19. Januar 2018

'DIE UN-VOLLENDETE' von Heike Adami

So nah und doch so fern.

In der Kindheit verbrachten sie gemeinsam Sommerferien auf arabischem Boden. Jahre später sehen sie sich wieder. Auf jüdisch/palästinensischem Territorium. Der arabische Student Bashar und sein Cousin Jonah, der israelische Soldat. Zwei Cousins - Zwei Religionen. Der uralte Konflikt im Nahen Osten hält Einzug in eine Familie.

Eine Familiengeschichte, die Ihre Perspektive neu justieren kann! Stellen Sie sich vor, Sie haben einen jüdischen und einen muslimischen Enkel oder Cousin. Wie würden Sie über den Nahostkonflikt denken?

Dieser Roman basiert auf meiner Familienkonstellation, mit jüdischen und muslimischen Enkeln. Intensive Recherche vor Ort verleiht dem Roman eine noch würzigere Authentizität.

Gleich lesen: DIE UN-VOLLENDETE

Leseprobe:
Mit einem Ruck zog Abdul die Tür auf und schaute in dunkle fremde Augen. „Ah, du musst Bashars jüdischer Cousin Jonah sein. Der Soldat im israelischen Militär.“ Wie wäre Jonahs Reaktion gewesen, hätte ich gesagt, dass er einer des Stammes Israel ist, der meinen Freund auf dem Gewissen hat? Abdul hielt seine wahren Gedanken zurück.
Die Musik aus der Bibliothek hatte sein Gemüt umschlungen. Donnernde Paukenschläge vertrieben langsam die Sonne am Himmelszelt. Abdul schaffte es, einen Sonnenstrahl einzufangen und setzte die Begrüßung mit angenehmeren Tönen fort. „Das ist Premiere. Ich beglückwünsche dich. Diese menschliche Kombi Jude und Soldat betrat noch nie unseren palästinensischen Boden.“

Bashar hörte Abduls Worte. Im schnellen Schritt lief er zur Tür, um Schlimmeres zu verhindern. Er ahnte Ungutes. Bashar dachte nicht, dass Abdul dieses Thema in seinem Willkommensgruß aufnehmen würde. Doch beim nächsten Atemzug kamen seine Ohren in den Genuss, freudenvollere Worte zu hören.
„Aber lass dich nicht aufhalten und komm herein.“ Abdul hatte sich im Griff. Seine Stimme schwang zart wie Engelsflügel. Inzwischen erreichte Bashar die Tür. Neugierig auf Jonahs Reaktion, schaute er über Abduls linke Schulter in das Gesicht seines halbjüdischen Cousins.
Jonah zeigte nicht die von ihm bekannte felsenfeste Haltung. Dennoch behielt er seine militärische Ausstrahlung.
„Hallo, mein lieber Cousin, lass dich begrüßen“, rief Bashar ihm mit einem Lächeln zu. Er wollte aufkommende Wogen glätten, bevor große Wellen das Boot kippen könnten. Bashar drängelte sich neben Abdul zwischen Tür und Wand. Abdul ging automatisch zur Seite. Bashar reichte Jonah fröhlich die Hand. Erleichterung trat in Jonahs Gesicht.
„Die Sonderübung scheint noch immer in deinen Knochen zu stecken.“ Bashar musterte Jonah wie ein Feldwebel.
„Nicht nur das“, antwortete Jonah frustriert.
„Weißt du, Abdul“, Bashar blickte zwischen beiden hin und her, „Soldat Jonah Segal musste eine Sonderübung ausführen, weil er an der Grenze den Dienst verweigerte.“ Bashars Worte klangen süffisant. Abduls Augen hingen nachdenklich an Bashars Gesicht.
„Der Schuss an der Grenze“, wiederholte Bashar. „Der Schuss in den Ball, der mein Leben rettete.“ Bashars Mimik zeigte amerikanische Lockerheit. Ein glanzvolles Lächeln sollte die unterkühlte Situation aufwärmen. „Abdul, ich weiß, an was du denkst, aber wir können hier nicht dem schwarzen Kater freien Lauf geben.“
Abduls Gesicht verzog sich zu einer schiefen Grimasse. „Meinst du, den schwarzen Peter weitergeben?“ Bashar nickte. „Nein, Bashar, das können und wollen wir nicht, aber mich überflog das Gefühl, den schwarzen Peter verbal zurückgeben zu müssen.“ Abdul wandte sich wieder seinem halbjüdischen Gast zu. „Jonah, ich bin Abdul. Komm erst einmal herein, bevor wir dich vergraulen und du es vorziehst, gleich wieder zu gehen“, forderte er Jonah auf und schloss hinter ihm die Tür, nachdem dieser eingetreten war.
„Nein, das glaube ich nicht. Eure tolle Einladung ist eine wunderbare Abwechslung zu den letzten Tagen. Außerdem habe ich heute Sonderurlaub.“ Jonahs schneeweißen Zähne erhellten seine Gesichtszüge. In seiner Zivilkleidung mit Jackett über einem weißen Hemd und anliegender Leinenhose kam sein Körper pfiffig zum Vorschein. Kurze Haare, zwei Millimeter fehlten zur Glatze. Gebräunte Haut durch die Sonnenstrahlen, die Israel und Palästina erwärmten, verhalf den jungen Männern zu extra Sexappeal. Jonahs athletische Figur verriet den sportlichen Typen. Die Summe daraus konnte die Herzen aller Frauen brechen. Und sicherlich nicht nur innerhalb der sogenannten „jüdischen Großfamilie.“
In der Lounge hielt Bashar inne. „Wie war deine Sonderübung?“
Jonah wedelte mit der Hand, als wolle er den Rauch eines Feuers vertreiben. „Es war ein Horrortripp. Ich musste in glühender Mittagshitze auf Pappgesichter schießen. Der karrieregeile Vorgesetzte wollte mich mit allen Mitteln davon überzeugen, wieder zur Terroreinheit zu gehen. Aber ich will das nicht.
Auf Unschuldige schießen ist nicht mehr mein Ding. Ich habe nochmals den Dienst verweigert und musste zum Chef.“
„Das klingt nicht nach einem Spaziergang mit schlecker-lecker Eis“, sagte Bashar und grinste.
„Du hast ja keine Ahnung!“ Jonah zog eine Miene, die nach Glaubersalzgeschmack aussah. „Vergessen wir das Thema“, sagte Jonah resigniert. „Lassen wir uns die gute Laune nicht verderben.“ Jonah warf flehende Blicke in die Dreierrunde.
„Stimmt“, sagte Abdul und ging endgültig vor ins Musikzimmer.
Obwohl sich Jonah im Hause des Gegners befand, zeigte er seine Nervosität mit keinem Wimpernschlag. Das war eines der Ziele der Armee. Aufrechte Haltung und fester Blick in die Augen des Feindes zeigten dem Aggressor, wer das Feld beherrscht. Doch an diesem Abend ging es für Jonah nicht um Macht. Heute hatte er die ehrenvolle Aufgabe, Vertrauen und entgegengebrachte Freundschaft zu vermitteln. Das war es, was er in seinem Herzen fühlte.

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Mehr über und von Heike Adami auf ihrer Website.



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