17. Januar 2018

'Geliebter Feind: Die Schützin im Reisfeld' von Devon Anderson und Suzanna LeMonde

Vietnam, 1967. Über der Erde tobt im ganzen Land ein erbarmungsloser Krieg. Doch unter der Erde, in den Tunneln, dem sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad, der vom Norden Vietnams bis in den Süden reicht, organisiert sich der Widerstand. Kim Lys Bruder Nhut nimmt den gefahrvollen Weg auf sich, Mutter und Schwester in Sicherheit zu bringen, doch als er länger braucht als erwartet, macht sich Kim Ly mit einem Freund auf ins Ungewisse, um nach ihm zu suchen. In einem verlassenen kleinen Dorf treffen sie nicht nur auf ihn, sondern auch auf JiâSun, ein eigensinniges, impulsives und starrköpfiges junges Mädchen, so ganz anders als die zurückhaltende, schüchterne Kim Ly.

Auf der anderen Seite stehen die US- Soldaten Zack und Scott, deren Wege sich immer wieder mit denen der beiden jungen Frauen kreuzen. Und schon nimmt das Leben aller eine unerwartete Wendung.

JiâSun, widerborstig, unbelehrbar und tollkühn, kämpft jedoch ihren ganz eigenen Krieg. Ihr Verhalten sorgt nicht nur innerhalb der Gruppe für Anspannung, sondern auch für offene Abneigung der eigenen Landsleute. Kim Ly geht es besonnener an. Trotz der Verständigungsschwierigkeiten kommen sie den Soldaten näher.

Eine Liebe entbrennt, inmitten von Krieg, Elend und dem schwierigen Leben zwischen den Kulturen, begleitet vom Tod und dem Wunder neuen Lebens.

Gleich lesen: Geliebter Feind: Die Schützin im Reisfeld

Leseprobe:
JiâSun verbrachte nun schon etliche Stunden auf dem Baum und ließ die letzten Tage Revue passieren, als in einigen hundert Metern ein Schwarm bunter Vögel aufflog. Das konnte natürlich mehrere Ursachen haben, andere Tiere etwa, gerade hier in der Nähe des Flusses, aber JiâSuns Instinkt mahnte sie zur Vorsicht. Jede überflüssige Bewegung vermeidend, wechselte sie in der Astgabel die Position und schob ihren schmerzenden Körper den dicken Ast entlang, soweit sie konnte, ohne dass der Ast unter ihr brach, aber doch weit genug, um nach unten und in weiterer Ferne gute Sicht zu haben. Die Stelle, an der die Vögel aufgeschreckt waren, lag auf der anderen Flussseite. Die Minuten verstrichen, ohne dass sie etwas sah oder hörte. Sie beschloss, noch einige Minuten in dieser Position auszuharren, als sich die wogende grüne Wand am anderen Ufer an einer Stelle teilte, und etliche US-Soldaten hervortraten. Sie sicherten vorsichtig nach allen Seiten ab.
Über JiâSuns Gesicht lief ein böses Lächeln. Ihr könnt noch so viel sichern, dachte sie, es wird euch nichts nützen. Langsam legte sie den Sicherungsflügel der M16 mit ihrem Daumen um. Dann stellte sie das Gewehr auf Einzelschuss. Einer der Soldaten holte nun eine Karte hervor und beriet sich mit einem anderen, als JiâSun einen weiteren Soldaten, der sich am Flusswasser erfrischte, anvisierte. Sie drückte sich noch etwas enger an den Stamm des Astes, den Lauf des Gewehres geschützt in der Armbeuge. Sie zog den Finger bis zum Druckpunkt durch. Einen Moment wollte sie noch warten, bis sie den Soldaten erschoss. Eiseskälte hatte ihr Inneres erfasst.

*

Benny Rhodes wollte sich am Wasser etwas erfrischen. Seine Einheit wollte hier Rast machen und dann weiter westwärts gehen und das Gebiet nach Vietcong durchkämmen. Er hatte noch vierzehn Tage vor sich, dann würde er endlich nach Hause zurückkehren können. Zwölf Monate Vietnam lagen hinter ihm und das war seine letzte Tour. Sein Lieutenant hatte ihm persönlich versichert, das er unversehrt daheim bei seiner Familie in New Jersey ankommen würde. Er hielt diesen letzten Einsatz für komplett überflüssig. Seit sie vor zwei Tagen von einem Helikopter des Camps im Dschungel abgesetzt worden waren, hatten sie nicht einen Vietcong zu Gesicht bekommen. Ein paar Kilometer noch, dann würde der Helikopter sie wieder einsammeln und zurück ins Camp fliegen. Und das Thema Vietnam war so gut wie erledigt für ihn. Er freute sich schon auf Sally, seine Frau. Seit fünf Monaten hatte er sie nun nicht mehr gesehen. Er wollte sich gerade aus der Hocke wiederaufrichten, als er von einer unsichtbaren Faust nach hinten geschleudert wurde. Ein heißer Bolzen drang in sein Gehirn. Der einsame Schuss durchbrach trocken die Stille und scheuchte ein paar Wasservögel auf. Dann herrschte wieder absolute Ruhe. JiâSun in ihrem Versteck hoch oben auf dem Baum nahm mit tiefer Genugtuung wahr, wie die anderen Soldaten links und rechts in den Büschen am Ufer des Flusses Deckung suchten. Bei ihnen herrschte absolute Aufregung über die Frage darüber, wo der Heckenschütze, der Rhodes im Fluss erwischt hatte, lag. Ferngläser wurden hervorgeholt. Meter für Meter tasteten die Männer mit den Augen das andere Ufer ab, aber sie sahen nichts. JiâSun jedoch hatte schon ihr nächstes Opfer im Visier. Einen Soldaten, der etwas abseits stand und nun steif vor Angst versuchte, rückwärts in den rettenden Dschungel zurückzuweichen. Gnadenlos sah sie zu, wie er Schritt für Schritt zurückwich, und wusste doch, dass er ihr nicht entkommen würde. Sie zählte dann langsam, ganz für ihr eigenes Vergnügen, bis drei, der Finger krümmte sich erneut. Dann peitschte der Schuss. Er traf Private Jackson, der erst vor vier Tagen im Camp angekommen war, in die Brust. Er fiel ohne einen Laut nach hinten in das hohe Gras. Der nächste, den es erwischte, war der Funker, der gerade auf den Weg in den Fluss war, um Rhodes zu bergen. Wieder bellte ein einsamer Schuss durch den Dschungel. Defort kippte zur Seite und fiel mit dem Gesicht ins Wasser. Sollte er noch nicht tot gewesen sein, so würde er spätestens jetzt ertrinken, mutmaßte JiâSun emotionslos. Mit mitleidigem Lächeln sah sie zu, wie die drei restlichen Soldaten sich in den Dschungel zurückzogen.

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