27. März 2018

'Guten Abend, Clarice! oder warum wir Serienkiller lieben' von Peter Waldbauer

Kindle (unlimited)
Eine Satire über die populärste Subkultur der Neunziger

Das Phänomen Serienkiller beherrscht seit über einem viertel Jahrhundert die Medien. Der Startschuss fiel 1989, als der Roman „Das Schweigen der Lämmer“ von Thomas Harris erschien. Zwei Jahre später wurde das Buch verfilmt mit Jodie Foster und Anthony Hopkins in den Hauptrollen. Der Thriller gewann fünf Oskars und begründete die Kultfigur des Dr. Hannibal Lecter.

Seit Anfang der 1990er Jahre haben unzählige Thriller, als Buch oder Film, den Serienkiller zum Inhalt. 2013 startete die amerikanische Fernseh-Serie „Hannibal“. Das anhaltende Interesse kumuliert auch in einer großen Anzahl von Sachbüchern. Das Thema ist zur zeitlosen Subkultur geworden.

Doch das ausgelutschte Genre der Serienkiller-Bücher und -Filme taugt auch hervorragend als Satire. Über das, was als echter Schauer konzipiert worden ist, kann man sich schrecklich amüsieren. In 29 Kapiteln informiert dieses Buch in schaurig-lustiger Weise über Aspekte des Serienkiller-Themas, aufgelockert durch Exkurse unter der schönen Überschrift „Dr. Lecter plaudert aus der Praxis“. Hier stellt „der Doktor“ uns reale Serienkiller vor und zwar relativ sachlich. Auch gibt es kurze Einschübe, in denen „Hannibal“ (also wieder der Doktor) uns Ratschläge erteilt. Wir sollten ihnen folgen, wollen wir nicht schutzlos den Serienkillern ausgeliefert sein. So ist es kein Zufall, dass die gute Clarice uns schon im Titel begegnet, denn die Inhalte der Hannibal-Lecter-Trilogie ziehen sich als roter Faden durchs ganze Buch.

Leseprobe:
Begriffsdefinition und Abgrenzung
Zu Beginn jeder wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit einem Thema (gelehrtendeutsch: Thematik oder Themenbereich) steht die Begriffsdefinition und deren Abgrenzung.

Das sagt der Duden:
„Se/ri/en/kill/er“, der;
ugs. für Serienmörder; lateinisch: homo serienkillus;
beinahe ausnahmslos männlichen Geschlechts;
begeht eine Reihe gleichartiger Morde aufgrund von Obsession (sog. Zwang zur Serie);
juristische Klassifizierung unter § 211, StGB (Mord);
psychiatrische Klassifizierung als Psychopath oder Soziopath; Gewaltstraftäter;
leitet an emotionaler Fehlfunktion und verminderter sozialer Anpassung;
erfolgreiche Therapie bisher empirisch nicht belegt;
der gemeine Serienkiller kommt weltweit vor und jagt bevorzugt allein in freier Wildbahn, selten zu zweit; oft tage- und nächtelanges Auflauern der Beute;
aufgrund familiär-sozialer Konditionierung ist die Spezies nicht vom Aussterben bedroht;
man unterscheidet verschieden Oberarten (organisiert, unorganisiert) und Unterarten (sexueller Sadist, Kannibale, Pyromane, etc.)

Verwandte und Bekannte
Da es den Serienkillern so ungeheuer (!) viel Spaß macht und sie einfach nicht aufhören können (siehe Kapitel „Warum morden Serienkiller immer wieder?“), reihen sie sich nahtlos in die Reihe anderer Serienverbrecher ein:
* Serienvergewaltiger
* Seriensteuerhinterzieher
* Serienbankräuber
* Serienfremdgänger
* Serieneinbrecher
* Serienzechpreller
* Serienbrandstifter
* Serienausredenerfinder
* Serienbombenleger
* Serienabmahner
* Serienbittsteller
* Seriendarsteller
* Serienfernsehschauer (Serienjunkies)
* Serienromanschreiber
* Serienbriefabsender
* Serienversager

Der Titel – Wer darf sich überhaupt Serienkiller nennen?
Ist die Bezeichnung „Serienkiller“ eigentlich gesetzlich geschützt oder darf sie jeder ungestraft für sich verwenden, wie zum Beispiel den Titel „Psychologe“?
Mitte der 1970er Jahre, zu Zeiten von David Berkowitz, bezeichnete man Bluttaten, die ohne jede Gewinnabsicht verübt werden und sich daher von „normalen“ Verbrechen unterscheiden, als „Morde an Unbekannten“. Dies traf den Sachverhalt aber nur oberflächlich, denn viele Täter kennen ihre Opfer sehr wohl (ich sage nur: Nachtsichtgerät und Lieferwagen).
1953 ging John Reginald Christie noch als „Massenmörder von Notting Hill” in die Krimimalgeschichte ein. Etwa dreißig Jahren später fing man an, die „Morde an Unbekannten“ wissenschaftlich zu unterscheiden in: Mehrfachmörder, Massenmörder, Spree-Killer und Serienmörder. Bevor wir aber die Haarspaltemaschine anschalten, der Reihe nach:
Der Mehrfachmörder ist einfach ein nichtssagender Oberbegriff, der lediglich andeutet, dass es um mehr als einen Toten geht. Soweit, so gut, bzw. schlecht. Zum Massenmörder adelt einen die Anzahl von vier Toten, es dürfen natürlich auch mehr sein. Wichtig ist, dass der Killer sie an einem Ort und sozusagen in einem Akt tötet.
Typisch dafür ist etwa der Amoklauf in der McDonalds-Filiale oder an Schulen und natürlich ist ein Massenmord, wie wir aus der Geschichte wissen, beliebig steigerbar. Etwas komplizierter sieht die Sache beim Spree-Killer aus, der irgendwo zwischen Massenmörder und dem klassischen Serienmörder anzusiedeln ist. Auch der Spree-Killer bringt mehrere Menschen um, aber an verschiedenen Orten. Allerdings erfolgt das Töten aus einem Ablauf heraus und damit innerhalb relativ kurzer Zeit. Man denke hier an einen Amokfeldzug durch die Stadt oder jemand besucht der Reihe nach sämtliche Leute, die ihn früher in der Schule geärgert haben, um sie aus dem Genschatz der Menscheit zu entfernen.
Beim Serienmörder hingegen liegt zwischen allen Morden ein gewisser Zeitraum (Tage, Wochen oder sogar Monate) und somit ist jede Tötung ein Einzelfall. Was nicht heißen soll, dass ein Serienkiller nicht auch mehrere Menschen am selben Tatort auf einmal umbringen kann, aber zur Serie wird es eben erst dadurch, dass die einzelnen Taten zeitlich relativ weit auseinander liegen. Mindestens solange, bis der Killer sich zwischendurch wieder abgeregt hat.
Auch die Auswahl der Opfer (gezielt oder nicht gezielt) kann bei der Einteilung in die Kategorien eine gewisse Rolle spielen, worauf wir hier aber nicht weiter eingehen wollen, weil es zuviele Mischformen gibt und die Verwirrung auch so schon groß genug sein dürfte.
Was die erforderliche Anzahl angeht, die der Killer erfüllt haben muss, um in den Genuss einer Serie zu kommen, ist die Wissenschaft über das Steinzeitniveau kaum hinausgekommen. Schon unsere Urahnen errechneten die Anzahl ihrer Feinde mittels komplizierter Arithmetik. Diese ging so: eins, zwei, viele. Ab dann begann die Serie.
Hat der Kandidat es also dreimal (oder öfter) geschafft, dann hat er einen staatlich legitimierten Anspruch auf den schönen Titel „Serienkiller“. Diesen kann er sich in Urkundenform offiziell bescheinigen lassen, einrahmen und stolz übers Bett hängen. Umgekehrt muss der Kandidat natürlich höllisch aufpassen, dass er den Titel erst führt, wenn er die erforderliche Anzahl auch nachweislich erreicht hat. Er könnte sonst schnell wegen Titelmißbrauch gemäß § 132a StGB angeklagt werden. Ehrgeizige Serienkiller machen aber mit dem Erwerb des einfachen Titels noch nicht halt, sondern besuchen regelmäßig Fortbildungskurse an der Volkshochschule und anderen hochqualifizierten Bildungseinrichtungen. Haben Sie die erforderliche Stundenzahl absolviert und die Leistungsnachweise (bürokratendeutsch für Prüfung) bestanden, stehen verschiedene Weiterbildungszertifikate zur Auswahl. Zunächst die klassischen (in aufsteigender Hirarchie):

* Geprüfter Serienmörder (IHK)
* Staatlich anerkannter Serienmörder
* Diplom-Serienmörder (FH)
* Diplom-Serienmörder (DH)
* Diplom-Serienmörder (Uni)

Bei den Diplom-Studiengängen kann der Student der Serienkillerwissenschaften nach dem Vordiplom im anschließenden Hauptstudium verschiedene Schwerpunkte wählen. Zur Auswahl stehen vier Fachrichtungen: Gift & Galle, tödliche Blicke, Totschlagargumente und Killerphrasen. Neben Staatsexamen und Diplom ist künftig (ab 1. April 2525) auch die Möglichkeit zur Promotion und Habitilation geplant. Seit der Hochschulreform sind in Deutschland auch die anglo-amerikanischen Abschlüsse zugelassen. Diese klingen nicht nur weltmännischer, sondern erleichtern auch die internationale Vergleichbarkeit. Die vor Sozialprestige triefenden Titel lauten:

* Bachelor of Hunting
* Bachelor of Murdering
* Master of Blood
* Master of Serial Killing Administration

Nachfolgend die Urkunde für die unterste Stufe. Laut Lehrplan müssen hierfür etwa 1.350 Unterrichtsstunden (die genaue Zahl schwankt von Bundesland zu Bundesland) absolviert werden. Für berufstätige Serienkiller ist auch eine Teilnahme in Teilzeitform möglich.

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