23. Juni 2017

'Tod auf Juist. Ostfrieslandkrimi' von Ulrike Busch

Ein rätselhafter Todesfall hält die ostfriesische Insel Juist in Atem. Zwei junge Frauen werden leblos aufgefunden, friedlich ruhend im Strandkorb! Die beiden Freundinnen waren Gäste im Haus der Inneren Mitte, dem berühmten spirituellen Zentrum der Insel. Hat ihr Therapeut Jannes Aldag die Selbstmord-Absichten der jungen Frauen nicht erkannt?

Zur selben Zeit weilt auch die ostfriesische Journalistin Kaya Witt auf Juist. Sie mag an die Freitod-Theorie nicht so richtig glauben und spürt der Sache nach. Schnell wird deutlich: Unter den Therapeuten des spirituellen Zentrums herrscht alles andere als Harmonie. Und welche Rolle spielt der halbseidene Finanzjongleur Jendrik Holthusen? Er hat große Pläne auf der Nordseeinsel, und der Tod der beiden Frauen spielt ihm perfekt in die Karten ...

Gleich lesen:
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Leseprobe:
»Sechs Uhr früh. Sie hören die ersten Meldungen des Tages«, meldete der Nachrichtensprecher gut gelaunt.
Zu gerne hätte Ricklef Reimers die Stimme aus dem Radiowecker verdrängt. Eine atemberaubende Bikinischönheit lag in seinen Armen. Genüsslich spitzte sie die Lippen, und ihre Hand ...
Rücksichtslos entriss Johanne ihm die Schönheit. »Aufsteh’n«, brüllte seine Frau in sein rechtes Ohr.
Im Wachwerden versuchte Ricklef, die kleine Romanze zu Ende zu denken. Johanne klapperte indes in der Küche herum und stellte ihm seine Tagesration an Tee, Stullen und frischem Obst zusammen.
Eine halbe Stunde später und voller Frust über den verlorenen Traum verließ Ricklef das Haus. Den Rucksack mit dem Proviant über der Schulter, marschierte er durch Loog, vorbei an Häusern, in denen die Urlauber sich darauf freuten, einen sonnigen Tag an dem schier endlos erscheinenden Strand von Juist zu verbringen. Einem Strand, dessen feiner weißer Sand es Ricklefs Ansicht nach mit jedem karibischen Eiland aufnehmen konnte.
Der gebürtige Juister war stolz auf seine Insel. Hier war die Welt auch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch in Ordnung. Statt Autos gab es Pferdekutschen, statt Hektik Entschleunigung. Und während überall auf dem Globus das Böse herrschte und Mord und Totschlag an der Tagesordnung waren, konnte man sich auf Juist seines Lebens sicher sein – erst recht an einem strahlend schönen Sommertag in einem der Strandkörbe von Ricklef Reimers.
Ricklef bog in die Hammerseestraße ein. Eine Joggerin hüpfte die Treppenstufen eines Hauseingangs hinunter, grüßte ihn und sprintete an seiner Nase vorbei in Richtung Strand.
Auf dem Piratenpad, der quer durch die Dünen führte, kam ihm Jannes Aldag entgegen. Wie immer, wenn sie sich hier begegneten, wirkte er komplett entschleunigt. Ganz in seiner eigenen Mitte gefangen, zeigte er Ricklef sein entspanntes Frühmorgengesicht.
Automatisch verlangsamte Ricklef das Tempo, um nicht zu hektisch und geschäftig zu erscheinen und sich von diesem Eigenbrötler, einem Psychologen, der sich selbst vor allem als Guru verstand, nicht schon wieder einen Vortrag über Entschleunigung und Achtsamkeit im Hier und Jetzt anhören zu müssen.
Ricklef erreichte den Strand, blieb stehen und sog die würzige Luft ein. Der Wind kam aus Nordwest, die See wogte glitzernd in der Sonne. Der Meteorologe gestern Abend nach den Fernsehnachrichten hatte mit seinen Prognosen recht behalten. Sonne pur, weit und breit keine Wolke in Sicht. Die nächsten drei, vier Tage sollte es so bleiben.
Ricklef stakste durch den tiefen Sand zu seiner Hütte, die am Dünenrand ganz in der Nähe des Strandaufgangs lag. Er stellte den Rucksack darin ab, zog sich die Schuhe aus und krempelte die Hosenbeine hoch. Dann stapfte er bis zum Flutsaum, wandte sich nach Westen und watete durch das knöcheltiefe kühle Wasser in Richtung Westen.
An dem Strandabschnitt angekommen, auf dem seine Körbe standen, wandte er der See den Rücken zu und blickte stolz auf sein Imperium: sechsundfünfzig Strandkörbe, eins a gepflegt und liebevoll instand gehalten. Jeden einzelnen hatte er gestern Abend bei seinem letzten Kontrollgang mit der offenen Seite nach Süden ausgerichtet, damit der Wind nicht den Sand auf die Sitze blies. Und jeden Korb hatte er mit einem Tierschutzgitter vor Möwen und anderen Seevögeln geschützt, damit ihm die ungebetenen Gäste nicht die Sitze versauten.
Doch was war das? Korb Nummer dreizehn war nicht vermietet, und trotzdem war das Gitter abmontiert und gegen die Rückseite gelehnt. Mit krausgezogener Stirn stapfte Ricklef zu dem Korb. Das Schloss, mit dem das hölzerne Konstrukt gesichert gewesen war, war aufgebrochen worden. Nachher würde er es durch ein neues ersetzen. Zum Glück hatte er Ersatz in seiner Hütte parat.
Er hob das Gitter hoch und trug es um den Korb herum, um es provisorisch festzustecken.
Doch der Korb war besetzt. Zwei Frauen lehnten Schulter an Schulter und schliefen. Jede von ihnen hatte einen Strohhut aufgesetzt, der tief ins Gesicht gezogen war. Die Arme waren unter einer karierten Decke verborgen, die bis zur Brust hochgezogen war.
Hatten die Frauen etwa die Nacht hier verbracht? Gleich, wenn sie erwacht waren, würde er ihnen in freundlichem Ton erzählen, was so ein schickes Stück während der Hochsaison kostete.
Ricklef baute sich vor dem Korb auf, eine Hand auf das Gitter gestützt, das er neben sich abgestellt hatte, und stierte die Damen an. Sie sahen aus wie Schaufensterpuppen, die jemand zur Dekoration der Strandszenerie hier abgesetzt hatte.
Leise pfiff er eine Melodie, die viele Jahre lang jeden Morgen zu Beginn der Nachrichten auf seinem Lieblingssender im Radio gespielt worden war.
Die Frauen rührten sich nicht.
Er betrachtete sie genauer. Die eine hatte ein grasgrünes Sweatshirt mit aufgedruckten Blumen an, die andere trug einen dunkelblauen Pulli mit V-Ausschnitt, darunter ein blütenweißes T-Shirt. Unter der Decke lugten zwei Paar weiße Sneakers hervor.
»Hey, meine Damen, aufwachen!«, rief Ricklef verhalten. Er wollte die Strandschönheiten nicht erschrecken. Nachher beschwerten sie sich noch beim Kurdirektor.
Noch immer regte sich keine der beiden. Konnten sie ihn nicht hören oder wollten sie nicht? Eins stand fest: Wenn sie hofften, er würde unverrichteter Dinge weiterziehen und sie brauchten den Korb nicht zu bezahlen, hatten sie sich in den Finger geschnitten.
»Moin!«, rief er, jetzt deutlich lauter. »Aufwachen, die Sonne lacht!«
Sie ignorierten seinen Ruf. Fühlten sie sich nicht angesprochen? Verstanden sie möglicherweise kein Deutsch?
»Ladies, wake up. The sun is shining!«, versuchte er es mit international verständlichen Worten. Vergeblich.
»Coffee to go!«, rief er ihnen etwas unbeholfen zu, weil er nicht wusste, wie man auf Englisch ausdrückte, dass es Zeit für einen Kaffee war.
Ricklef wurde ungeduldig. Er ließ das Gitter los, es fiel in den Sand. »Hey, aufwachen«, herrschte er die Damen an und rüttelte eine der schlafenden Grazien an der Schulter.
Die Frau kippte gegen die Seitenwand des Korbs. Der Hut rutschte ihr vom Gesicht und kullerte dem Strandkorbvermieter vor die Füße.
Ricklef sprang zurück. Er schnappte nach Luft.
Träumte er?
Aus dem Augenwinkel sah er, wie ein Kollege die Wasserkante entlangmarschierte.
»Hey, Lutz«, rief er ihm verhalten zu und winkte ihn heran. »Komm doch mal her!«
Lutz stapfte stirnrunzelnd durch den Sand. »Ärger?«, fragte er und deutete mit dem Kopf auf die Gestalten im Strandkorb. Er blieb neben Ricklef stehen, zog die Nase hoch und griff sich ans Kinn. »Die tun dir nix mehr«, stellte er trocken fest.
Die Augen panisch auf die beiden Damen geheftet, nahm Ricklef sein Handy aus der Hosentasche und legte seinen Finger auf die Notruftaste. »Zwei Tote am Strand von Loog auf Juist«, meldete er dem Mitarbeiter in der Notrufzentrale. Sein Herz klopfte bis zum Hals.
»Badeunfall?«, fragte der Mann zurück.
»Eher nicht«, erwiderte Ricklef. »Sieht aus, als wären sie im Strandkorb eingeschlafen.«
Der Mann in der Leitung blieb einen Moment lang stumm. »Ja, was denn nun: eingeschlafen oder tot?« Er klang nicht so, als nähme er Ricklef ernst.
Ricklef wurde ungehalten. »Ziemlich tot! Soll ich ein Handyfoto rüberschicken?«, donnerte er ins Smartphone.

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