühne. Aber was wurde hier aufgeführt? Und war er der Hauptdarsteller?
Ja! Die Antwort kam schnell.
Natürlich. Bastians Wunsch war ein Leben gewesen, in dem er berühmt war. Deshalb stand er als Hauptdarsteller auf einer Bühne. Warum aber wollte dieses Unbehagen nicht weichen? Warum wurde dieser Kloß im Magen immer größer?
Bastian schaute noch einmal an sich hinab. Welche Kleider trug er? Gamaschen? Stiefel? Eine Uniform? Völlig verdreckt, schien ihm. War er ein Soldat? Ein Offizier womöglich? Wieso war ein Offizier berühmt? War er ein Revolutionär? Ein Umstürzler, der vor seinen Anhängern sprach?
Nein! Auch diese Antwort kam schnell. Und Bastian wusste auch sofort, warum. Er konnte sich nicht bewegen. Weder Arme noch Beine. Ein Redner hätte vor allem seine Hände eingesetzt, Bastian jedoch konnte seine Arme nicht bewegen. Auch die Beine nicht. War er ein Gefangener? Gefesselt?
Ja! Wieder kam die Antwort schnell.
Ein Gefangener! Ein Revolutionär, der gefangen und gefesselt war? Aber warum waren dann hier so viele Menschen? Warum schauten alle auf ihn? Zu ihm hoch? Er erkannte die Erwartung in ihren Gesichtern. Was erwarteten sie?
Es konnte nichts Gutes sein. Bastian wusste das. Sie erwarteten ein Schauspiel. Aber welches?
Eine Hinrichtung!
Bastian fröstelte. Wo war er nur gelandet? War er ein berühmter Revolutionär, der gerade auf seine Hinrichtung wartete?
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Er würde gleich sterben.
So hatte er sich das nicht vorgestellt. Warum sollte er sterben? War er als Soldat gegen seinen Fürsten aufgetreten? Hatte er sich für die Menschen gegen einen Despoten eingesetzt?
Die Menschen riefen etwas. Bastian sah es. Nein, fühlte es. Er hörte es nicht, aber wieder wusste er, was die Menschen riefen. Ein paar Hundert mochten es sein, vielleicht mehr. Und sie waren nicht gekommen, weil sie einen Helden auf seinem letzten Gang unterstützen wollten. Nein, sie wollten sehen, wie er starb. Sie wünschten ihm den Tod. Sie hassten ihn. Sie schrien: „Mörder!”
Wo war er nur hingeraten? Er war berühmt, ja. Aber kein Held. Er war ein Mörder und offenbar einer, der Grässliches getan hatte.
„Mörder! Mörder!”, skandierte die Menge. „Mörder!” Bastian spürte den Hass, der ihm entgegenschlug.
„Mörder!”
Jetzt bemerkte Bastian, dass er nicht allein auf der Bühne war. Er hörte einen Mann hinter sich sagen: „Hängt ihn!”
Die Menge jubelte. Panik stieg in Bastian auf. Er würde sterben. Hängen. Jetzt. Die Menge tobte, stärker, lauter, schriller, immer lauter, immer schriller, dann veränderte sich der Ton. Bastian merkte, dass nicht mehr die Menge tobte, sondern jemand an seiner Haustür. Irgendjemand klingelte Sturm.

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