3. Juni 2017

'Mederia 2: Kampf um Tetra' von Sabine Schulter

Das beschwerliche Abenteuer durch das Himmelsgebirge liegt hinter Lana und ihren Gefährten. Der Weg hat ihnen viel abverlangt, doch ihr Ziel, die Menschenstadt Tetra, liegt nun direkt vor ihnen. Dort wollen sie die dunklen Mächte davon abhalten, in den Norden einzudringen und alles Leben zu zerstören.

Daher werden Lanas Fähigkeiten in den kommenden Schlachten gebraucht, um den verteidigenden Völkern einen Lichtblick in der beinahe ausweglosen Situation zu geben. Sie soll zur Botin der Götter werden.

Aber ist sie dafür schon bereit?

Band 2 der Mederia-Reihe.

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Leseprobe:
Als sie schließlich zu Gray trat, fühlte sie sich erfrischt und bereit für das, was ihr Freund ihr zeigen wollte. Dieser öffnete ihr galant die Fensterflügel und gab ihr mit einer Geste den Vortritt. Zaghaft trat Lana an den tiefen Abgrund, der nur durch ein zartes, hüfthohes Gitter gesichert war.
„Bei allen Göttern, ist das hoch“, flüsterte Lana bang, als sie hinab auf die weit unter ihr liegende Stadt schaute, während Sinsa die Form eines kleinen Vogels annahm und vorausflog.
„Und das ist genau das, was du brauchst, um dich richtig frei zu fühlen“, meinte Gray. „Wenn weit unter dir nichts ist, kannst du dich im Notfall immer noch fangen, wenn du einen Fehler machst. Aber das wirst du nicht. Du hast in den letzten Wochen große Fortschritte gemacht. Du hast alles gelernt, was du brauchst, um den Tanz mit dem Wind zu meistern. Nur deine Angst hält dich noch auf.“
„Und leider ist die schwer zu besiegen.“ Schaudernd wandte sie sich ihm zu.
Grays dunkle Augen musterten sie eingehend. Dann trat er einen Schritt näher. „Vertraust du mir, Lana?“
Er sagte es ernst und ohne seinen Blick von ihr zu nehmen und sie brauchte keine Sekunde zu überlegen. „Natürlich.“
Ein feines Lächeln zeigte sich um Grays Mund. „Dann komm, und denk nicht nach.“
Er reichte ihr eine Hand und sie legte ihre nach einem tiefen Atemzug hinein. Sogleich stieg Gray auf die schmale Brüstung und zog Lana mit sich. Obwohl sie ahnte, was er vorhatte, schrie sie trotzdem überrascht auf, als er sich in die bodenlose Tiefe fallen ließ.
Sie hatte ihre Schwingen doch noch gar nicht materialisiert!
Gray öffnete indes die seinen und hielt den unkontrollierten Sturz auf, packte ihre Hand fester und warf sie, durch ihren eigenen Schwung getragen, weit in die warme Sommernacht hinaus. Erneut schrie sie, fand aber trotz der beängstigenden Situation den Punkt in sich, mit dem sie ihre Schwingen hervorrufen konnte. In einem goldenen Funkenregen erschienen sie und wie von selbst suchte sie die richtige Stellung, um ihren Sturz aufzufangen.
„Mach das ja nie wieder!“, schrie sie Gray an, der mit einem Lachen zu ihr aufholte.
„Wieso? Du hast das doch sehr gut hinbekommen. Ich hatte keine Sekunde Angst um dich. Sieh wie viele Meter noch zwischen dir und der Stadt liegen.“
Sie blickte hinab und tatsächlich: Die ersten Häuser befanden sich noch gut einhundert Meter unter ihr. Sie verstand plötzlich, dass die Höhe kein Feind für sie darstellte, sondern das genaue Gegenteil davon war.
„Komm, ich will dir etwas zeigen“, sagte Gray und flog mit schweren Flügelschlägen hinauf in die Schwärze des Himmels.
Da sie sich nicht abhängen lassen wollte, folgte sie ihm, benutzte dabei das Wissen und Können, das er ihr in den letzten Wochen beigebracht hatte. Und es klappte gut. Die Nacht stellte sich als willkommener Verbündeter heraus. Mit ihr sah Lana nicht, wie viel Nichts sich unter ihr befand. Ihre Furcht verflog in dem beständigen Wind, der ihr durch das Haar, die Kleidung und an ihren Schwingen entlang strich.
Gray hielt für einen Moment in seinen Schlägen inne, zog die Schwingen an und brachte sich somit auf ihre Höhe zurück. „Kannst du noch weiter?“
„Ja“, stieß sie hervor, denn trotz ihrer Worte nahm ihr die Höhe den Atem.
„Es ist nicht mehr weit“, versicherte er ihr.
Immer weiter führte Gray sie hinauf, flog Sinsa hinterher, der sie beide wie ein kleiner Stern leitete. Bis plötzlich kühle Feuchtigkeit sie umschloss und ihr Blickfeld auf wenige Meter schrumpfte, was Lana nur daran erkannte, dass die Lichter unter ihr verschwanden.
„Gray!“, rief sie erschrocken.
„Keine Angst, es sind nur Wolken. Du musst noch ein paar Meter hinauf.“
Ihm vertrauend schlug sie weiter mit den Flügeln. Die Feuchtigkeit fühlte sich unangenehm auf der Haut an und lief bereits in dicken Tropfen über die Membranen ihrer Schwingen. Trotzdem folgte sie Gray.
Ihre Kraft erlahmte langsam, bis sie plötzlich durch die Wolkendecke brach.
Lana stockte der Atem, als sie auf all die Wolkentürme um sich herum sah, die von dem sanften Schimmer der beiden Monde hoch über ihnen erstrahlt wurden. Es wirkte wie ein Gebirge aus bauschigen Gebilden, die herrlich weich und ihr durch die Dunkelheit einladend vorkamen. Am liebsten hätte sie sich direkt hineingeworfen, wenn sie nicht gewusst hätte, dass sie sie nicht tragen würden.
„Wunderschön, oder?“, fragte Gray, der kräftig mit seinen Schwingen schlagen musste, um sich auf einer Stelle zu halten. Die Wolken wallten dadurch auf und ließen ihn zusammen mit dem wagen Licht beinahe mystisch aussehen.
„Ja, es ist traumhaft“, gab Lana verzaubert zu, ehe sie sich weiter umsah.
Sinsa schien vollkommen in seinem Element. Wie ein Fisch im Wasser sprang er durch die Wolken, tauchte immer wieder in sie ein und daraus hervor. Wie ein kleiner, verspielter Stern.
„Hast du Lust auf eine weitere neue Erfahrung?“, fragte Gray und riss sie damit aus ihrer Betrachtung. Seine Augen leuchteten bei den Worten auf, wodurch Lana begeistert nickte. Wenn es genauso schön wie diese Aussicht war, freute sie sich bereits darauf.
Vorsichtig kam Gray näher, immer darauf bedacht, ihren Schwingen nicht in den Weg zu kommen. Er passte sich dabei exakt ihren Flügelschlägen an. Sie selbst hätte dieses Meisterstück wohl nicht bewerkstelligen können, aber Gray schaffte es mit Leichtigkeit und kam so nah, dass Lana seine ihr entgegengestreckten Hände umfassen konnte.
„Nicht erschrecken“, sagte er noch, als er seine Schwingen um sich schlang und seitlich in die Tiefe kippte.
Bereits zum dritten Mal in dieser Nacht schrie Lana laut auf, konnte dem Zug von Grays Schwung aber nichts entgegensetzen und wurde mit ihm in die Tiefe gezogen. Unglaublich schnell stürzten sie durch die Wolken und nun kamen die Lichter Tetras wieder näher.
„Schließ die Schwingen und genieß das Gefühl des freien Falls, Lana“, rief Gray über das Rauschen des Windes hinweg.
„Das kann ich nicht!“, schrie sie entsetzt.
„Natürlich kannst du. Schließ die Augen und lass deine Angst los. Vertrau mir“, redete Gray beruhigend auf sie ein.
Mit weit aufgerissenen Augen suchte sie seinen Blick, sah darin die bekannte Wärme und die typische Ruhe. Gray wusste, was er tat und daher schloss sie tatsächlich ihre Schwingen, jedoch nicht die Augen. Sie hielt Grays Blick, ließ seine Ruhe auf sich übergehen und warf alle Angst von sich.
Nun hatte sie genügend Platz in ihrem Inneren, um das grandiose Gefühl der scheinbaren Schwerelosigkeit zu spüren, und zu genießen, wie der Wind und die Welt an ihr vorbeizogen und sie völlig losgelöst von allem war.
Gray sah ihr die Veränderung wohl an, denn er lächelte erfreut und ließ ihre Finger los. Zusammen fielen sie noch ein Stück, ehe er seine Schwingen um eine Winzigkeit öffnete. Lana ahmte ihn nach und ihr Fall wurde etwas gebremst. Sie bekam die Gewalt über ihren Flug zurück, konnte den Wind in die Richtung lenken, die ihr beliebte, und strebte in einer ineinander gedrehten Spirale weiter dem Boden entgegen, immer im Gleichklang mit Grays Bewegungen.
Nie hätte sie erwartet, dass sie dies so sehr genießen würde. Sie schloss die Augen und breitete die Arme aus. So also fühlte sich grenzenlose Freiheit an. Aber leider kamen sie viel zu schnell dem Erdboden nahe.
„Du musst deinen Fall jetzt auffangen“, rief Gray, öffnete seine Schwingen ganz und schlug einmal damit.
Lana tat es ihm gleich, fing sich und folgte dann Gray, der auf die große Grünfläche rund um den Fluss mitten zwischen Tetras Häusern zustrebte. Sie war so sehr in den Flug vertieft gewesen, dass sie gar nicht gemerkt hatte, dass sie ihr überhaupt nahegekommen waren. Lachend landete sie auf dem weichen Gras am Ufer des Flusses.
„Das war großartig!“, rief sie aus und wirbelte zu Gray herum, der hinter ihr aufsetzte. Sinsa flatterte glücklich über den gemeinsamen Flug um sie herum. „Weißt du eigentlich, wie gut du es hast, dass du dieses Erlebnis bereits als kleines Kind genießen konntest?“
Gray lächelte wissend, faltete seine Schwingen zusammen und kam zu ihr. „Also gefällt es dir?“
„Absolut! Wie frei es sich anfühlt, durch die Luft zu gleiten, zu wissen, dass man jede Richtung einschlagen kann, die man will, den Boden tief unter sich zu sehen und das schöne Gefühl, wie der Wind an einem entlang streicht, zu spüren. Es ist traumhaft schön!“
Grays Lächeln darauf war warm und Lana sah die Freude über ihre Worte in seinen dunklen Augen, fühlte sie sogar durch ihre Verbindung.
„Es tut gut, das von dir zu hören“, verriet er ihr.

Im Kindle-Shop: Mederia 2: Kampf um Tetra

Mehr über und von Sabine Schulter auf ihrer Website.



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