31. Januar 2018

'Kalendermord' von H.C. Scherf

Der Wald rund um die Ruine der Essener Isenburg - eine Oase der Ruhe und des Friedens. Das ändert sich mit dem Fund einer ersten, grausam zugerichteten Leiche.

Kommissar Sven Spelzer, als erfahrener Leiter der Mordkommission, begegnet einem Serienkiller, der präzise seine unvorstellbaren Taten plant. Der Täter preist seine Morde als Kunstwerke. Wenn bisher ein System sein Wirken steuerte, so ist es die Gier Außenstehender, die eine unfassbare Lawine der Gewalt auslöst.

Gemeinsam mit der Rechtsmedizinerin Karin Hollmann begibt sich Spelzer auf die Suche nach dem Wahnsinnigen. Sie ahnen nicht, welche Hölle die Bestie schon für sie vorbereitet hat.

„Kalendermord“ ist der erste Fall für dieses Ermittlerteam, der sie an ihre Grenzen zwingt.

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Leseprobe:
Die verliebten jungen Leute fühlten sich unbeobachtet, unendlich frei und schwerelos. Sandras Kopf senkte sich am Lenkrad vorbei in den Schoß ihres Freundes, der sie auf hinterhältige Weise dazu verführt hatte. Genießerisch schloss dieser die Augen, presste den Nacken gegen die Kopfstütze. Seinen Atem hielt er für einen Augenblick an, um kurz darauf in ein Hecheln zu wechseln. Verflucht sollte er dafür sein. Oh, wie sehr hasste er diesen Bastard dafür. Gebannt verfolgte der geheimnisvolle Fremde durch den Feldstecher das Liebesspiel, um auch keine Sekunde zu verpassen. Stunden hatte er auf dem kleinen Hügel genau auf einen solchen Augenblick gewartet.
Dämmerung war zwischenzeitlich über die Lichtung gezogen. Sie vermischte sich mit der feuchten Luft des Schellenberger Herbstwaldes. Das Pärchen würde den leichten Modergeruch des Laubes kaum wahrnehmen. Er jedoch liebte diese Zeit, wenn die Blätter der Bäume sich der Vergänglichkeit hingaben. Sie starben, opferten sich, um im Frühjahr neuem Leben Raum zu geben. Nun war es endlich soweit. Er wollte den Lohn des langen Wartens einfordern, schließlich drängte die Zeit. Tagelang beobachtete er bereits den roten Mazda, hatte ihn sogar bis zu dem Haus verfolgt, in dem sein eigentliches Opfer wohnte. Jede Zusammenkunft der jungen Leute hatte er in seinem Notizbuch vermerkt. Zufrieden hatte er beobachtet, wie Sandra Schober die Beifahrertür aufriss und sich wieder einmal auf den Sitz schwang. Das Winken in Richtung der Mutter, die ihre Tochter bis zur Haustür begleitet hatte, quittierte er nur mit einem zynischen Grinsen.
Das Auto gehörte dem Vater des Jungen, der ihn sich zu gewissen Gelegenheiten auslieh. Dazu gehörte auch das Treffen mit seiner neuen Freundin, die er vor einigen Tagen in der Schul-Diskothek kennenlernte. Die Beiden turtelten schon vom ersten Kennenlernen an herum, ohne dass seine Eltern Wind davon bekommen hatten. Da war sich das Monster ziemlich sicher. Warum sonst sollten sie diesen abgelegenen Treffpunkt ausgesucht haben? Und vorgestellt hatte er Sandra noch nicht zuhause. Ihm sollte es recht sein, wenn es keine Mitwisser gab.
Die Augen verfolgten gierig jede Bewegung des Pärchens. Seine Zunge fuhr genießerisch über die Lippen, die bereits von Speichel bedeckt waren. Seine perversen Gedanken kreisten um das Geschehen im Wagen, bis sich das Ergebnis in seinem Schoß durch eine heftige Erektion abzeichnete. Seine Hand verschwand in der Jogginghose, bis er den Kopf des Mädchens wieder auftauchen sah. Keine Sekunde zu früh, denn ihm drohte eine vorzeitige Freude, die er unbedingt vermeiden wollte. Das würde er sich für später aufheben. Den zarten Kuss, den das schwarzhaarige Mädchen ihrem Verführer gab, wartete das Monster noch ab, bevor es das Fernglas wieder in den khakifarbenen Beutel steckte. Das diabolische Grinsen trug nicht unbedingt dazu bei, das Gesicht des Mannes sympathischer erscheinen zu lassen. Die Erinnerung an seine Jugend sprang ihn immer dann brutal an, wenn er diese ekelhaften Liebesakte beobachtete. Seine Finger verkrampften sich immer tiefer in dem Waldboden, die Augen zeigten nun eine beängstigende Härte.
Mit Gewalt riss er sich aus den unerfreulichen Gedanken, ließ sich die Böschung heruntergleiten, bis er sicher sein konnte, dass ihn die Beiden nicht bemerken konnten. Hektisch strich er sich das Laub von der Hose. Schon die bloße Vorstellung, was er mit der Kleinen anstellen würde, vertiefte sein Grinsen. Ein sichernder Blick in alle Richtungen überzeugte ihn davon, dass ihn niemand beobachtete. Seine fließenden Bewegungen zeigten, wie durchtrainiert dieser Körper war, als er sich um den Hügel herumbewegte. Katzengleich näherte er sich dem Mazda. Penibel achtete er darauf, dass er sich von hinten der Beifahrerseite näherte, damit er vom Fahrer nicht durch Zufall im Rückspiegel bemerkt werden konnte. Die Sorge war eigentlich unbegründet, da der junge Mann darum bemühte war, sich in der Enge des Wagens, der Hose zu entledigen. Das Monster bewegte sich schneller, da es befürchtete, dass das eigentliche Opfer schon ohne ihn die Freuden der Liebe erfuhr. Allein diese Vorstellung ließ den Hass auf den Jungen ins Unermessliche steigen. Dieses Vergnügen wollte er selbst genießen.
Nur das leise Rascheln des Herbstlaubs war zu hören, als er um das Fahrzeug herumkroch und sich langsam an der Fahrertür aufrichtete. Der Junge hielt seinen Oberkörper fest gegen die Innenseite der Tür gepresst, während Sandra versuchte, ihm seine enge Röhrenjeans endgültig auszuziehen. Lachend zog sie heftig an den Hosenenden.
Ihr Blick erstarrte augenblicklich, als das Gesicht hinter der Scheibe auftauchte. Das Monster riss im gleichen Moment an dem Türgriff. Mit einem Ausruf des Erschreckens fiel der junge Mann in die Arme des Killers. Sie waren weit ab von jedem Wanderpfad, sodass niemand den Schrei des Mädchens hören konnte. Das Entsetzen schnürte Sandra Schober sofort danach den Hals zu, als sie die riesige Klinge in der Hand des Fremden sah. Ihre Augen weiteten sich, als der Blutstrahl ihr entgegen schoss, der sich aus der breiten Halswunde ihres Freundes ergoss. Bevor sie schützend die Hand vor das Gesicht reißen konnte, brannte das Blut bereits in ihren Augen. Reflexartig verrieb sie es noch weiter durch das Gesicht. Ungläubig starrte sie auf ihre Hände, die sie jetzt schützend Richtung Fahrersitz ausstreckte. Sandra war nicht fähig, auch nur eine Silbe über die Lippen zu bringen. In Bruchteilen von Sekunden hatte sich pure Lebensfreude in Grauen gewandelt. Ihr Körper zitterte unkontrolliert, während sie mitansehen musste, wie der zuckende Körper ihres Freundes brutal aus dem Wagen gezogen wurde. Seine Beine schlugen noch wenige Male verzweifelt aus.
Ich muss hier weg. Ich muss mich in Sicherheit bringen. Die Gedanken schossen ihr durch den Kopf, befahlen ihr, die Tür aufzureißen und tief in den Wald zu rennen. Nichts dergleichen geschah. Die Lähmung hatte ihren gesamten Körper erfasst, ihr jegliche Kraft genommen. Obwohl sie das Wesen wahrnahm, das jetzt um das Fahrzeug herumkam, war sie nicht in der Lage, ein Glied zu bewegen. Die Augen des Monsters waren unentwegt auf sie gerichtet, befahlen ihr, zu warten. Wie unter Hypnose vernahm sie die ungewöhnlich leise Stimme des Mannes, die so gar nicht zum Äußeren passte. Sie fraß sich in ihren Kopf und verursachten einfach nur pure Angst.
»Du bist so verdorben, so abgrundtief verdorben. Ich hasse dich dafür. Du wirst mir gehören – für immer. Ich werde dir deine verdammte Seele nehmen.«
Es waren die letzten Worte, die sie vernahm, als auch ihre Tür aufgerissen wurde und die harte Faust ihr Gesicht traf. Sie spürte nicht mehr, dass sie über die Schulter geworfen wurde. Mit geschmeidigen Schritten bewegte sich der Mann tiefer in den Wald. Niemand hätte seitlich des von Efeu zugewachsenen Hauses eine Falltür vermutet, hinter einer dicken Laubschicht versteckt. Wie einen Müllsack warf der Mann seine Fracht auf den Boden, legte den Griff frei, an dem er den schweren Deckel anhob. Während er sein Opfer langsam in das Loch hineingleiten ließ, murmelte er unverständliche Worte vor sich hin. Dann stieg er selber hinein. Die Pforte zur Hölle hatte sich geschlossen.

Im Kindle-Shop: Kalendermord

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