8. Dezember 2017

'Stockwerk Liebe' von Maria Resco

Es war nicht gerade Connys beste Idee, den Arzttermin ausgerechnet auf den 23. Dezember, einen Tag vor Weihnachten zu legen. Wie hätte sie auch ahnen können, was sie in der Praxis ihrer Hausärztin erwartet?

Während sie in einem Nebenraum auf die Weiterbehandlung wartet, feiert das Praxisteam vorn im Empfang den letzten Arbeitstag des Jahres und lässt die Korken knallen. Plötzlich verstummt der Lärm, eine Tür fällt dumpf ins Schloss, dann ist es still. Bedrückend still.

Conny hält den Atem an, als sich ihr Verdacht bestätigt: Alle sind gegangen, sie wurde eingesperrt, man hat sie dort vergessen! Zu allem Übel sorgt noch ein technischer Defekt dafür, dass weder Telefon noch Internet funktionieren. Hoch oben im siebten Stock und von der Außenwelt abgeschnitten sieht sie sich bereits das Weihnachtsfest in Einsamkeit verbringen. Bis sie merkt, dass sie nicht allein ist.

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Leseprobe:
Freitag, 23. Dezember 2016

Conny zögerte. Was, wenn er steckenblieb, ausgerechnet heute, einen Tag vor Heiligabend? Das wäre die Krönung ihrer Pechsträhne. Sie sah es genau vor sich: Sie betritt den Fahrstuhl, drückt auf die Sieben, er setzt sich in Bewegung, dann ein Ruck – und er steht still. Nichts geht mehr. Rien ne va plus. Sie hängt fest. Irgendwo zwischen Erdgeschoss und siebtem Stock hängt sie fest.
Wie angewurzelt stand sie davor und starrte in den engen Käfig. Mit einem leisen Ratschen schob sich die Metalltür langsam zu. Impulsiv setzte sie ihren Fuß dazwischen. Sieben Stockwerke zu Fuß? Jederzeit. Nur heute nicht. Ihre Zeit war knapp bemessen und sie hatte noch kein einziges Weihnachtsgeschenk. Außerdem kam Unvorhergesehenes immer überraschend, also würde sie nicht steckenbleiben, schließlich sah sie es vorher. Diese Logik wischte ihre letzten Zweifel fort. Entschlossen betrat sie den Fahrstuhl und drückte auf die Sieben. Doch als die Tür sich wieder schloss, wich die Gewissheit einem unbehaglichen, einem bedrohlichen, einem erstickenden Gefühl. Kurzerhand quetschte sie sich durch den letzten noch offenen Spalt hinaus ins Freie und nahm die Treppe. Glück gehabt.
Abgekämpft, aber wenigstens in Freiheit, erreichte sie die Praxis von Doktor Sandra Fröhlich. Sie öffnete die schwere Stahltür und steuerte auf den Empfang zu.
»Constanze Bischoff. Ich habe einen Termin um zehn.«
»Ach so?« Patrizia, die junge MTA hinter dem Empfangstresen, zog die Augenbrauen hoch und warf einen Blick auf die Uhr an der Wand.
»Ich weiß, ich bin etwas spät, aber …«
»Lassen Sie mich raten: Sie standen im Stau.«
»Ja, das auch …«
»Willkommen im Club«, flötete jemand von irgendwo hinter oder unter dem Tresen.
Patrizia lächelte verschmitzt nach unten. Ein junger Mann kniete zu ihren Füßen und streckte jetzt seinen Kopf in die Höhe. »An einem Tag wie heute …«, grinste er breit und verschwand mit seinem Schraubenzieher wieder in der Versenkung.
»Tja, sind heut etwas out of order«, erklärte Patrizia schulterzuckend. »Ich komme nicht ins System. Theoretisch kann also jeder behaupten, einen Termin zu haben.« Sie kicherte, als hätte sie einen guten Witz gemacht und blickte wieder neckisch hinunter zu dem Techniker.
Conny fand das nicht witzig. Ausgerechnet heute! Wenn sie eines nicht leiden konnte, war das Improvisation!
»Und was heißt das jetzt? Muss ich etwa wieder gehen?«
»Ach was«, rief Britta, eine weitere Arzthelferin, die gerade aus dem hinteren Bereich nach vorn marschierte. »Out of order ist heute nur unsere liebe Patrizia, wie mir scheint.«
Patrizias Grinsen verschwand augenblicklich und machte einer verlegenen Röte Platz. Britta steuerte den Aktenschrank an und öffnete die Schublade.
»Wie war der Name?«
»Bischoff«, sagte Conny.
»Das kannst du dir sparen«, sagte Patrizia. »Wir sind schon bei F.«
»Ach! B ist schon im Keller?«
Patrizia nickte.
»Und das bedeutet?« fragte Conny ungehalten.
»Nichts weiter. Nehmen Sie doch bitte im Wartezimmer Platz, Sie werden dann aufgerufen. Es ging doch früher auch ohne Computer.«
Schon, dachte Conny, aber da gab es wenigstens Patientenakten. Sie sah hinüber in den Wartebereich, der zum Empfang hin offen war. Fünf Patienten saßen dort. Was das bedeutete, war nicht schwer zu errechnen. Fünfmal eine viertel Stunde – mindestens! Sie sollte die provisorische Situation für sich nutzen.
»Es geht ja bei mir nur um die Besprechung des Routinechecks«, säuselte sie Britta zu. »Dauert nur ein paar Minuten, wenn überhaupt. Vielleicht können Sie mich ja ...«
»Vorschieben?«, fragte Britta lauter als nötig und warf Conny einen strafenden Blick zu. Aus dem Warteraum klang unwilliges Murren.
Na klar! Das hätte Conny sich ja denken können. Improvisation ohne Flexibilität! Jeder Erstsemester-Betriebswirt weiß, dass das nur in die Hose gehen kann.
»Und wie lange wird es in etwa dauern? Regulär, meine ich?«
Über ihre Brillenränder hinweg spähte Britta hinüber in den Wartebereich. »Dreißig, sagen wir, vierzig Minuten, mit etwas Glück geht’s schneller, kann aber auch länger dauern, gute Stunde vielleicht, allerhöchstens aber bis zwölf. Dann ist hier nämlich Feierabend.«
Nichts Genaues weiß man nicht, kam es Conny in den Sinn, ein flacher Spruch, den Joe gern vom Stapel gelassen hatte, und zwar immer dann, wenn die Zeit für eine konkrete Antwort reif war. Damit hatte er sie so manches Mal zur Verzweiflung gebracht. Nichts Genaues weiß man nicht! Nur eines hatte er genau gewusst: Dass er fortgehen würde. Aber das war lange her. Wie kam sie jetzt ausgerechnet auf Joe? Der war doch gar nicht ihr Problem.
Sie beugte sich den unabänderlichen Tatsachen, hängte Mantel und Schal an die Garderobe und wählte den freien Platz direkt am Fenster.

Im Kindle-Shop: Stockwerk Liebe

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