5. Mai 2017

'Urlaub für Profis' von Maria Resco

Sonne, Pasta, weiße Segel, roter Wein. So hat Katrin sich ihren Aufenthalt am Gardasee vorgestellt. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, denn ein Traumhaus und drei Pärchen – da ist irgendwer zu viel.

Mit jedem weiteren Tag unter Italiens blauem Himmel tritt die Unvereinbarkeit der Charaktere mehr zutage und sorgt für Turbulenzen und Verwicklungen. Als Detektiv Müller auch noch auf der Bildfläche erscheint und Katrin in einen fragwürdigen Auftrag verwickelt, ist das Chaos perfekt.

Die turbulent-humorvolle Fortsetzung des beliebten nachbarschaftlichen Chaos.

Gleich lesen: Urlaub für Profis

Leseprobe:
Genau das hatte Katrin befürchtet. Fieberhaft marschierte sie durchs ganze Haus und schließlich durch die offene Terrassentür hinaus in den Garten. Verflixt, wo steckte er nur wieder? »Pa-aul!«
»Hier bin ich, Mausi.«
Katrin hörte, aber sah ihn nicht. Sie machte einen Satz über die Rosenrabatten und überquerte den Rasen. Hinterm Schuppen entdeckte sie den Hobbybastler mit ihrem Fahrrad, das kopfüber vor ihm stand. In aller Seelenruhe tröpfelte er Öl auf die Kette und drehte gemächlich das Pedal weiter.
»Du, die Hollmanns fahren heute schon! Sie laden gerade ihre Koffer ein!«
Von ihrem Protest offenbar ungerührt, kurbelte Paul nun einige Male kräftig an dem Pedal und überprüfte mit quasi geeichtem Augenmaß die Spur des Rades. »Die Acht ist raus, Mausi.«
»Paul, hast du gehört?«, empörte sie sich. »Gaby und Hanfred fahren schon los.«
»Ja, das weiß ich doch.«
»Du weißt es? Aber …«
»Hier, halt doch bitte mal.« Paul drückte ihr das Ölkännchen in die Hand, drehte mit geübtem Handgriff das Fahrrad um und stellte es auf seine Räder. »Jetzt kannst du wieder gemütlich mit dem Rad Einkaufen fahren. Ist doch viel bequemer als mit dem Auto.«
Von bequem konnte keine Rede sein, aber das Fahrrad interessierte Katrin gerade herzlich wenig. »Sie halten sich einfach nicht an unsere Vereinbarung. Es war abgemacht, dass wir am Sonntag fahren – und zwar alle zusammen!«
»Also, ein kleines Dankeschön habe ich schon verdient, finde ich.«
»Ja, danke«, brummte Katrin bemüht freundlich. »Aber findest du nicht, dass es so nicht geht? Es ist unser gemeinsames Landhaus. Da kann doch nicht jeder machen, was er will.« Am allerwenigsten Gaby, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie kannte ihre Nachbarin. Die tat nichts ohne triftigen Grund. Wenn sie sich ohne Absprache, quasi hinterrücks, auf den Weg nach Italien machten, verhieß das nichts Gutes. Für die anderen. Was für ein Glück, dass sie sie zufällig beim Koffer einladen erwischt hatte. Jetzt konnte sie dem Unheil wenigstens noch entgegenwirken. Sofern Paul mitspielte.
Der nahm ihr das Ölkännchen wieder ab und schraubte den Verschluss darauf. »Lass sie doch fahren. Was ist denn schon dabei?«
»Aber verstehst du denn nicht? Gaby wird die sturmfreien Tage dazu nutzen, um … um … um …«
»Ja, was denn?«
»Na, um sich im ganzen Haus breitzumachen. Sie wird so tun, als gehörte es ihr allein!«
»Gönnen wir ihr doch den Spaß. Es sind doch nur drei Tage.«
»Aber sie wird bei der Renovierung das Kommando an sich reißen!« Das Argument zog bestimmt, da war Katrin sicher. In Sachen Handwerk ließ Paul sich nur ungern bevormunden. Er hielt sich nämlich für den Champion aller Meister. Aber er lachte, als hätte sie einen guten Witz gemacht.
»Gaby versteht vom Renovieren so viel wie ich vom Stricken. Sie ist eine Frau!«
Eine Frau? Was sollte das denn heißen? Katrin schluckte ihre Empörung herunter, jetzt ging es um Wichtigeres als um emanzipatorische Grundsatzfragen. »Aber sie wird das schönste der drei Schlafzimmer in Beschlag nehmen! Garantiert! Ich kenne sie!« Das war ihr letztes schlagkräftiges Argument, und sie ahnte, dass er auch das abschmettern würde. Sie hätte sich besser vorbereiten müssen, anstatt ihm brühwarm ihren unverfälschten Ärger zu servieren.
»Mach dich doch nicht verrückt. Wir verlosen die Räume. So haben wir es vereinbart.«
»Ja! Wir hatten auch vereinbart, dass wir am Sonntag gemeinsam fahren!« Störrisch verschränkte Katrin die Arme und wandte sich ab. Wie konnte man nur so stur sein? Verflixt, was nun? Sie wollte unbedingt das Zimmer zur Ostseite haben! Durch die Schräge wirkte es kleiner als die anderen beiden, in Wirklichkeit aber war es sogar etwas größer. Anhand des Grundrisses hatte sie die Quadratmeter der drei Schlafzimmer berechnet. Aber das Schönste am Ostzimmer war der Blick aus dem großen Fenster: Die liebliche Hügellandschaft des Valpolicellas direkt vor Augen, wenn man wollte, sogar vom Bett aus. Die beiden anderen Räume waren nach Süden und Norden ausgerichtet. Ein Schlafzimmer zum Süden! In Italien! Darin würde man nachts vor Hitze umkommen.
»Also, ich sehe vor allem die Vorteile. Wenn die Hollmanns vor uns dort sind, können sie die Zimmer lüften und den Kühlschrank füllen.«
»Ach, so ist das! Na, das ist ja praktisch!«
»Ja, ich denke praktisch.« Paul schnappte sich das alte Handtuch, wischte seine Hände sauber und brachte das Ölkännchen in den Schuppen. Katrin folgte ihm.
»Ich mach dir einen Vorschlag. Ich packe jetzt die Koffer, wir gehen zeitig schlafen und starten morgen in aller Früh, um fünf, oder um vier. Das ist sowieso das Beste. Um die Uhrzeit ist die Autobahn schön leer und es ist noch nicht so heiß.«
»Na, du hast Ideen.« Paul schob seinen Benzinmäher aus dem Schuppen heraus und rollte ihn über den Gehweg auf den Rasen. Katrin trippelte hinterher.
»Die Koffer sind schnell gepackt. Und dein Werkzeug kannst du gleich nach dem Abendessen ins Auto laden.«
»Du weißt doch, Mausi, morgen Vormittag werden unsere Azubis verabschiedet. Ich bin ihr Ausbilder. Da kann ich unmöglich wegbleiben. Das will ich auch nicht. Ich will ihnen meine besten Wünsche mit auf den Weg geben.«
»Dann … dann starten wir eben mittags.«
»Hast du vergessen, dass Pia morgen Abend ins Ferienlager fährt? Ich habe ihr versprochen, sie zum Bus zu bringen.«
»Aber das kann Lena doch machen.« Ja, sie sollte ihre Tochter anrufen. Sie hätte sicher nichts dagegen, ihre kleine Schwester zum Bus zu bringen.
»Lena ist mit ein paar Freunden in Holland, das weißt du doch. So, wie es geplant war, ist es schon perfekt. Wir fahren am Sonntag, und Schluss!« Mit einem kräftigen Zug an der Reißleine warf er den Mäher an und schob ihn in einer akkuraten Bahn über die Rasenfläche.
Gegen das dröhnende Motorengeräusch konnte Katrin nichts mehr ausrichten. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit übermannte sie. Mit Paul war einfach nicht zu reden. Er war ja so unglaublich, so unbeschreiblich, so schrecklich unflexibel. Aber sie hatte nicht die Absicht, Gaby Hollmann das Feld zu überlassen. Ihr Blick fiel auf das Fahrrad, das repariert und sogar geputzt am Schuppen stand. Ein kleiner Hoffnungsschimmer tat sich auf.

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