24. November 2017

'Dark Spirit: Das Vermächtnis' von Silvia Maria de Jong

Er begehrt sie vom ersten Moment an, da er sie gesehen hat. Doch sie ist die Frau seines Bruders!

Der unerwartete Tod seines Bruders Tristan, zwingt Kiran Carmichael nach Schottland, in seine Heimat zurückzukehren. Tristans Tod eröffnet Abgründe, welche die gesamte Existenz der Familie bedrohen. So auch Julias, die Frau, an die Kiran vor vielen Jahren sein Herz verlor. Er muss den dunklen Schatten seiner Vergangenheit begegnen und die tiefverschütteten Geheimnisse offenbaren, wenn er die, die er liebt, retten will ...

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Leseprobe:
Erschrocken wich sie zurück. Beschämt darüber, sich so kurz nach dem Tod ihres Mannes in den Armen eines Anderen zu finden. Was war nur mit ihr los? Kiran war immer ein Bestandteil ihres Lebens gewesen, nicht zuletzt als ihr Schwager. Doch alles Weitere hatte sie aus ihrem Kopf, ihrer Seele und ihrem Herzen gebannt. An jenem Tag, da sie Tristan das Ja-Wort gab.
Sie streckte die Hand aus und berührte mit zitternden Fingern den goldenen Anhänger, welcher auf seiner Brust ruhte. Halb vom Brusthaar verborgen, spiegelte er das schwache Licht, welches aus dem Nebenzimmer herein fiel.
Andächtig schloss sich ihre Hand um das Schmuckstück, dessen edles Material noch Kirans Körperwärme trug.
„Ich kann nicht glauben, dass du ihn noch immer trägst“, flüsterte sie so ergriffen, dass ihr fast die Stimme versagte. Die Finger seiner linken Hand schlossen sich um ihre, während er mit der Rechten behutsam ihr Kinn anhob, um ihr in die Augen sehen zu können.
„Seit jenem Tag, als du mir die Kette angelegt hast, habe ich sie nicht mehr abgenommen, Juls.“ In seinen Augen lag ein Verheißen, das sie ängstigte und ihr zeitgleich einen Schauer des Begehrens über die Haut jagte. Seine Stimme klang dunkel und rau als er flüsterte: „Wir sind wie Engel mit nur einem Flügel…“
„…müssen einander umarmen, um fliegen zu können“, vollendete sie ehrfürchtig den Satz mit ihm.
„Du erinnerst dich daran?“
Ein trauriges Lächeln zeichnete sich in seine Züge.
„Ich erinnere mich an jede Sekunde dieses Abends. An jedes Wort, das wir gesprochen haben. Jeden Kuss, den wir geteilt haben…“ Blitzschnell legte sie ihm einen Finger auf die Lippen und brachte ihn somit zum Schweigen.
„Psst…Bitte, Kiran. Tu das nicht. Nicht heute Nacht.“ Ihre Stimme bebte, so sehr nahm der Moment sie gefangen. Sekundenlang schien es ihm nicht zu gelingen sich von ihr zu lösen, dann jedoch siegte der Verstand über das Herz. Mit einem leichten Nicken löste er widerstrebend seine Hand von Ihrer.
Julia öffnete die Finger und betrachtete den feingearbeiteten Engelsflügel in ihrer Handfläche. Sicher kein Meisterstück, aber mit Abstand das Wertvollste, was sie je gearbeitet hatte.
Ganz am Anfang ihrer Ausbildung zur Goldschmiedin, hatte sie eben jenen Flügel für Kiran kreiert. Einen für ihn, und das passende Gegenstück für sich. Damals hatte sie geglaubt, die Welt läge ihnen zu Füßen. Das Leben selbst, glänzend, wie dieses Stück Gold in ihrer Handfläche vor ihnen. Nur wenige Monate später war Kiran aufgebrochen in ein Leben, in dem es augenscheinlich keinen Platz für sie zu geben schien. Einmal mehr hatte sie in dem zarten Alter von siebzehn Jahren, so alt wie Damian heute war, erfahren müssen, wie unendlich schmerzhaft Verluste waren.
Mit dem Daumen strich sie behutsam über das feingearbeitete Relief der Federn, spürte einen Hauch der Freude von damals, als sie Stunden damit zugebracht hatte, jede Einzelheit fein hervor zu heben.
„Warum verliert man immer die, die einem am liebsten sind?“ Sie wusste nicht genau, ob sie die Frage Kiran oder sich selbst stellte. Unsicher hob sie den Blick und sah ihn an. „Jaden, der plötzlich und unvermutet aus dem Leben gerissen wurde.“ Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel bei dem Gedanken an ihren Bruder, der gerade volljährig war, als er diesem schrecklichen Unfall zum Opfer fiel. Bis heute wusste sie nicht genau, was an jenem Tag geschehen war. Stets hatte man sie damit getröstet, dass sie noch zu jung sei um das Unfassbare zu begreifen. Sie war jung gewesen, zwölf Jahre alt. Doch auch später hatte sie niemand wirklich darüber aufgeklärt, was in jener Nacht geschah. Ihre Mutter, dachte sie voller ungebändigtem Schmerz, war dem Sohn nur wenige Monate später in das kühle Grab gefolgt.
Kiran hob die Hand und wischte die Träne fort. Etwas Apathisches lag in seinem Blick, das sie ängstigte.
„Von all meinen Brüdern war Jaden immer der, der mir am nächsten stand. Ihn zu verlieren war…“ Sie schüttelte den Kopf. Der Worte beraubt, versuchte sie sich zu fangen. „Und dann du.“ Mit dem Finger strich sie behutsam über die tiefe Narbe, welche seine rechte Augenbraue in zwei Teile spliss. Kiran zuckte erschrocken zusammen. Julia hatte plötzlich den Eindruck, dass er tausende Kilometer entfernt schien. Sein Körper, so dich bei ihr, dass seine Wärme sie wie eine Liebkosung umfing. Sein Geist jedoch, schien auf einer anderen Ebene zu verweilen.
„Dich zu verlieren, Kiran, hat mich fast meines Verstandes beraubt. Von einer Sekunde auf die Nächste warst du fort. Über Nacht. Ohne jeglichen Abschiedsgruß…“ Der Schmerz ließ ihre Stimme brechen.
„Julia…“, sagte er heiser, und in diesem einen Wort lag so vieles verborgen, dass es sie ängstigte, diese Dinge zu ergründen. Sie hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen, bevor er weiter sprechen konnte.
„Du musst mir nichts erklären, Kiran. Die Zeit für Erklärungen ist lange vorbei…“ Unter dem Schleier ihrer Wimpern hindurch begegnete sie seinem Blick. Schuld und Sühne sprachen zu gleichen Teilen daraus. Berührten sie so tief, dass sie versucht war, sich seinen Erläuterungen hinzugeben. Zu erfahren, was ihn damals dazu veranlasste, alle Brücken hinter sich nieder zu reißen. Was es war, das noch heute diesen gequälten Ausdruck in seinen Augen heraufbeschwor.
Mit einem tiefen Aufstöhnen zog er sie in seine Arme und ließ sich mit ihr auf die Matratze sinken.
„Ich verspreche dir, ich werde dich nicht anrühren. Aber ich könnte es nicht ertragen, dich in einer solchen Nacht allein zu lassen. Zu wissen, das du hier liegst, gequält von Selbstzweifeln, die dir aufgebürdet wurden“, flüsterte er rau. Sie hob das Kinn und sah ihn an. Mit dem Finger strich er zärtlich über ihre Wange, fuhr durch die dichten Strähnen ihres dunkelroten Haares.
„Du hast dir nichts vorzuwerfen, Julia. Du warst Tristan stets eine treue, sorgende Ehefrau. Jeder, der etwas Anderes behauptet, lügt.“
Sie senkte die Lider aus Angst, er könne die erschreckende Wahrheit in ihren Augen lesen. Körperlich war sie Tristan treu gewesen, doch ihre Seele und ihr Herz hatten stets nach etwas verlangt, das er ihr nicht geben konnte, egal wie sehr er sich auch mühte.

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Mehr über und von Silvia Maria de Jong auf ihrer Website.



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