25. März 2017

'Isolation: Der Anfang' von C.K. Reuter

Ascon Travennor lebt mit seiner Ehefrau Darjana und drei Kindern in der überfüllten Stadt Phérsír, die durch anhaltende Überflutungen dem Untergang geweiht ist. Im Glauben, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun, arbeitet er als Wohnraumexperte für das Projekt Integration 1. Im Auftrag der Projektleitung kundschaftet er Familien aus und erstattet genauen Bericht über beengte Wohnsituationen. Dass sein Job in Wahrheit einem ganz anderen Zweck dient – und das Projekt einen ganz anderen Namen trägt –, ahnt er nicht.

Hat seine Arbeit etwas mit den vielen Frauen zu tun, die in letzter Zeit einfach verschwinden? Unter ihnen auch die schwangere Kaýleen Grewe, die von einer Vorsorgeuntersuchung bei ihrem Gynäkologen nicht zurückgekehrt ist.

Ascons Bruder lernt Kaýleens Schwester kennen und verliebt sich in sie. Gemeinsam machen sie sich auf die waghalsige Suche nach Kaýleen und stoßen dabei auf einen alten Bunker, der beängstigende Geheimnisse birgt.

Werden sie die Vermisste finden? Und welche Rolle spielen Ascons sensible Ehefrau und der perverse Bunkerwächter Peddenpol?

Gleich lesen: Isolation: Der Anfang (Band 1)

Leseprobe:
Hätte er gewusst, was ihm bevorstand, wäre er lieber im Knast geblieben.
Raphaele Mummbý zitterte vor Kälte, hatte blaue Lippen und entleerte seinen Mageninhalt auf verfaulte glitschige Obstschalen, Essensreste und Zigarettenkippen, die ihn umgaben. Sein Hinterteil fühlte sich eiskalt an, denn sein Hosenboden, auf dem er ständig hin und her rutschte, war binnen Kurzem völlig durchgeweicht. Geduckt saß er da und stellte fest, dass er stank wie der Abfall selbst.
Fünf Uhr morgens und stockdunkel in diesem Müllcontainer, der an zwei riesigen Ketten über der Ladefläche eines Lastwagens hing. Der verrostete Behälter pendelte beim Fahren in sämtliche Richtungen, manchmal so stark, dass Raphaele das Gleichgewicht verlor. Er versuchte sich an den Metallwänden abzustützen, aber vergeblich, seine glitschigen Hände fanden keinen Halt. Unentwegt schlitterte er durch den Müll und knallte schließlich mit dem Kopf an die Metallwand auf der anderen Seite.
Au! Verdammt!
Für einen Moment wurde ihm schwindlig und er befürchtete ohnmächtig zu werden.
Schließlich hielt der Lkw an und der Container bewegte sich langsam und quietschend nach unten. Hart und rumpelnd setzte er auf der Ladefläche auf. Kurz darauf erhob sich der riesige Kasten an der hinteren Seite und sein besonderer Inhalt, der blinde Passagier in dunkelblauer Knastuniform, geriet, beinahe kopfüber, in eine unbequeme und schmerzhafte Lage. Er versuchte sich umzudrehen, aber nirgendwo konnte er sich festhalten. Im Zeitlupentempo rutschte er auf die Öffnungsklappe zu.
Ja … egal … Hauptsache raus hier, mach schon, geh auf, dachte er. Sein Herz begann zu rasen, als die Klappe des Containers sich endlich quietschend öffnete.
Die ersten Kartoffel- und Bananenschalen mitsamt Orangenkompott, gemischt mit übel riechendem Fleisch und Tomatensuppe, rutschten hinaus. Die Abfälle ergossen sich über Jacke, Hose und sein Gesicht. Er spuckte angewidert aus, als ihm Salatsoße über die schmalen Lippen lief, die schon beim Mittagessen im Knast eher nach Arznei als nach Kräuterdressing geschmeckt hatte. Im nächsten Moment atmete er sonderbarerweise noch trockene Zigarettenasche ein, hustete und würgte, als er unkontrolliert zur Luke hin rutschte.
Dann fiel er …

„Hey Alter, aufwachen!“
Die Stimme klang nah und vertraut. Er spürte warmen Atem über seinem halb erfrorenen Gesicht.
„Hallo, Rapha, hörst du mich?“
Klatsch.
Die Backpfeife auf der eiskalten Haut fühlte sich an wie ein Messerstich, und nachdem sich das Schwindelgefühl gelegt hatte, öffnete Raphaele benommen die Augen. Er schaute in die Richtung, aus der die Worte gekommen waren und sah in der Dunkelheit zuerst verschwommen vier weiße Augäpfel. Er blinzelte einige Male, bis er begriff, dass er die Augen seines Freundes Saýosha infolge des Sturzes und der Erschütterungen doppelt gesehen hatte.
Saýosha hielt die Hand, sie steckte in einem schwarzen Handschuh, vor die Nase: „Mann, du stinkst ja schlimmer als vergammelter Fisch! Bin ich froh, dich zu sehen, ich warte hier schon ewig! Komm steh auf, wir müssen hier weg!“ Er holte eine kleine Taschenlampe aus seiner Hosentasche hervor und knipste sie an. Ihr Schein fiel unbeabsichtigt direkt in Raphaeles Gesicht. Der schielte ihn überrascht an und hielt schützend die Hände vor die schmerzenden Augen.
„Sorry“, entschuldigte sich Saýosha. Groß und breit stand er neben ihm wie eine alte Eiche, deren Äste abgesägt worden waren. Sein Körper steckte in einem schwarzen Müllsack, sodass Saýosha fast eins war mit der dunklen Nacht. Zudem hatte er seine Kappe tief ins Gesicht gezogen.
Angewidert wischte Raphaele seine klebrigen Hände am Hemd ab und fasste in sein Gesicht, nur um erleichtert seine Nase zu ertasten, die er vor Kälte nicht mehr spüren konnte. Dann entfernte er faulige Gemüsereste aus seinem Vollbart und den langen schwarzen Haaren, die im Nacken zusammengebunden waren.
Er richtete sich auf und versuchte aufzustehen. „Au! Verdammt!“
„Psssst …! Leise!“, zischte Saýosha und seine wasserblauen, von kleinen Fältchen umrandeten Augen funkelten, während er ihm die Hand reichte. „Der Fuß?“
„Ja, scheiße, ich versuch’s noch mal. Warte.“ Raphaele biss die Zähne zusammen, ergriff die Hand und ließ sich von seinem Freund hochziehen. „Es geht, glaub ich. Muss ihn mir beim Aufprall verknackst haben“, sagte er heftig atmend mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Saýosha sah auf die Uhr und drängte. „Wird Zeit, oder willst du zurück in den Bau? Wir müssen schnellstens hier weg! Jaja, Kumpel, hier wird sogar der Abfall bewacht! Die sind doch echt schwachsinnig! Tagelang habe ich hier rumgehangen und alles beobachtet. In einer halben Stunde werden zwei bewaffnete Wachmänner über das Gelände patrouillieren und mit ihren Taschenlampen die Gegend ausleuchten. Wir stehen hier wie auf dem Präsentierteller! Also los, weg hier!“
Er stützte seinen Kumpel, der einen halben Kopf größer war als er, leuchtete mit der Taschenlampe die Grube aus, in der sie standen, und blickte besorgt nach oben. „Kannst du allein gehen? Wir müssen da hoch, durch den ganzen Mist durch. Sei vorsichtig, ich bin vorhin beim Abstieg ein paarmal ausgerutscht, hab mich dann aber einfach hingesetzt und bin in meinem fabelhaften Anzug wie auf Schmierseife hier runtergeglitten.“ Er grinste und zeigte auf den Müllsack und seine Schuhe, die in Plastiktüten steckten.
Als sie mit dem Aufstieg begannen, verflog sein Optimismus. Mit den übergezogenen provisorischen Galoschen hatte er auf dem glitschigen Untergrund keine Chance, also riss er das Plastik kurzerhand ab. Nun stand er mit seinen neuen weißen Turnschuhen inmitten von Unrat, den die Insassen des Gefängnisses Borlínth in der letzten Woche weggeworfen hatten. „Sauerei“, stieß er hervor. Raphaele nickte bestätigend. „Das kannst du laut sagen.“
Saýosha versuchte seinen ehemaligen Knastkumpel so gut es ging zu stützen. Gemeinsam wateten sie durch den Unrat und in wenigen Sekunden waren die Schuhe der beiden verdreckt und durchgeweicht. Bis zu den Knöcheln steckten sie im Müll. Bei Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt war der fünfundvierzigjährige Ausbrecher, der nichts als die dünnen Knastklamotten anhatte, in Windeseile völlig durchgefroren und klapperte mit den Zähnen. Er hatte starke Kopfschmerzen, sämtliche Knochen taten ihm weh und durch seinen Fuß schossen messerscharfe Stiche. Er schnaufte heftig. „Nicht so schnell, ich komme mir vor wie durch den Wolf gedreht!“

Im Kindle-Shop: Isolation: Der Anfang (Band 1)

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