24. März 2017

'Tod am Deich. Ostfrieslandkrimi' von Ulrike Busch

Kriminalhauptkommissar Tammo Anders von der Kripo Greetsiel wacht mit Magengrummeln auf: Ab heute wird ihm die Profilerin Fenna Stern an die Seite gestellt. Eine Frau in seinem Team – kann das gutgehen? Tammo bleibt nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Bei seiner morgendlichen Radtour fällt er einer Leiche förmlich in die Arme: Der Teehändler und Patriarch Folkert Petersen liegt tot am Deich. Ermordet.

Kurz darauf erscheint Enno Duwe im Ort. Vor rund 25 Jahren war er über Nacht verschwunden, gemeinsam mit Petersens Tochter Tina. Hat Duwe mit dem Mord zu tun? Bei ihren Recherchen geraten Tammo Anders und Fenna Stern in einen Sumpf aus familiären Intrigen, in denen es um viel Geld und geplatzte Träume geht. Und schon bald nach dem Fund der Leiche müssen die Ermittler erkennen, dass der Mörder keine Ruhe gibt.

Ein Krimi in lockerem Stil und mit der bewährten Mischung aus Spannung, Emotion und Humor.

'Tod am Deich' ist der Auftakt zur Serie ‚Kripo Greetsiel ermittelt‘. Das Team um Kriminalhauptkommissar Tammo Anders und Profilerin Fenna Stern ist in dem historischen Fischerdorf an der ostfriesischen Küste angesiedelt. Der Ort wirkt so romantisch und weltentrückt – man mag kaum glauben, was dort alles passiert.

Gleich lesen:
Für Kindle: Tod am Deich. Ostfrieslandkrimi (Kripo Greetsiel ermittelt 1)
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Leseprobe:
Tammo blinzelte. Die heiße Sonne Afrikas blendete ihn. Am Steuer seines Jimco Trophy Trucks kämpfte er sich durch den Wüstensand, den anderen Teilnehmern immer ein Stück voraus. Ein einsamer Wolf auf der gefährlichsten Rallyestrecke der Welt.
Eben noch hatte er sich zwischen riesigen Sandbergen hindurchgeschlängelt, hatte im Vorbeifahren ein Beduinenzelt fast zum Einsturz gebracht und wäre beinahe mit einer Herde wilder Kamele kollidiert. Risiken lauerten überall, doch Aufgeben galt nicht.
Wenn nur die grelle Sonne nicht wäre. Und wieso spielte das Autoradio plattdeutsche Musik? Genervt nahm Tammo eine Hand vom Lenkrad, hielt sie über die Stirn und riss die Augen auf.
Seine gemütlich eingerichtete Dachkammer in Onkel Fridos altem Friesenhaus empfing ihn im Hier und Jetzt. In Schweiß gebadet blickte der Kriminalhauptkommissar um sich. Der Radiowecker zeigte sechs Uhr zweiunddreißig, und durch das Veluxfenster begrüßte ihn ein strahlend blauer Himmel.
Tammo setzte sich auf und schob die zerknüllten Kopfkissen dahin, wo sie hingehörten. Schlagartig fiel ihm ein, was ihn an diesem Tag hier, in Greetsiel, erwartete: ein zusätzlicher Kollege in seinem Team.
Der Neue in der Mannschaft war eine Frau.
Wenn das mal gut ging.
Tammo schlug die Decke zurück und setzte sich auf die Bettkante – das Zeichen für Buddy, dass er sich zum frühmorgendlichen Gassigehen fertig machte.
Der Rüde, eine Schnauzermischung mit pechschwarz glänzendem Fell, legte Tammo beide Pfoten auf die Knie. Mit feuchter Schnauze schnüffelte er an Herrchen herum, schnaufte ihm fragend in die Nase und setzte diesen unwiderstehlichen Blick auf, der ›Fütter mich‹ bedeutete, den Tammo jedoch gern als ›Ich mag dich‹ verstand.
»Ich mag dich auch«, grummelte der Kommissar. »Aber jetzt lass Herrchen erst mal wach werden.« Er schob Buddy sanft von sich weg und schlich sich ins Bad.
»Aller guten Dinge sind drei«, warnte ihn sein Spiegelbild, und Tammo fragte sich, welches Abenteuer außer der Rallye vorhin im Traum und der Kollegin nachher im Büro an diesem Tag wohl noch auf ihn lauerte.
Frisch rasiert und schlecht gelaunt stieg er die Treppen ins Erdgeschoss hinab.
Buddy tapste hinterher.
Im gestreiften Pyjama schlurfte Onkel Frido durch die Diele in die Küche, um das Teewasser aufzusetzen. »Oh, heute mal wieder über die Rasierklinge gerutscht?«, fragte er auf halbem Weg. »Hab ich was verpasst?«
Tammo nahm die Hundeleine vom Garderobenhaken. »Dir auch einen guten Morgen«, murmelte er.
Frido kehrte in die Diele zurück und stützte sich auf die Kommode. »Nu erzähl schon.« Er deutete mit dem Kopf auf das glatt rasierte Kinn seines Neffen. »Dienstjubiläum? Oder nein, doch nicht etwa ’n Mädel? Wird ja auch mal Zeit.«
»Das musst du gerade sagen«, konterte Tammo. »Wie lang ist es jetzt her, dass Tante Lisbeth dich verlassen hat?«
Frido machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich bin wenigstens geschieden. Du hast ja nicht mal ’ne Hochzeit geschafft. Und das mit bald fünfzig Jahren.«
»Achtundvierzigdreiviertel«, korrigierte Tammo ihn. Er klinkte die Leine an Buddys Halsband fest und kramte auf der Kommode nach dem Fahrradschlüssel, der zwischen Brieftaschen, Handschuhpaaren, einer Schale mit Münzen und einem schon ewig nicht mehr beachteten Zauberwürfel lag. Dann gab er seinem Onkel einen Klaps auf die Schulter und verließ mit Buddy das Haus.
Er schwang sich aufs Rad, ließ die Laufleine ausrollen und radelte durch die so früh am Morgen noch menschenleeren Straßen des historischen Ortskerns von Greetsiel, vorbei an den gepflegten Häusern aus naturbelassenen oder weiß gekälkten Backsteinen und an liebevoll dekorierten Sprossenfenstern. Eine Welt aus Puppenhäusern.
Ein frühlingsfrischer Nordwestwind wehte dem Kommissar entgegen, als er in die Sielstraße einbog, geradewegs auf den Hafen zu. Die Masten der Fischkutter reckten sich in den Himmel, und die Fischer liefen geschäftig auf dem Hafengelände herum. Auf der Rückfahrt würde er sich eine große Tüte Granat mitnehmen. Nichts ging über Rührei mit Krabben, dazu ein kräftiger Ostfriesentee.
Tammo lenkte sein Rad auf den Weg, der die Deichkrone entlangführte, und legte an Tempo zu. Putzmunter und topfit wollte er erscheinen, wenn die Neue nachher das Büro betrat. Für den ersten Eindruck gab es keine zweite Chance.
Wie das wohl laufen würde mit Fenna Stern? Fallanalytikerin nannte sie sich. Mit einem extrascharfen, spuckesprühenden F warf Tammo dem Wind das Wort entgegen. Fallanalytikerin. Auf Neudeutsch: eine Profilerin.
Als sie sich weit genug vom Ortskern entfernt hatten, löste Tammo die Leine von Buddys Halsband. Übermütig lief der Hund zu den Wiesen am Leyhörner Sieltief hinab und hechtete einer Möwe hinterher, während Herrchen auf dem Deich die Ruhe genoss. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.
Bis auf den Jogger da vorn, der ihm entgegenlief.
Kopfhörer, Sonnenbrille und den Blick stur geradeaus. Das waren die Typen, die der Kommissar nicht leiden konnte. Auf dem schmalen, unebenen Pfad machte der Turnschuhträger sich breit wie ein Überseekoffer.
In Gedanken noch auf der Rallye im Wüstensand unterwegs, wich Tammo dem Sportler mit einem zu großen Schlenker aus. Er kam ins Trudeln, und plötzlich stand die Welt Kopf. Das Bike machte einen Salto über ihn hinweg und polterte hinab. Lenker und Vorderrad landeten im Entwässerungsgraben hinter dem Deich. Tammo rollte hinterher, fand jedoch vor dem Schilfgürtel am Ufer des Grabens Halt.
Nach einer Schrecksekunde blickte er hinauf. »Hey!«, rief er dem Jogger hinterher, doch der lief weiter wie ein Roboter.
Aufgeschreckt von Tammos Ruf erschien Buddy oben auf dem Deich. Seine hochgestellten Ohren, der schiefgelegte Kopf und die braunen Knopfaugen stellten eine Frage, auf die Herrchen jetzt nicht eingehen wollte.
Hoffentlich war das Rad nicht verbeult. Tammo raffte sich auf. Mit der einen Hand umfasste er das Oberrohr, mit der anderen den Sattel und versuchte, das Bike herauszuheben. Der linke Fuß schmerzte, der Drahtesel gab sich störrisch.
Ein zweiter Versuch. Vergeblich.
Was hielt das Rad im Wasser?
Tammo kniete sich hin und drückte das Schilf auseinander.
Da sah er die Hand.
Blutleer und schlaff hatte sie sich in den Speichen verfangen. Sie gehörte zu einer dunkel gekleideten Gestalt, die, das Gesicht nach unten gekehrt, im Wasser trieb.

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Mehr über und von Ulrike Busch auf ihrer Website.



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