28. Juli 2017

'Herz im Fadenkreuz" von Tatjana Flade

Während rechts- und linksradikale Fanatiker das Land mit ihrer Gewalt destabilisieren, findet die Studentin Esther ihre große Liebe in Lys. Doch was stimmt mit ihm nicht? Warum taucht er immer wieder ab? Lys erwidert ihre Gefühle, aber er hütet ein schreckliches Geheimnis. Doch seine Liebe zu Esther bringt ihn in einen gefährlichen Zwiespalt.

Leserstimmen:
„Rasant und flüssig geschrieben bereitete mir 'Herz im Fadenkreuz' spannende Leseunterhaltung. Wirklich lesenswert!“ (Buchblog Seehases Lesewelt)
„Was für mich aber die Anziehungskraft und eine besondere Note des Buches ausgemacht hat, war die unheimliche Aktualität des Themas.“ (Buchblog Wordworld)

Gleich lesen: Herz im Fadenkreuz: Liebe in Zeiten des Terrors

Leseprobe:
Seit mehr als vier Stunden lag er auf dem Dach. Er war Warten gewohnt. Es machte ihm nichts aus. Er konnte sich in Gedanken verlieren, ohne dabei seine Konzentration aufzugeben.
Dabei beobachtete er die Tür und wusste, dass er sofort reagieren würde, wenn sie endlich aufging. Die Sonne schien auf das Flachdach und heizte es auf. Er stellte sich vor, er sei eine Eidechse, die bewegungslos und scheinbar träge Wärme tankte, und war froh, dass er ein kurzärmliges Polohemd trug.
Still lag er auf dem Bauch, das Kinn auf den rechten Arm gestützt, sodass er gerade über den leicht angehobenen Rand des Daches sehen konnte und sein Ziel, die Haustür, im Auge behielt. Sie war braun, aus einem dunklen, sicher sehr schweren und dicken Holz, mit einem kleinen Fenster in der oberen Hälfte, vor dem sich ein schwarzes, schmiedeeisernes Gitter wand. Die Tür hatte keine Klinke, sondern einen schwarzen Knauf. Die Hauswand neben der Tür war weiß, die Farbe sah noch unverbraucht und frisch aus. Rechts von der Tür wuchs ein kleiner grüner Busch. Er hatte jede Einzelheit, die er von seinem Platz aus sehen konnte, in sich aufgenommen. Von seiner Position aus zählte er fünf graue Natursteinplatten. Insgesamt waren es zehn Meter bis zur Vorgartenpforte. Die sah er nicht, weil sie außerhalb seines Blickfeldes lag, aber er wusste, dass sie da war. So wie er mit der Anlage des Hauses und der Nachbarschaft vertraut war. Er hütete sich vor unnötigen Bewegungen, streckte sich nur ab und zu, um nicht im entscheidenden Moment zu steif zu sein. Es roch schwach nach dem trockenen Moos, das stellenweise am rissigen Rand des Daches wuchs. Ein kleiner Käfer krabbelte über seinen Arm. Es kitzelte leicht.
„Schläfst du schon, mein Süßer?“, flüsterte plötzlich eine sanfte Stimme in seinem Ohr.
Er lachte leise. „Nein“, murmelte er. „Du?“
Das hochfeine Mikrofon, das neben der Knopfleiste seines Hemds steckte, fing seine Stimme auf, egal, wie leise er sprach.
„Oh, es wird langweilig. Wann kommt der Kerl endlich?“, sagte die Stimme in seinem Ohr.
„Vielleicht kommt er gar nicht raus.“
„Irgendwann wird er rauskommen. Er hat sicher noch was anderes zu tun heute. – Hast du eigentlich noch gar keinen Hunger?“
„Nein.“
„Ich habe schon zwei Käsestangen gefuttert.“
Es raschelte so laut, dass er mit der linken Hand unwillkürlich an den winzigen Kopfhörer im Ohr griff.
„Was war das?“
„Die Tüte.“
Er hörte, wie sein Partner lachte, und stellte sich vor, wie er gemütlich im Auto saß und eine Käsestange nach der anderen vertilgte. Er grinste in sich hinein.
„Okay, Darling, konzentrier dich wieder auf den Job.“
Damit kehrte erneut Ruhe ein, und er gab sich wieder seinen Gedanken hin, die ihm ganz alleine gehörten und nichts damit zu tun hatten, dass er auf diesem Dach lag. Eine Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht, er pustete sie beiseite. Er dachte an Vietnam. Er erinnerte sich gerne an die Zeit dort, an die Abende am Strand, wenn sie am offenen Feuer gegrillt hatten, und an die Ausflüge mit dem Boot hinaus auf das Meer mit seinem klaren, türkisfarbenen Wasser. Er dachte an die Strandläufe, die er vermisste, weil er gerne lief, aber eben nicht auf hartem Asphalt und in dreckiger Stadtluft. Er erinnerte sich auch an das Training in der offenen Halle, an die angenehme Kühle der glatten Matten auf der erhitzten Haut. Die Bilder zogen langsam vorbei und brachten auch die passenden Gerüche und Geräusche mit – den Duft nach Salzwasser und Seetang, nach geröstetem Fisch, die Stimmen in der Dunkelheit am Strand, das Rauschen der Wellen und das Klatschen, wenn ein Körper auf der Matte aufschlug.
Plötzlich bewegte sich die Tür. Alle Gedanken an Vietnam waren sofort ausgeschaltet, die Gegenwart ins Zentrum gerückt, er war bereit.
„Achtung“, murmelte er in das Mikrofon.
Der erste Mann war breitschultrig und trug einen dunklen, etwas zu engen Anzug, besonders das Jackett spannte über dem massigen Oberkörper. Bodyguard. Der zweite war ein hochgewachsener älterer Herr mit sorgfältig gekämmten grauen Haaren, Koteletten und einer eleganten Brille mit Goldrahmen. Er ging aufrecht und war größer als seine zwei Begleiter. Der dritte, drahtig und wie der erste im dunklen Anzug, machte den Abschluss. Noch ein Bodyguard.
Der Schütze auf dem Dach zögerte keine Sekunde. Sein Training übernahm das Handeln, seine Bewegung war blitzschnell und fließend. Er wusste, dass er nur eine Chance hatte, zog geräuschlos sein G28 DMR über den Rand und hatte das Ziel im Fadenkreuz. Sein Puls beschleunigte sich, aber seine Hand blieb ruhig. Es sah den Kopf des alten Mannes, die eisgrauen Augen, die Nasenwurzel. Die Nasenflügel des Mannes bebten leicht. Er schoss.
Es gab nur ein dumpfes Plopp. Er schickte noch einen Schuss hinterher, bevor er sich, ohne einen Blick über den Rand des Daches zu werfen, mitsamt Gewehr zur anderen Seite wegrollte, während drei, vier Schüsse durch den Vorgarten peitschten. Ein kurzer Wutschrei folgte, Rufe, aber er hatte schon die andere Seite des Daches erreicht.
„Ich komme“, stieß er hastig hervor, ließ das aufgerollte Kletterseil herunterfallen und hielt sich bereits daran fest, als es sich noch in der Luft vollends auseinanderfaltete. Unten angekommen, riss er an dem Seil, um es von dem Haken im Mauerwerk zu lösen, aber es hing fest.
„Lass das Seil!“
Hinter ihm stand der weiße Sportwagen, die Beifahrertür war offen, der Motor lief, und er sprang hinein, warf das G28 DMR auf den Rücksitz und schlug die Tür zu. Der Fahrer startete sofort durch, schoss aus dem Hinterhof und war schon auf der Straße, als der Schütze noch eine Decke über die Waffe auf dem Rücksitz warf und sich anschnallte.
„Hast du ihn?“, fragte der Fahrer.
Der andere zuckte mit den Achseln, zog sich den Kopfhörer aus dem Ohr, löste das Mikrofon und steckte beides in die Brusttasche seines Polohemds.
„Ja, ich glaube. Ich wollte nichts riskieren und schauen.“
„Klar. Den Tag möchte ich erleben, an dem du nicht triffst.“
Der Fahrer warf einen Blick in den Rückspiegel. Niemand folgte ihnen.
„Alles okay, Darling?“
„Ja, danke. Der Dreckskerl hatte nichts anderes verdient.“
Der Fahrer hielt ihm kurz die Hand hin, und er schlug ein.
„Wieder einer.“

Buchtrailer:

Im Kindle-Shop: Herz im Fadenkreuz: Liebe in Zeiten des Terrors

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