14. Februar 2018

'Zissa: Psychothriller' von Cornelia Harz

Vertraue niemals blind, denn du könntest es bitter bereuen.

Zissa glaubt seit vielen Jahren, ihr Vater wäre ein herzensguter, sozial engagierter Mensch, der Arbeitslosen bei einem Neueinstieg ins Leben hilft. Doch in Wahrheit missbraucht er sie nur als Opfer für seine wirklichen Seminarteilnehmer, Führungskräfte, die ihre Beißhemmung verlieren sollen, indem sie lernen, ohne Skrupel zu foltern und zu töten. Zissas Vater ist eiskalt. Um die Kontrolle über seine Tochter nicht zu verlieren, steht für ihn fest: Auch ihr Freund Markus muss sterben.

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Leseprobe:
»Und jetzt stichst du zu«, sagte Zissas Vater. »Es ist ganz leicht.«
Sein Schüler, ein Mann Anfang dreißig, saß dem Opfer am Tisch direkt gegenüber. Er sah Herrn von Waldschildt mit großen Augen an und zupfte an seinem Hemdkragen.
»Nur keine Hemmungen!« Zissas Vater lachte und umrundete die beiden mit ganz langsamen Schritten. »David, wenn du später Entscheidungen treffen sollst, kannst du es dir auch nicht leisten, ewig zu zögern.«
Die Lampe flackerte. Es drang nur ganz wenig Tageslicht durch die vergitterten Kellerfenster, aber auch die Sonne hätte den kühlen Raum nicht wärmer erscheinen lassen. In der Mitte stand dieser schwere, rustikale Holztisch. Eine Ecke des Raums war weiß gefliest, oben ein Duschkopf, direkt darunter ein Abflussgitter. Und über die kompletten Wände erstreckten sich große Regale, in denen die verschiedenen Folterutensilien einsortiert waren.
Das Opfer kauerte auf seinem Stuhl. Der Mann war hager, schien ohne jegliche Kraft. Seine zusammengefallenen Tattoos ließen es nur erahnen, was für ein muskulöser Kerl er mal gewesen sein musste. Er war an dem Stuhl festgebunden und seine Hände steckten in Lederriemen, die sie hilflos auf dem Tisch fixierten.
Herr von Waldschildt verdrehte seine Augen und seufzte. Jedes Mal wieder hatten die Neuen Probleme, diesen ersten Schritt zu tun. Kaum zu glauben, alle waren danach zu viel grausameren Taten fähig, aber dieser erste Schritt, er fraß von fast jedem Einzeltraining die meiste Zeit. »Du musst nur eine kleine Stecknadel nehmen und sie ihm in den Handrücken rammen«, sagte Zissas Vater. Er nahm eine Stecknadel aus dem Plastikkästchen, drehte sie in seinen Händen und stach sie dem Opfer ganz plötzlich unter die Haut.
Der Mann schrie, erst ganz laut, dann immer leiser werdend.
Herr von Waldschildt beobachtete ihn. »Siehst du?«, fragte er David. »Genau da wollen wir ihn haben, klein und wimmernd.« Er spuckte dem Opfer ins Gesicht.
Schweißperlen rannen an der Stirn seines Schülers hinunter. »Ich kann das nicht!«, protestierte er. »Ich kann niemanden verletzen.«
»Dann wirst du beruflich nicht viel Erfolg haben, schade. Das Studium, jahrelange Schinderei …« Herr von Waldschildt seufzte erneut. »Alles umsonst, weil du zu weich bist«, ergänzte er deutlich und laut.
David, er hätte das Spiegelbild seines Opfers sein können. Auch er saß nun zusammengesackt auf seinem Stuhl und starrte stumm auf die Tischplatte.
»Du kannst es dir aussuchen: Entweder du bist in diesem Leben Opfer oder Täter. Und ich denke nicht, dass du so eine armselige Kreatur werden willst wie unser Freund hier.« Zissas Vater blieb hinter dem Opfer stehen und machte eine Pause. »Aber vielleicht hast du ja auch nicht das Potenzial …« Er beobachtete sein imaginäres Messer, das sich ganz tief in das Ego seines Schülers gebohrt hatte. Mit diesem Spruch hatte er schon jeden dazu gekriegt, seine Hemmschwelle zu überwinden.
Und tatsächlich griff auch David in die kleine Plastikbox, nahm eine Stecknadel heraus und pikste damit seinem Opfer in den Handrücken.
»Oh mein Gott, welcher Schmerz«, spottete das Opfer und lachte.
»Siehst du, genau das passiert dir, wenn du nicht gradlinig deine Ziele verfolgst. Du wirst verspottet, die Rollen haben sich verschoben. Dieser kleine Wicht hier meint nun tatsächlich, er wäre stärker als du.« Zissas Vater nahm nun zwei Stecknadeln heraus und rammte sie noch stärker in die Handrücken des Opfers, eine links und eine rechts.
Das Opfer verzog das Gesicht und gab keinen weiteren Ton von sich.
»Dann hätten wir das ja geklärt«, sagte Herr von Waldschildt und wandte sich wieder an seinen Schüler. »Skrupel, Zögern, Mitgefühl, das alles bringt dich nicht weiter. Du entscheidest und handelst. Ohne Handeln sind Entscheidungen nur leere Worte.«
»Herr von Waldschildt, ich schätze Sie sehr, aber dennoch bin ich mit Ihren Methoden nicht einverstanden«, sagte David und sah ihn nun wieder direkt an.
»Und darf ich erfahren, warum?«
Der Schüler richtete sich auf. »Ich bin sehr gut ausgebildet und ein Teil meiner Ausbildung war die Vermittlung von Sozialkompetenz.«
Zissas Vater grinste. Jetzt kam ihm schon wieder einer mit dieser ausgelutschten Sozialkompetenz. »Ihr habt das alle nicht begriffen.« Er schüttelte den Kopf. »Das richtige Wort müsste heißen: Scheinsozialkompetenz. Oder glaubst du wirklich, dass man erfolgreich eine Abteilung oder gar ein Unternehmen führt, weil man ständig die sozialen Belange berücksichtigt? Du musst Gewinn erzielen. An der Breite des Lächelns deiner Mitarbeiter wirst du nicht gemessen, an deinen Zahlen schon.«
»Aber wir sind Menschen und keine Monster«, entgegnete David.
»Wenn du ein Mensch sein willst, steht es dir frei zu gehen«, sagte Herr von Waldschildt trocken. »Wenn du Erfolg haben willst, bleibe und lerne.«

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