14. März 2018

'Galaktische Reisen 1: Pegaren' von O.E.Wendt

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Sein erstes Raumschiff, seine erste Crew und sein erster außerplanetarischer Auftrag führen Brendan in ein einziges Desaster. Aber Geld muss her. Mit einem verschrobenen Professor und dem Prototyp eines eigenwilligen Roboters macht er sich auf. Ahnungslos soll er eine geheime Fracht zu einem Fixpunkt im Uma-System bringen.

Er weiß nicht, dass es sich hierbei um eine fremde Lebensform handelt, derer seine Auftraggeber sich entledigen wollen. Mit seiner Hilfe sollen gewisse Spuren verwischt und er zum Schuldigen einer hochbrisanten Tat gemacht werden. Die Entdeckung gigantischer Konstrukte, mit deren Hilfe dem jahrzehntelangen Reisen im Kälteschlaf ein Ende bereitet werden könnte, lässt zudem Neid und Machtlust aufkeimen in den ehemals befriedeten Planetensystemen der Menschheit und stürzt die Nationen in ungeahnte Konflikte, in deren Chaos auch Brendan Farbe bekennen muss.

Leseprobe:
Raumschiffsmarkt
Den Beginn seiner Selbstständigkeit hatte sich Brendan völlig anders vorgestellt. Doch inzwischen war er sich wenigstens im Klaren dar­über, dass er an seinen momentan sehr eingeschränkten Finanzen selbst Schuld hatte. Der Gebraucht­markt für Raumschiffe fand alljähr­lich auf der kleinsten Orbitalstation, die Little Silence in seiner Ro­tation folgte, statt. Er war weder spektakulär noch populär. Die wirklich guten Schiffe wurden dort nicht feilgeboten. Die Station diente einst als Quarantäne-Zwischenstopp für potentielle Immigran­ten, zu Zeiten, in denen Little Silence noch Bodenspekulanten anzog. Inzwischen wurde sie privat verpach­tet und verschiedensten Zwe­cken zugeführt. Entsprechend ramponiert und ungepflegt sah das Gravirad mit seinen zahlreichen Dockbrücken aus.
„Über den Preis kann man sich immer einigen“, meinte der stoppelbär­tige und ungepflegte Verkäufer zu Brendan und versuchte da­bei so unschuldig wie nur möglich dreinzublicken, was ihm bei den drei Zahnlücken und der verschmutz­ten Kleidung nur schwer gelang. Brendan ärgerte sich jetzt bereits, dass er diesen Stand angesteu­ert hatte und stehengeblieben war. Es war sein erstes Schiff und entsprechend wenig Erfahrung brachte er für die Verhandlungen mit. Er ver­suchte es sich nicht anmerken zu lassen, denn der Kauf war längst überfällig. Nicht nur, weil das Geld von Chrysanthemia stammte, sondern auch, weil er es ihr vor ihrem Tod versprochen hatte. Er sollte sich diesen Traum erfüllen, das war ihr großer Wunsch gewesen. Ein Traum jedoch sah anders aus. Das, was Brendan von den Live-Übertragungs-Sonden außerhalb der Station zu sehen be­kam, war mickrig. Aber es war so ziemlich die letzte Gelegen­heit, überhaupt noch ein Schiff zu bekommen. Alle anderen Schiffe, die ihn zunächst interessiert hatten, lagen absolut jenseits jegli­cher Erschwinglichkeit.
Um die beiden herrschte reges Treiben. Brendan wunderte sich, dass, entgegen des schlechten Rufs dieses Marktes, die Gänge voll waren und die Leute sich an den vielen Ständen regelrecht vorbeischieben mussten. Er fasste sich mit einer Hand ans Kinn und betrachtete die Bildschirme, die das Objekt seiner gedämpf­ten Begierde von etlichen Sei­ten zeigten. Er verzog dabei das Gesicht und ging sich mit der anderen Hand durchs dichte dunkel gelockte Haar. Dann schaute er den kauzigen Verkäufer an. Waren seine eigenen Haare etwa auch so fettig? Seine letzte Verabredung in Consumpia hatte es gemocht, wenn sie ihm locker in die Stirn fielen.
„Wie viele Leute gehen da rein, sagten sie?“, fragte er, immer wieder zweifelnd auf die Bildschirme blickend. Obwohl der Verkäufer sich glücklich schätzen durfte, dass er überhaupt einen Interessenten gefun­den hatte, war er ungeduldig und fühlte sich unwohl in der Rolle eines vertrauenswürdigen Mannes.
„Junge“, sagte er, sich seinen Bauch kratzend. „Wie ich schon sagte, normaler­weise zwei, maximal vier. Wenn sie die Frachträume aus­bauen noch mehr.“
„Mein Name ist Brendan, Mr. Talg“, sagte er daher. Ein Junge war er wahrhaftig schon lange nicht mehr und ungeachtet seiner Unerfahren­heit stieß ihm die herablas­sende Art des Verkäufers sauer auf.
„Hä?“ Den ersten Preis für intelligente Mimik würde Talg niemals gewinnen.
„Sie wollen das Schiff doch verkaufen, oder? Wie hieß es noch…?“ Brendan ver­suchte nun Desinteresse zu bekunden, was ihm noch nicht einmal schwerfiel.
Harry!“, antwortete Talg, nun wieder bemüht freundlich zu bleiben. Dieser junge Schnösel brauchte ja nicht ahnen, dass er Spielschulden bis zum Hals hatte und der alte Raumhobel das Letzte in seinem Be­sitz war, was er noch in Bares umwandeln konnte. Selbst seine Frau hatte schon diverse Male herhalten müs­sen, um Gläubiger im wahrsten Sinne des Wortes zu befriedigen. „Harry 8, be­nannt nach dem vorherigen langjährigen Besitzer.“
„Sie sind also der zweite Eigentümer, ja?“, setzte Brendan zuversicht­lich voraus. Doch Talg druckste herum und murmelte: „Der Drei­zehnte.“ Bevor Brendan aber et­was erwidern konnte, schlug er hastig vor: „Wollen sie an Bord einen kleinen Rundgang machen?“
„Der Dreizehnte?“, entwich es Brendan. Er schüttelte den Kopf. „Wieso wechselt ein Schiff derart oft den Besitzer? Nein, also ich glaube nicht, dass damit alles in Ordnung ist, Mr. Talg.“
„Die Leute sind sprunghaft, wissen sie?“, versuchte Talg zu erklären. Er wirkte unbeholfen und kläglich in seiner Gestik, doch hinter sei­nen Augen blitzte ebenso eine jahrelang praktizierte Verschlagenheit auf, die Brendan jedoch entging. Er bat Brendan weiter hinein in sei­nen kleinen Stand und breitete einige verblichene Pläne vor ihm aus.
„Ich weiß, es ist Papier“, sagte er und tat, als sei das in Wahrheit gar nicht ungewöhn­lich. „Aber manchmal ist es wirklich hilfreich, des Überblicks wegen. Und ich mag Papier. Ja, ich mag Papier.“
Brendan sah ihn verwirrt an. Papierpläne von technischen Geräten oder sogar Raumschiffen waren ihm lediglich aus Filmen bekannt. „Können sie es mir nicht auf einem der Bildschirme zeigen?“, fragte er und würdigte die zerknitterten Rol­len auf dem Tisch keines Bli­ckes.
Talg verdrehte die Augen. „Ist nicht eingescannt…“
Das war der Moment, wo Brendan doch lieber auf das Schiff verzich­ten und sich anderswo umschauen wollte. Es sprach einfach zu viel gegen dieses Schiff, viel­mehr noch gegen diesen Verkäufer. Er wandte sich kopfschüttelnd ab und ver­suchte in der vorüberziehen­den Menge Platz zu finden. Weshalb war es auf die­sem zweitklassi­gen Markt bloß so voll? Nie zuvor hatte er derart viele Vertreter unter­schiedlicher Kulturen gesehen.
„Nun warten sie doch, junger Mann…aehm, Mr. Brendan. Warten sie!“ Talg stol­perte ihm unbeholfen hinterher. Etliche Passanten beobach­teten neugierig das weitere Geschehen. „Das alles lässt sich natürlich auf den Preis anrechnen. Hören sie! Ich gebe ihnen nochmal zehn Prozent Rabatt und einen kostenlosen Probe­flug. Na, wie finden sie das Angebot?“ Bereits zwei Stände weiter, drehte sich Brendan wieder um. Im Prinzip konnte er sich selbst die Harry 8 gar nicht leis­ten. Und mit diesem Schiff würde er sich unter Garantie eine Menge Ärger einhan­deln. Aber in seinem Leben musste es endlich einmal vorangehen. Er schwankte zwischen dem Wunsch, endlich irgendein Schiff zu kaufen und der Vernunft, gerade jenes dort nicht zu neh­men.
„Zwanzig Prozent und eine komplette Tankfüllung“, entgegnete er entschlossen. Er sah, wie Talg schockiert nachrechnete. Die Leute schau­ten konsterniert.
„Fünfzehn – und keine Tankfüllung.“ Das Lächeln dieses Mannes passte zu sei­ner gesamten Art. Brendan drehte sich wieder herum: „Vergessen sie es!“ Er hoffte inzwischen, dass das Geschäft nicht zu­stande käme. Er wollte das Schiff gar nicht mehr. Mit dem Erbe von Chrysanthemia wäre das neueste Modell der Meier-Werft drin gewe­sen. Aber er musste sich ja unbedingt dieses unglaublich große Anwe­sen mit dem alten Herrenhaus zulegen. Zugegeben, das Haus und die weiten Grünflächen waren in der Tat ein Traum – aber kei­ner, mit dem er hätte Geld verdienen können.
„Na gut, na gut!“, hörte er Talg hinter sich prusten. Er traute seinen Ohren nicht.
„Na gut?“ Ungläubig starrte er Talg über die Menge hinweg an.
„Kommen sie schon, sie Halsabschneider“, sagte Talg grimmig. „Wir regeln den Rest am Stand.“
Wieso hatte er sich bloß auf diesen Typen eingelassen? Widerwillig ging er nun, die ihm entgegenkommenden Leute unabsichtlich anrem­pelnd, zurück zu Talgs Stand – und kaufte das Schiff. Als die Formalitäten erledigt waren, grinste der sichtlich erleichterte Talg breit und überzeugte sich mehrfach auf einem seiner Bildschirme da­von, dass der Geldtransfer auch tatsächlich stattgefunden hatte. Dann übergab er Brendan den Schiffs-Code und zeigte ihm noch, wo die Harry angedockt lag.
„In zwei Tagen, wenn der Markt vorbei ist, müssen die Docks ge­räumt sein“, sagte Talg, während er seine Unterlagen zusammen­raffte und gen Ausgang strebte. „Danach wird es richtig teuer. Die nehmen hier einiges an Dockmiete. Aber die Harry ist ja atmosphären­tauglich. Sie können sie gleich mitnehmen, wenn sie wollen.“
„Und der Tank?“, wollte Brendan wissen. Er fühlte, wie sehr er übers Ohr ge­hauen worden war, gleichzeitig aber auch seine Machtlosigkeit et­was dagegen zu un­ternehmen. Geschäft war Geschäft.
„Ist sowieso randvoll“, meinte Talg eher beiläufig. „Das weiß man doch. Gehört zum Deal dazu, Junge! Schönen Tag noch.“ Er hob an zu gehen.
„Noch eine Frage, Mr. Talg!“ Er hielt ihn einfach am Ärmel fest, wo­raus sich Talg so­fort mit grimmiger Mine befreite. „Was denn noch?“, blaffte er.
„Was machen die ganzen Leute hier? Die Station ist brechend voll und die wenigs­ten von denen stammen von Little Silence.“
„Junge, du bist von deinem kleinen Planeten wohl echt noch nie runter­gekom­men, was?“, sagte Talg. Er hatte jetzt sein Geld und somit auch noch den letzten Rest von Respekt verloren. „Nicht nur, dass du eine völlige Niete im Verhandeln bist und von Preisen keine Ahnung hast, du scheinst auch sonst nicht viel von deiner Umgebung mitzukriegen. Sagtest du nicht, du seiest Pegar?“ Talg konnte sich ei­nen kurzen Grunzer der Belustigung nicht verkneifen. „Die hier sind fast alles Pegaren. Kommen von überall aus unserem verdammten Spiralarm, um das große Orionfest der Pegaren in Consumpia zu besu­chen. Hat schon ewig nicht mehr stattgefunden. Die Vögel sind teilweise Jahrzehnte im Kälteschlaf gewesen, nur um hier Kontakte zu knüpfen. So bescheuert möchte ich mal sein. So, und jetzt muss ich los. Ach, und sollte irgendetwas mit der Harry nicht in Ordnung sein, regelst du das am Besten über deine Versicherung. Ich hab nämlich keine“, sprachs und verschwand im Gewühl. Brendan wusste nicht, wann er sich das letzte Mal so dermaßen vertrottelt und hochgenom­men gefühlt hatte. Er hatte natürlich keine Versicherung für ein Raum­schiff abgeschlossen und sich über­haupt viel zu wenig infor­miert. Aber wen hätte er auch fragen können? Seine Partykumpanen aus Consumpia? Die diversen Liebschaften, deren Namen er größten­teils noch nicht einmal kannte? Er stand noch eine Weile auf dem Stand und schaute sich die vielen fremden Gestalten an. Tatsächlich mussten die meis­ten von ihnen aus sehr fernen Welten gekommen sein. Sicherlich gab es nur we­nige, die außerhalb des Uma-Systems ihre Heimat hatten, doch auch das wollte er nicht ausschließen. Man­che von ihnen wirkten so fremd, dass er sie schon kaum noch als Men­schen bezeichnen wollte. Es gab Planeten, auf denen sich die Menschen derart hatten anpassen müssen, dass sie sich nun mit entspre­chenden Schutz- und Stützanzügen auf der Station fortbeweg­ten, um mit der örtlichen Standardschwerkraft oder auch der allge­mein üblichen Luftzusammensetzung klarzukommen. In manchen Sonnensystemen waren hochgradige Genmanipulatio­nen durchaus zulässig und legal, in anderen wiederum hatte längst die Nanotechnolo­gie zur äußeren und inneren Hilfe an einstige Anpassungs­schwierigkeiten ihren Beitrag geleistet. Die alten Verfahrens­weisen, den jeweiligen Planeten an den Menschen anzuglei­chen, waren oftmals den neue­ren Möglichkeiten gewichen, die Anatomie des Menschen auf die vorgege­bene Umwelt abzustim­men. Er schaute einer Gruppe Frauen hinterher, die tatsäch­lich ein drittes Auge auf ihrer Stirn hatten. Ein echtes Auge! Sie waren knall­rot geschminkt, vielleicht waren aber auch ihre Hautpigmente verän­dert worden. Jedenfalls zeigten sie recht viel davon, da sie, außer ei­nem metallenem Brust- und Schamschutz, nichts am Leib trugen. Ihre Haare waren hoch aufge­türmt, mit Drähten verflochten und kunst­voll verschnürt. Und sie genossen es offenbar aufzufallen, denn nicht nur Brendan blickte ihnen hinterher. Dann schaute er wieder auf den Zettel mit dem Schiffscode und den Plänen, die er zusam­mengerollt in den Händen hielt und seufzte.
„Na, dann wollen wir uns das Schätzchen mal angucken.“

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