6. Juni 2017

'Arakkur: Die große Schlucht' von Pascal Wokan

Hinunter
In die Schlucht
In den Tod


Alle Blicke richten sich auf die umkämpfte und lebensfeindliche Schlucht, denn in ihrem Inneren wächst die Knolle, die das Leben der Reichen und Mächtigen verlängert und seit Jahrzenten blutige Kriege zwischen den Herzogtümern des Landes entfacht. Während der König um Macht und Einfluss fürchtet, tritt ein neuer Feind auf den Plan und droht das Reich zu stürzen. Doch das Land birgt ein Geheimnis und weckt ungeahnte Kräfte in Auserwählten. Elhan, der als Sklave in die Schlucht geworfen wurde, muss das Geheimnis ergründen und den Weg seines Schicksals gehen ...

Gleich lesen: Arakkur: Die große Schlucht

Leseprobe:
Elhans Blick richtete sich auf die Plattform, schwaches Sonnenlicht war dort erkennbar. Es sah so wunderschön aus, so fern und doch so nah. Am Rande bekam er mit, wie sich jemand vor ihn stellte.
»Wenn ihr ihn umbringt, dann müsst ihr verdammten Drecksäcke mich ebenfalls umbringen!«, grollte Sylon.
Warum war er so dumm sich zu opfern? Es war sinnlos …
Der dunkelhäutige Konar trat nun ebenfalls vor Elhan. »Er hat mir das Leben gerettet«, sagte er.
Was ist los mit ihnen? Sind sie alle Lebensmüde?
Mort fing an zu lachen. »Na, sieh sich einmal diese dummen Sklaven an. Ihr wollt also alle sterben?« Er klatschte in die Hände. Zwei weitere Soldaten zogen sirrend ihre Schwerter und kamen auf sie zu.
Elhan stemmte sich wieder hoch und sah in die Gesichter derjenigen, die ihm beistanden. Das Vertrauen erfüllte ihn mit unerwarteter Freude und auch mit Stolz. Er lächelte flüchtig und gebot ihnen zurückzutreten. Mit entschlossenem Gesicht kamen sie seiner Aufforderung nach, Konar verbeugte sich sogar leicht.
»Ich danke euch für euer Vertrauen«, sagte Elhan mit schwacher Stimme. »Aber es hat keinen Sinn. Er wird es nicht einsehen. Setzt nicht euer Leben für eine verlorene Sache aufs Spiel.«
Konar neigte wieder den Kopf, sah ihn aber mit einem merkwürdigen Blick an. Fast wirkte es so, als würde er auf etwas warten.
Kühler Wind wehte von der Plattform in den Gang. Elhan blickte dem Wind hinterher.
Vertrauen.
Ein Soldat hob sein Schwert in die Luft. Die silberne Schneide reflektierte das Licht.
Ein Teil des Ganzen.
Elhan schloss die Augen. Ein sanfter Hauch kitzelte ihn an der Schläfe.
Hoffnung.
Entschlossen atmete er ein.
Itras hat gesagt, ich soll an den Wind denken, wenn es, soweit ist. Was hat er damit gemeint?
Es war wie ein Tanz, der Wind war gleichzeitig hier und doch an einem anderen Ort.
Er hat mich davor gewarnt, mich vollständig dem Seelenband hinzugeben. Ich war noch nicht bereit dafür. Der Wind ist gleichzeitig hier und doch woanders. Er wirkt wie eine Präsenz, ein Bewusstsein. Genauso wie ich ist er ein Teil des Ganzen. Das bedeutet …
Elhan riss die Augen auf.
Götter!
Die Schneide fuhr nieder.
Schlagartig stieß er die Tür zum Fluss des Lebens auf. Die Umgebung explodierte, die Welt zerfaserte um ihn herum. Das Leben pulsierte und Elhan griff vollständig hinein. Er hielt nichts zurück, gab sich vollständig dem Fluss hin. Er knüpfte das Seelenband zum Wind und folgte dem Ruf. Sein Körper löste sich auf.
Er blinzelte … und trat hinter den Soldaten hervor. Die Welt nahm augenblicklich wieder ihre Form an, die Klinge fuhr durch die leere Luft und stieß in den Boden.
Erschrocken sprangen die Soldaten einen Schritt zurück. Die Menge hielt den Atem an. Stille.
Elhan drehte sich zu Mort um, der nun direkt vor ihm stand. Dem Aufseher stand der Mund offen, er sah ihn fassungslos an. »Wie …?«, stotterte er.
Sanft legte Elham ihm die rechte Hand an die Brust und spürte den Blick der Soldaten in seinem Rücken. Sie hielten noch immer unschlüssig ihre Schwerter in den Händen. Elhan sah Mort tief in die Augen. Er sah dessen Atemseele und griff hinein. Wut, Trauer und Enttäuschung brandete ihm entgegen. Er wappnete sich dagegen und ließ die Gefühle an ihm abgleiten. Immer tiefer drang er hervor, bis er schließlich das fand, wonach er suchte: ein kleiner Funken Hoffnung. Ein letzter Rest an Menschlichkeit und Glaube an das Gute. Elhan schützte den Funken, beeinflusste ihn und speiste ihn mit seiner eigenen Hoffnung. Der Funke wurde zu einer kleinen Flamme und brach schließlich als grelles Feuer hervor. Elhan zog sich zurück, ließ den Nebel fahren und wurde sich wieder seiner Umgebung bewusst.
Mort sah ihn ungläubig an. Mit einer ganz vorsichtigen Bewegung hob er die Hand, woraufhin die Soldaten ihre Schwerter in die Scheide zurücksteckten. Mit großen Augen fühlte er nach seiner Brust und atmete tief ein. »Was hast du getan?«, flüsterte er.
Elhan bemerkte, wie alle Blicke auf ihm ruhten. »Ich gab dir Hoffnung«, antwortete er ebenso leise. Seine Worte hallten in der Luft nach. »Ganz tief in dir Verborgen gab es etwas Gutes. Hoffnung.«
Dem Aufseher stand der Mund offen. Er rieb sich einmal über die Augen und fing dann ganz langsam an zu lächeln. »Hoffnung. Es ist so lange her.«
Elhan lächelte ebenfalls. »Halte daran fest, Mort. Obgleich er tief verborgen ist, es gibt immer einen kleinen Funken.«
Der Aufseher nickte und gab den Soldaten ein Zeichen. Unsicher kamen sie näher, hielten jedoch Abstand zu Elhan. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Sylon grinsend die Arme vor der Brust verschränkte. Konar hob die rechte Hand und spreizte die Fingerspitzen auseinander. Er schloss die Augen, seine Lippen bewegten sich stumm im Gebet. Die anderen Sklaven sahen ihn erstaunt an, folgten dann aber zögerlich seinem Beispiel, bis schließlich ein Meer aus schweigenden Männern im Stollen stand und die Hand zur Ehrerbietung erhoben hielt.
»Der Fahrstuhl!«, gab Mort die Anweisung.
»Aber Mort wir …«
»Sofort!«
Die Soldaten sahen Elhan nervös an, senkten dann jedoch den Blick und gingen auf die Plattform zum Fahrstuhl hinaus.
Elhan folgte ihnen vorsichtig und trat in das hölzerne Gerüst. Er lächelte und rief dem Aufseher ein letztes Mal etwas zu: »Du bist ein guter Mensch, Mort. Vergiss das nicht!«

Im Kindle-Shop: Arakkur: Die große Schlucht

Mehr über und von Pascal Wokan auf seiner Website.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen