20. Mai 2017

'LIEBE IHN und LEIDE' von Harald Schmidt

„Gib diese Frau auf, denn die Zeit auf dieser Erde ist endlich ... besonders für sie.“

Die Warnung ist eindeutig, die der erfolgreiche Schriftsteller Jan Hellman in dem Umschlag vorfindet. Niemals wieder hat er eine Verbindung eingehen wollen. Die Trennung von Claudia saß noch wie ein Stachel in seinem Herzen. Sein Single-Dasein war beschlossen. Doch das Schicksal hatte eigene Pläne gehabt. Sandra veränderte alles.

Jetzt aber hält er diesen Drohbrief in den Händen.

Bei Jan Hellmann und den eingeschalteten Ermittlern keimt der Verdacht, dass ihn der Gegner gut kennen muss. Lebt der Verursacher dieser Grausamkeiten in einem vertrauten Umfeld? Ekelige Tierkadaver und weitere Drohbriefe verstärken die Angst. Perfekt getarnt treibt der Täter sein perfides Spiel. Die Einschläge, die Opfer und Polizei weiter rätseln lassen, kommen immer näher, werden immer brutaler.

Eine Liebe, an deren Erfüllung sich mit jeder gelesenen Seite die Zweifel mehren. Eine Beziehung, die direkt auf den Vorhof der Hölle zusteuert.

Gleich lesen: LIEBE IHN und LEIDE

Leseprobe:
Der bohrende Schmerz, den der ungewohnte Konsum von Alkohol in seinem Kopf hervorrief, riss Jan Hellmann aus dem einer Ohnmacht ähnelnden Schlaf. Die Erinnerung an den gestrigen Abend traf ihn schonungslos. Er schloss die Augen. Verzweifelt versuchte er, zurück in die Traumwelt zu fliehen, von der er glaubte, dass sie ihn vor der Realität schützte. Die zitternden Hände spürten den Schweißfilm, der in Sekundenschnelle entstanden war. Dass er noch angekleidet auf dem Teppich lag, zeigte ihm deutlich das Ausmaß des gestrigen Kontrollverlustes. Jackett, Oberhemd - verteilt auf dem Boden. Eine Hand schützte die Augen, damit die Sonne, die ihre Strahlen durch einen Spalt der Bäume presste, ihn nicht blendete. Brutal erinnerte sie ihn daran, dass alles, was er gestern Abend mit Whiskey verdrängen wollte, doch geschah. Wo blieb das Schnurren von Hercules, das Anstupsen seiner Nase. Den Namen verpasste er dem Kater in Anlehnung an den Sohn des Göttervaters Zeus. Er besaß ebenfalls diesen kräftigen Körperbau. Jan stemmte den schmerzenden Körper auf, suchte die frische Luft des Gartens. Die Terrassentür glitt auf. Der Wahnsinn, der ihm ins Auge sprang, schaukelte, vom Wind bewegt, zwischen den Bäumen. Sein Magen reagierte prompt.
Die Gedanken wühlten durch das Geäst der Erinnerungen. Sie verharrten an der Stelle, an dem der Horror seinen Anfang fand ...

Das laue Lüftchen, das durch die goldfarbigen Blätter der umstehenden Bäume strich, versprach einen sonnigen Spätherbsttag. Der Laubsauger lärmte mittlerweile eine Stunde. Er verdarb allen Besuchern, die ihr Gesicht den letzten Strahlen der untergehenden Herbstsonne zuwandten, die ersehnte Erholung. Bei Gesprächen wurden Gäste an entfernt stehenden Nebentischen notgedrungen in intimste Geheimnisse eingeweiht. Jan Hellmann trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf die Kante der Kaffeetasse. Er wünschte dem Mann, der auftragsgemäß nur seine Arbeit ausführte, einen Riesenpickel an den Hintern. Aus reiner Boshaftigkeit aber zu kurze Arme, um daran kratzen zu können. Matteo steckte den Kopf durch das winzige Fenster der Eisküche.
»Du bisse eine Verbrecher. Du wirst bestimmt bezahlt von Konkurrenz, dass du vertreibst meine Gäste. Ich werde heute noch beten zur Madonna, dass sie dir über Nacht lässt die Zähne ausfallen. Deine Zehnägel sollen dir wachsen eine halbe Meter, damit dir kein Schuh mehr passt ... du ... du bist eine Caca Cazzo
Seine frommen Wünsche in Richtung des Arbeiters nahm der mit Gleichmut auf. Mit einer müden Handbewegung winkte er ab.
»Wenn ich nur ein Wort verstehe, Matteo, haue ich dir was aufs Maul.«
»Komm doch her, wenn du hast Mut. Ich habe dich nämlich genannt eine Arschgeige.«
Matteo schüttelte die Faust, warf mit Getöse das Fenster zu. Die Aufmerksamkeit galt wieder der Eismaschine. Seine Frau Alessia, die als Inhaberin den Café-Betrieb organisierte, stand mit verschränkten Armen in der Eingangstür. Sie amüsierte diese Frotzeleien. Ihre Stammgäste wussten, dass die meisten Äußerungen Matteos nur zur Erheiterung der Anwesenden beitragen sollten.
»Alessia, hast du deinem Göttergatten beim Aufstehen einen Kuss verweigert? Dann wundert mich nichts mehr.«
Klaus Recker, der hier täglich nach der Fahrradtour seinen Morgen-Tee trank, hielt Alessia mit der Frage auf, die Richtung Theke verschwinden wollte.
»Wenn es mal so einfach wäre, Klaus. Inter Mailand hat gestern gegen Neapel verloren ... da liegt der Hund begraben. Dann kannst du den Kerl nicht mehr genießen. Werde den bald gegen zwei jüngere Exemplare eintauschen.«
»Habe ich gehört, Weib«, schallte es aus der Eisküche. Der Applaus der Gäste begleitete den Dialog. Alle hier amüsierte es, dass diese Beiden einen ständigen Streit zur Erheiterung des Publikums lieferten. Nichts auf der Welt würde diese liebenswerten Menschen trennen können. Man erzählte, dass sie bereits im Sandkasten ewige Treue schworen. Ihre Hochzeit wurde mit dem Segen eines korrupten Dorfgeistlichen schon in der Kita besiegelt. Matteos Eltern, so sagte es zumindest ein sich hartnäckig haltendes Gerücht, mussten einst zwölf Euganeo Berico-Schinken sowie vier Milchkühe von Padua nach Asiago liefern. Erst danach durften sie für ihren Jungen um die Hand Alessias anhalten. Dafür nahmen die den Rotzlappen in ihrer Familie auf ... das sagte zumindest ein Gerücht.
Alessias Eltern überschrieben ihnen vor etwa vierzig Jahren das bestens eingeführte Eiscafé. Als das junge Paar nach Recklinghausen übersiedelte, musste Matteo die Verehrer scharenweise abwehren. Die umschwirrten den Laden - besser gesagt Alessia - wie Motten das Licht. Der Umsatz stieg, da die italienische Schönheit zumindest die männliche Kundschaft magisch anzog.
Die Ehefrauen prüften sofort den Grund der Schwärmerei. Die Friseurbetriebe der Umgebung freute das Geld in den Kassen, da einige Damen vorübergehend bei der Haarfarbe auf tiefschwarz wechselten. Alessia bedauerte es, zur Zielscheibe schlimmster Neidattacken geworden zu sein. Matteo streute Berichte über angebliche Gräueltaten unters Volk. Die wollte er an Nebenbuhlern in der italienischen Heimat begangen haben, die glaubten, ihm seine Angebetete ausspannen zu können. Er lebte fortan als Pate Matteo, aber es kehrte zumindest Ruhe ein. Zwischenmenschliche Beziehungen erreichten in den Schlafzimmern der Bewohner wieder normales Niveau.

Sie saß einfach da am Nebentisch, zeigte Jan Hellmann den Rücken, vertieft in ein Gespräch mit ihrer männlichen Begleitung. Jojo Moyes zog Jan mit ihrem Roman Ein ganzes halbes Jahr in ihre Erzählwelt, fesselte ihn. Die samtweiche Stimme dieser Frau riss ihn zurück in die Gegenwart. Dieser Klang. Jan lauschte fasziniert ... etwas berührte die Sinne. Es sorgte dafür, dass er Zeilen mehrfach las ... er verstand deren Bedeutung nicht mehr. Moyes schrieb ungewöhnlich lange Schachtelsätze, die Jan normalerweise liebte. Jetzt entstanden durch diese Ablenkung unverständliche Zusammenhänge. Er gab auf, legte das Lesezeichen zwischen die Buchseiten. Die Erkenntnis schockierte ihn, dass er wie ein schäbiger Voyeur dem Gespräch des Pärchens zu folgen versuchte. Jan drehte den Kopf in die Richtung, aus der ihn die Wortfetzen erreichten. Eifersucht auf die Bedienung wuchs. Sie durfte das Gesicht sehen, das für ihn noch hinter langen blonden Locken verborgen blieb, die weit über die Schultern fielen. Sein Gesichtsfeld beschränkte sich auf den Rücken, den der auberginefarbene Stoff eines Veloursmantels bedeckte. Leger lag ein langer, schiefergrauer Schal darüber, der farblich perfekt zum restlichen Outfit passte. Er konnte sich nicht erklären, warum er genau in diesem Augenblick über seine Kleidung nachdachte. Wie schäbig musste sie neben dieser eleganten Erscheinung wirken. Es gab bisher keinen Grund für ihn, seine Jeans mit Kapuzenpullover als unpassend für einen Besuch in seinem Stammcafé anzusehen. Jeder kannte und akzeptierte ihn so.
Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Sie versuchten, dem Wesen neben ihm ein Gesicht zu geben. Immer mehr verwischten die Konturen. Nichts, was vor seinen Augen auftauchte, schien dem gleichzukommen, was zur Stimme passte. Sie musste doch spüren, wie er sie analysierte, wie er versuchte, ein Bild zu schaffen. Warum drehte sie sich nicht um? Seine Hände umfassten das Buch, damit sie sich nicht unerlaubt auf diese verlockenden Schultern legten. Eine lange vergessene Unruhe nahm von ihm Besitz.
Bitte, dreh dich doch ein einziges Mal um!
Erst der Zufall kam ihm zu Hilfe, als zwei Gäste ihren Tisch verließen. Das spiegelnde Café-Fenster offenbarte endlich dieses Gesicht. Ein Engel war herabgestiegen, hatte sich unter die Lebenden begeben. Nur dieser unverschämt gut aussehende Kerl daneben durfte ihm Gesellschaft leisten. Bitte, fuhr es Jan durch den Kopf, bitte lass es ein Verwandter sein.
Jeden Millimeter ihres Gesichtes scannte Jan für die Ewigkeit auf seine Festplatte ... minutenlang. Viel zu spät bemerkte er, dass sie den Blick längst in der Scheibe erwiderte. Er betete dafür, dass sein Spiegelbild die Verlegenheitsröte nicht zeigte. Sie flüsterte mit ihrem Begleiter. Es wäre für Jan eine Erlösung gewesen, hätte sich in diesem Augenblick ein Loch vor ihm aufgetan, in das er hätte kriechen, sich verstecken können. Aus purer Verzweiflung schlug er sein Buch auf. Er las irritiert in Texten, die er zuvor schon überflogen hatte. Alessia stand in der Eingangstür. Sie lächelte in ihrer unnachahmlichen Art.
Konnte sie in seinen Gedanken lesen?
Als der Engel den Tisch verließ, blieb ein Geruch von Sandelholz zurück. Das Zauberwesen hakte sich, glockenhell lachend, bei ihrem Begleiter ein. Ihr Kopf lag an seiner Schulter, während beide Richtung Parkplatz verschwanden. Das ist einfach nicht fair! Keine Bewegung ihres Körpers blieb Jans Augen verborgen, auch nicht das leichte Hinken. Neben einem schnittigen Sportwagen verharrten beide, bevor sie ihn mit einem Wangenkuss verabschiedete. Der Sportwagen verließ den Parkplatz. Sie schlenderte aufreizend langsam zu einem BMW, der sie dann endgültig Jans Blicken entzog. Die spiegelnde Frontscheibe ließ es nicht zu, ihr Gesicht zu erkennen. Lange nachdem der Sportwagen das Gelände verlassen hatte, parkte der BMW immer noch an der gleichen Stelle. Ein Gefühl, beobachtet zu werden, verunsicherte Jan. Dazu kam, dass Alessia ihn ebenfalls weiter ansah. Er suchte den Blickkontakt, rätselte, was sie ihm sagen wollte. Sie näherte sich seinem Tisch. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass die Parkbox plötzlich verlassen war. Alessia kam geradewegs auf ihn zu. Sie ließ wie zufällig die Hand über seine Schulter gleiten, nahm aber am Nebentisch Platz. Dort begrüßte sie ein Pärchen, das ihr einen ausführlichen Bericht des letzten Arztbesuchs lieferte. Geduldig hörte sie zu. Ihre Augen brannten in Jans Rücken. Er fühlte es deutlich.

Im Kindle-Shop: LIEBE IHN und LEIDE

Mehr über und von Harald Schmidt auf seiner Website.



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