20. Juli 2017

'Arakkur: Das ferne Land' von Pascal Wokan

Es gibt kein Licht ohne Schatten.

Das Schicksal Andurals wurde in einer gewaltigen Schlacht an den Hängen der großen Schlucht entschieden und der Feind aus den fernen Landen besiegt. Nun brodelt es im Landesinneren und Rebellen unter der Führung eines Mannes namens Friedensstifter drohen die Fundamente des gesamten Reiches zu stürzen. In diesen Zeiten liegt es nun an Cathien Bündnisse zu schmieden, an Alrael den Schatten seiner Vergangenheit gegenüberzutreten und an Elhan uralten Rätseln und Prophezeiungen auf den Grund zu gehen. Denn der Feind erstarkt von neuem und plant die Kontrolle über die Schlucht vollends zu ergreifen. Ein Krieg zwischen Leben und Tod entfacht, die Zukunft Andurals steht auf dem Spiel …

Der zweite Band der Arakkur-Saga.

Gleich lesen: Arakkur: Das ferne Land

Leseprobe:
Der zweite Mond stand hell und klar am Himmel, als Draia ihren Blick über die Versammlung schweifen ließ. Ganz Vorlia war aus den hintersten Winkeln des Reiches zusammengekommen, ob Gewöhnlicher, Erhobener oder Fürst. Sie alle waren auf Befehl des Herrschers gekommen, um der Hinrichtung beizuwohnen. Der weite, marmorierte Platz war bis zum Bersten mit Menschen gefüllt, die schmalen, stählernen Türme in der Nähe warfen lange Schatten über die Versammelten. Ein schwacher Wind kam auf und brachte den Geruch nach Blut und Tod mit sich. Es geschah nicht oft, dass Maedhros, der Herrscher Vorlias, seine Macht öffentlich demonstrierte, dennoch kam es manchmal zu besonderen Ereignissen vor.
Der Herrscher saß am anderen Ende des weitläufigen Platzes, auf einem hohen Thron, der aus den versilberten Gebeinen seiner besiegten Feinde bestand. Er hielt die bleichen, klauenartigen Hände im Schoß gefaltet, das lange, schwarze Haar umfloss in sanften Wellen seine schwarz-weiß gestreifte Robe. Aus einem zerfurchten und mit Rissen durchzogenen Gesicht blickten schwarze Augen auf die Menge herab. Sie wirkten leer und tot, nichts Menschliches war mehr darin erkennbar.
Draia leckte sich nervös über die Lippen. Der Anblick des Herrschers ließ sie stets frösteln. Er wirkte nicht wie ein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eher wie eine Kreatur aus der Finsternis.
Schweigsam saß er da. Neben ihm standen in respektvollem Abstand die Mächtigsten des Reiches, darunter auch Draias Vater Vhail’tar, der Fürst des östlichen Dominiums. Mit keinem Anzeichen gab er zu erkennen, was in ihm vorging, sie wusste es aber besser: Er war nervös, verlagerte immer wieder das Gewicht von einem Bein auf das andere. Leider hatte er auch allen Grund dazu, schließlich war Draias Schwester die Ursache dafür, weshalb sie an diesem Umlauf einberufen worden waren. Dilarias naive Handlung, ihr Versagen.
»Im Namen des Imperators, dem ruhmreichen Maedhros, Körper und Atemseele des einzig wahren Gottes, werden diese Verräter gerichtet«, rief Cuaneth’lis, der Armeeführer Vorlias, weit über den Platz hinaus.
Sofort kehrte Ruhe in der Menge ein. Sie blickten starr und furchtsam in Richtung des steinernen Podestes, der sich in ihrer Mitte erhob. Darauf saßen mehrere Gefangene, die mit Händen und Füßen an großen Blöcken angekettet worden waren. Sie waren nackt, Wunden, Narben und Dreck überzogen ihre bleichen Körper.
Draia sah genauer hin und erkannte einen von ihnen. Er war ehemals ein hochrangiger Reto gewesen, der in den persönlichen Diensten ihres Vaters gestanden hatte. Natürlich würde man keine Spur zum östlichen Fürsten zurückverfolgen können, dennoch war es durchaus eine gefährliche Situation, in der sich das Haus Tar nun wiederfand.
»Sie haben gegen den Willen unseres Herrschers gehandelt. Wer gegen sein Wort handelt, widersagt sich der Gerechtigkeit unseres Gottes!«
Draia spürte die Angst und Anspannung, die sich unter den versammelten Menschen ausbreitete. Sie standen allzu steif da, niemand streckte sich oder tippelte von einem Bein auf das andere. Überdies schwiegen sie und warfen sich nervöse Blicke zu; kein Geflüster war zu hören, kein Plaudern. Wie eine reißende Welle, brachen die Worte des Armeeführers über ihnen ein und erstickten jegliche Gedanken. Die Gefangenen waren hoch angesehene Bürger Vorlias, machtvoll und einflussreich. Und doch waren sie nur Staub im Wind.
»Das ist nicht richtig!«, flüsterte jemand in ihrer Nähe.
Draia wandte sich um, und versuchte den Sprecher auszumachen. Ihr blickten jedoch nur ausdruckslose Mienen entgegen. Unwirsch strich sie sich eine weiße Strähne aus dem Gesicht und widmete sich wieder den Gefangenen. Sie zitterten vor Kälte und stöhnten ihr Leiden heraus. Einige unter ihnen waren übel zugerichtet worden, andere hingegen hatte man wohl erst am Morgen aufgegriffen und direkt zum Versammlungsplatz gebracht.
Warum hat sie nicht auf mich gehört? Ich verfluche meine verdammte Schwester! Wenn nun herauskommt, dass wir daran beteiligt waren, dann wird uns das den Kopf kosten
»Unser göttlicher Herrscher hat verfügt, dass niemand es wagt, seine Hand nach Andural auszustrecken«, erhob Cuaneth’lis erneut seine Stimme. »Diese Untertanen haben sich schuldig gemacht, von den Vorkommnissen gewusst zu haben. Ferner haben sie den Geächteten, der sich einstmals Kael'tir nannte, sogar unterstützt.« Er stieß seinen langen Speer auf den Boden, knirschend zerbrach ein Teil des Marmors. »Sie werden deshalb gerichtet und das Haus Tir wird aufgelöst. Jeder Untergebene dieses Reiches möge sich daran erinnern, dass ein Gesetz unseres Herrschers, gleichbedeutend dem Gesetz unseres Gottes ist!«
Draia schüttelte energisch den Kopf, als sie dies hörte. Dieser Mann war kein Gott, sie konnte das einfach nicht akzeptieren. Er war ein Mensch, wenn auch unbeschreiblich mächtig.
Der Herrscher erhob sich von seinem Thron. Sofort ließen sich die Versammelten ehrerbietig auf den Boden nieder. Cuaneth’lis neigte ebenfalls den Kopf und trat respektvoll zurück. Draia folgte dem Beispiel, wusste aber bereits, was nun passieren würde - es war schließlich nicht die erste Hinrichtung, der sie beiwohnte.
Maedhros ging einen Schritt nach vorne und streckte ruckartig die Hand aus. Sein Gesicht war eine starre Maske, die Augen dunkel und unergründlich. Als die Gefangenen auf dem Podest dies sahen, fingen sie an zu heulen und zerrten verzweifelt an ihren Fesseln. Doch Jeglicher Versuch war vergeblich, es gelang ihnen nicht, sich zu befreien. Zwar waren sie Erhobene, in der Gegenwart des Herrschers waren ihre Kräfte aber beinahe wirkungslos.
Maedhros trat noch einen Schritt vor und presste dann seine klauenartige Hand zu einer Faust zusammen. Im gleichen Moment zerplatzten die Gefangenen in einer roten Fontäne aus Fleisch und Blut. Die aufgebrochenen Körper stürzten zu Boden, weißer Rauch kräuselte sich aus den Leichen hervor. In langen Bahnen flog der Rauch auf den Herrscher zu und vereinigte sich mit dessen Leib. Kurz umgab ihn eine dunkle Aura, es schien, als würden schwarze Schlieren von seinem Körper abperlen und ihn nur widerwillig freigeben. Dann war es vorbei, die Atemseelen der Bestraften aufgesogen und verzehrt.

Im Kindle-Shop: Arakkur: Das ferne Land

Mehr über und von Pascal Wokan auf seiner Website.



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