29. August 2017

'Sternchen im Katzenklo' von Jule Stephan

Warum soll immer alles nach Plan laufen? Warum nicht mal seinen Gynäkologen daten oder für HIV-Prävention in Vampirfilmen auf die Barrikaden gehen?

Während sie Pläne schmiedet, um die Weltherrschaft zu erlangen, lässt die Protagonistin nichts anbrennen. In Auseinandersetzungen zwischen ihrem inneren Mahatma Gandhi und dem unglaublichen Hulk zieht der sympathische Inder oft den Kürzeren. Und dann ist da auch noch Napoleon, der seine Nase überall reinstecken muss.

Herzlich willkommen im Kopfchaos der Violetta Weinstein! Wer hier den roten Faden sucht, sollte lieber aufhören zu stricken.

Gleich lesen: Sternchen im Katzenklo

Leseprobe:
Wenn ich im Wartezimmer sitze, habe ich immer die besten Einfälle. Die Ungewissheit und der Duft aus Angstschweiß und Desinfektionsmitteln beflügeln meine Phantasie und setzen ungeahnte Kräfte in mir frei.
So war es auch heute. Meine Psychologin hatte mir den Auftrag gegeben, ein Tagebuch zu führen. Auf diese Weise könne ich meine Gedanken ordnen und diese Ordnung würde sich auf mein Leben übertragen. So viel zur Theorie.
Um einen persönlichen Bezug zu meinem Tagebuch herzustellen, sollte ich ihm einen Namen geben. Schließlich vertraut man seine Gedanken nicht jedem Hans Wurst oder Otto Normalverbraucher an. Doch einen passenden Namen zu finden, war gar nicht so leicht. Wie das erst für werdende Eltern sein musste!
Ich betrachtete die Motivations-Bilder an der Wand, die eine angenehme Arbeitsatmosphäre herstellen sollten und ließ meine Gedanken kreisen. „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“, riet mir eins der Bilder. Unmöglich, sich von solchen Bildern motivieren zu lassen, gab die Stimme in meinem Kopf ihren Senf hinzu. „Yes, you can“, entgegnete ein anderes Bild. Aus der Perspektive eines erfolgreichen US-Präsidenten sagt sich sowas leicht. Doch mit meinem halbfertigen Philosophiestudium und einem schlecht bezahlten Aushilfsjob sahen die Dinge anders aus. „Du kannst alles sein, was du willst“, beteuerte ein drittes Bild. Ich denke, der Staatsanwalt sieht das anders, wenn ich beschließe, Rennfahrerin auf den Kölner Ringen zu sein oder eine Operation am offenen Herzen durchzuführen.
Ich wandte mich wieder meiner eigentlichen Aufgabe zu. Ein Name musste her. Der erste Name, der mir einfiel, war Frank. Frank fand ich gut. Der Name ist eingängig und strahlt die Sympathie eines Sonntagabendnachrichtensprechers aus.
Andererseits hatte ich einmal ein vorübergehendes Techtelmechtel mit einem Frank und das endete mit einem gebrochenen Herzen. Bis heute hat Frank mir nicht verziehen. Und sein Bruder ebenfalls nicht.
Zu Ralf allerdings, habe ich keinen persönlichen Bezug. Zu ihm könnte ich das Vertrauensverhältnis aufbauen, das für mein Tagebuch notwendig war. Auf der anderen Seite ist Ralf ein schlechter Zuhörer. Außerdem hat er den IQ eines Motivationsbildes.
Rüdiger andererseits ist sehr gebildet. Ich stellte mir einen alten, Pfeife rauchenden Herren mit Windsorknoten vor, der in der Bibliothek sitzt und Tolstoi liest. Ein Schauer lief mir über den Rücken bei dem Gedanken, wie ich Rüdiger von meinen nächtlichen Eskapaden mit Franks Bruder erzähle und ich verwarf die Idee wieder. Ich brauchte definitiv etwas Kumpelhafteres! Vielleicht Kevin!
Aber Kevin? Das ist eher eine Diagnose und kein Name. Beim Jugendamt wird doch sofort eine neue Akte angelegt, wenn ein Kevin geboren wird. Der scheidet also auch aus. Ein bedeutungsvollerer Name muss her. Eventuell Karl?
Karl klingt groß und mächtig. Aber ich habe ein flaues Gefühl im Magen, wenn ich diesen Namen höre. Erst ersticht er mich nachts mit seinem Schwert und dann zieht er los, um Europa einzunehmen. Nein, Karl ist nicht gut!
Ich blickte im Wartezimmer umher. Neben mir warteten noch eine junge Frau, die ihre rote Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte und ein Mann um die vierzig, dessen Adlernase über einem hochgezogenen Rollkragenpullover weit hinausragte. Er starrte mich mit seinen kleinen schwarzen Augen durchdringend an.
Vielleicht sollte ich besser einen Frauennamen nehmen. Warum eigentlich nicht? Frauen sind viel einfühlsamer als Männer. Mit Uta würde ich meine Gedanken eher teilen, als mit Rainer. Aber Uta? So nennen doch nur Jutebeutel tragende Bäumekuschler mit Ei-Ersatz legender Baumwoll-Sojamilchsauzucht ihre Kinder.
Was ist mit Elke? Sofort fing eine Stimme in meinem Kopf an, Die fette Elke von den Ärzten zu singen. Ich wippte mit dem Fuß hin und her und strich Elke von meiner Liste.
Ich sollte einen gediegeneren Namen nehmen. Maria vielleicht. Der ist zwar religiös behaftet, aber einem Pfarrer vertraut man doch auch seine dunkelsten Geheimnisse an. Andererseits habe ich mit Ausnahme der Sixtinischen Kapelle in einem Italienurlaub vor fünf Jahren noch nie eine Kirche, geschweige denn einen Beichtstuhl, von innen gesehen. Wahrscheinlich würden die Engelsstatuen im Chor „Go home“ singen und ich beim Überschreiten der Türschwelle in Flammen aufgehen. In Italien ist es übrigens gesetzlich verboten, sich als Prostituierte Maria zu nennen. Aber Chiara-Noemi ist ok.
Die Frau mit der roten Mütze fing an, die Melodie von „Time to say Goodbye“ zu summen und wippte dazu im Takt mit ihren schwarzen Lackstiefeln auf und ab.
Plötzlich hatte ich eine Eingebung. Ob von oben oder unten, konnte ich nicht genau sagen, aber es war der perfekte Name für meine Zwecke. Er klang wie eine liebevolle, weit entfernt verwandte Großtante, die mir Zitronentee nachschenkt, während ich über die Welt nachdenke und auf einer ausgelutschten Ottomane aus Vorkriegszeiten sitze und selbstgebackene Schokoladenkekse in mich hineinstopfe. Natürlich von der Großtante selbstgebacken und nicht von mir!
„Frau Weinstein, bitte!“ Die Arzthelferin kam mit einem Klemmbrett zwischen ihren rot geschärften Krallen hineingestöckelt und blickte erwartungsvoll über den Rand ihrer Brille in die Runde.
Ich erhob mich langsam und betrat das Behandlungszimmer von Frau Dr. Lux. Ja, Gisela ist ein schöner Name, dachte ich zufrieden und ließ mich in den schweren Sessel fallen.

Im Kindle-Shop: Sternchen im Katzenklo

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