27. Oktober 2017

'Himmelhochjauchzendhellblau' von Ulrike Busch

„Nicht mit mir!“, donnert der verwitwete Schorschi Scholz, als seine Söhne ihn zum Umzug in ein Seniorenwohnheim drängen. Doch schließlich lässt er sich auf das Abenteuer ein. In der ’Herbstsonne’, idyllisch im beschaulichen Grotenbeek gelegen, wird er ungewollt zum Hahn im Korb.

Seine Tischnachbarin Sonja reißt ihn aus seiner Trauer. Die längst erwachsenen Kinder der beiden Senioren sind darüber nicht begeistert. Schorschi selbst plagt das schlechte Gewissen: Was würde seine verstorbene Alma sagen, wenn er eine neue Partnerin fände? Als weitere Damen um ihn buhlen, wird es ihm zu bunt. Er flüchtet sich an den Timmendorfer Strand. Dort nimmt sein Leben eine ungeahnte Wendung. – Ein Liebesroman für Senioren und gleichzeitig ein Familienroman.

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Leseprobe:
Schlafquengelig schlurfte Schorschi Scholz aus dem Schlafzimmer im ersten Stock seines Einfamilienhauses. Die linke Faust boxte sich ihren Weg durch den widerspenstigen Ärmel des blau-weiß gestreiften Bademantels. Mit der rechten Hand fuhr der morgenlahme Witwer sich gedankenverloren durch das volle graue Haar. Gemächlich wollte er sich in die Küche begeben, um den Kaffee aufzusetzen.
Plötzlich wurde er von dem markdurchdringenden Klingeln der Türglocke aus seinen Wachträumen gerissen. Er polterte die hölzerne Wendeltreppe hinunter, verknotete den Gürtel des Bademantels und hastete den Flur entlang auf die Eingangstür zu.
Dass er sein Ziel nicht erreichte, lag an dem schmalen Läufer, der seit zweiundzwanzig Jahren die Fliesen zierte. Wie auch immer es dazu gekommen war, der Teppich hatte sich verzogen; am vorderen Ende hatte sich eine schicksalsträchtige Welle gebildet. Schorschi stolperte darüber und der in gedeckten Farben gemusterte Teppich kam unaufhaltsam auf ihn zu.
Im Sturz taumelnd, riss Schorschi den metallenen Schirmständer um. Der wiederum brachte die ebenso kostbare wie hässliche Bodenvase aus dem Gleichgewicht. Das Stück mit dem filigranen Blumenmuster war ein Geschenk seiner Schwägerin zum fünfzigsten Geburtstag von Alma gewesen, seiner vor acht Monaten verstorbenen Frau. Wie oft hatte Schorschi diesen Platzfresser, der einfach immer im Weg stand, schon verflucht!
Während der Hausherr zu Boden ging, beobachtete er, wie das gute Stück auf den harten Fliesen zerbrach. »Au!«, schrie Schorschi, als er mit dem Ellenbogen gegen die Wand knallte und den Bruchteil einer Sekunde später der Länge nach halb auf dem Läufer, halb auf den Fliesen aufprallte. Verdattert blickte er sich um. Tausend Porzellanscherben lagen über den Flur verstreut. Nun würde er die Vase endlich entsorgen können, ohne Alma gegenüber ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Doch dies war nicht der rechte Augenblick, sich darüber zu freuen.
[…]

»Eins ist mal klar«, schleuderte Alfred seinem Vater sechs Stunden später aus dem Autotelefon entgegen, »in deinem Haus bleiben kannst du auf gar keinen Fall. Ich hole Bernhard gleich vom Bahnhof ab. In einer knappen Stunde sind wir bei dir. Dann besprechen wir alles Weitere. Spätestens zum Ende dieses Jahres ist das Haus verkauft, das garantiere ich dir. Ist ein optimaler Zeitpunkt jetzt, ein echter Verkäufermarkt. Dich bringen wir in einem hübschen Seniorenwohnheim unter, dann musst du dich um nichts mehr kümmern. Und da passiert so etwas wie heute auch nicht mehr.«
»Und noch eins ist klar«, brüllte Schorschi zurück. »Ich bestimme immer noch selbst über mein Leben. Ich bin ein erwachsener Mann. Mein Arzt attestiert mir einen klaren Verstand. Niemand außer mir entscheidet, wo ich bleibe. Niemand, hörst du?! Nur weil mein Herz ein bisschen aus dem Tritt geraten ist nach Mutters Tod und weil ich jetzt ein einziges Mal in meinem Haus gestürzt bin, muss ich mir noch lange nicht alles aus der Hand nehmen und mich in ein Heim abschieben lassen!«
Wütend knallte er den Hörer in die Basisstation und schnaubte seinem Spiegelbild zu, das ihn aus dem facettengeschliffenen Kristallspiegel über dem Telefontischchen anblickte. Kopfschüttelnd ging er in die Garderobe und griff nach seiner Jacke. Wie betäubt wandte er sich zur Terrassentür, stapfte in den Garten und ließ sich auf der Bank vor der hohen Buchenhecke nieder.
[…]

Jäh zerriss die schrille Türglocke die spätsommerliche Stille. Schorschi schreckte auf, schritt trotzig zur Tür und legte seine Hand auf die Klinke. Er zögerte einen Moment, bevor er seine Söhne hereinließ, und vermied es, den beiden ins Gesicht zu blicken.
Bernhard ging auf ihn zu und umarmte ihn. »Papa, was machst du denn für Sachen?!« Er trat einen halben Schritt zurück, legte seinem Vater die Hände auf die Schultern und sah ihm in die Augen.
Schorschi suchte in Bernhards Blick nach Halt. In den letzten Stunden hatte sich die Situation für ihn mehr und mehr zu einer schwer erträglichen Ungewissheit entwickelt.
Alfred drängte sich mit einem kurzen »Hallo« an den beiden Männern vorbei, marschierte in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein.
Der jüngere Sohn geleitete seinen Vater ins Wohnzimmer. Schorschi hatte den Kaffeetisch lustlos mit drei Tassen bestückt und eine Dose mit englischen Keksen in die Mitte gestellt, die er vorhin in der Vorratskammer gefunden hatte. Sie stammte noch von Almas Streifzügen durch die kleinen Spezialitätenläden in der Hamburger Innenstadt.
Bernhard sah sich die Blessuren seines Vaters an. Wenig später brachte Alfred die Glaskanne mit dem frisch gebrühten Kaffee herein. Alle drei setzten sich an ihre Stammplätze aus der Zeit, als sie noch unter einem Dach lebten. Almas Stuhl blieb unbesetzt, doch Schorschi erschien es, als säße seine Frau bei ihnen und beobachtete sie. Beinahe hätte er nach ihrer Hand gegriffen.
Ein, zwei Minuten lang saßen sie stumm, fast ein wenig verlegen da und rührten in ihren Kaffeetassen herum. Dann platzte es wie auf Kommando aus den Söhnen heraus, als hätten sie sich abgesprochen: »Du musst in ein Seniorenheim!«
Alfred saß stocksteif da und sah seinen Vater mit vorgestrecktem Kinn an. Schorschi kam es vor, als wäre Alfred der Vater, der über das Schicksal seines kleinen, widerborstigen Jungen bestimmte, und er, der Achtzigjährige, wäre der Sohn.
Bernhard beugte sich zu seinem Vater vor und ergänzte in fürsorglichem Ton: »Sieh mal, du kannst nicht auf Dauer allein in diesem Haus bleiben. Was kann dir hier nicht alles passieren, ohne dass es jemand bemerkt?! Und außerdem: In dieser Einsamkeit gehst du ein wie eine Primel.«
Das allerdings wäre Schorschi egal gewesen. Sollte er doch eingehen! Dann könnte er bald wieder bei Alma sein. Aber dieses Haus lebend verlassen? Das käme ja gar nicht in Frage! Das Geld für den Bau hatten seine Frau und er sich hart erarbeitet. Ein halbes Leben hatten sie hier verbracht, ihre Söhne unter diesem Dach großgezogen. Und hier, genau hier, spürte Schorschi Almas Geist. Das Haus trug ihre Handschrift. In allen Räumen begegnete ihm ihre Seele. An den Wänden hingen Gemälde, die Alma über die Jahrzehnte hinweg in kleinen Galerien an ihren Urlaubsorten ausgesucht hatte. An Nord- und Ostsee, in Bayern und den Niederlanden, in Österreich und Italien und später auch im Erzgebirge und auf Rügen.
Familienfotos, sogar die alten, mit der Zeit stark vergilbten Hochzeitsfotos standen dicht nebeneinander auf dem Sekretär. Urlaubsfotos. Alma mit verführerischem Lächeln im flotten Badeanzug Anfang der Fünfziger am Bodensee. Eine stolze, strahlende Alma mit den beiden kleinen, adrett gekämmten und gekleideten Jungen auf dem Schoß. Alma an ihrem fünfzigsten Geburtstag in dem eleganten Chanel-Kostüm, das er ihr auf einer Städtetour in Paris gekauft hatte. Und hier, ganz edel eingerahmt: das Foto vom Tag ihrer goldenen Hochzeit. Eine große Feier war das gewesen. Noch gar nicht so lange her …
Schorschi wandte den Kopf ab und sah nach draußen: Und im Garten blühten immer noch die Blumen, die Alma, seine Alma mit dem grünen Daumen, liebevoll gepflanzt, gehegt und gepflegt hatte. Überall duftete es nach Alma. Solange sie in diesem Haus gelebt hatte, war ein Aroma wie von frischen Erdbeeren allgegenwärtig gewesen. Eine Spur davon meinte Schorschi jetzt noch zu atmen. Doch das musste Einbildung sein. Denn mit Alma, so glaubte er, hatte ihn der Sommer mit all seinen Düften und seiner Leichtigkeit und Lebendigkeit für immer verlassen.
Schwermut überkam ihn. Seine Söhne hatten vielleicht nicht ganz unrecht: Was sollte er so allein in diesem Haus? Sich Tag für Tag das ›Essen auf Rädern‹ liefern lassen, ein kurzes Dankeschön an den Fahrer und dann schnell die Tür schließen, bevor die Mahlzeit kalt wurde? Ab und an den Lieferanten vom Supermarkt einlassen, die bestellte Ware entgegennehmen, dem Mann die Scheine in die Hand drücken, sich wortlos das Wechselgeld aushändigen lassen und wieder allein sein – keine Zeit für einen Plausch, der nächste Kunde wartet? Einmal die Woche der Putzfrau die Tür öffnen, sie mit einem knappen »Guten Tag« begrüßen, sich hinausstehlen, um nicht im Weg zu stehen; vier, fünf Stunden später zurückkehren und die Dame mit einem »Guten Weg« verabschieden? Verdammt, und irgendwo da oben wartete Alma auf ihn. – Was hatte er vom Leben noch zu erwarten?
Etwas in Schorschi wehrte sich gegen seine eigenen düsteren Gedanken. Was war los mit ihm? Er hatte doch nie zuvor im Leben einfach aufgegeben. Gab es nicht vielleicht doch eine Möglichkeit, etwas anderes zu tun, als Tag für Tag hier zu sitzen und zu warten, ohne zu wissen, worauf?

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