7. März 2018

'Mit leisen Flügeln' von Drea Summer

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Jeder bekommt, was er verdient.

Obwohl Tyler sein andalusisches Heimatdorf Adra nie wieder betreten wollte, muss er nach dem Tod seines Vaters dorthin zurückreisen, um den Nachlass seines Vaters zu verwalten. Nach der Ankunft in Spanien trifft Tyler auf seine Jugendliebe Blanca und wird schon bald mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert. Innerhalb kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse und eine grausame Mordserie überschattet die sonst so friedliche Stille des kleinen Fischerdorfs.

Ermittler Alejandro Moreno Pirezo bekommt mit jedem Mord mehr Fragen als Antworten präsentiert. Was ist das Motiv des Killers und ist es Zufall, dass die Mordserie mit Tylers Ankunft erst so richtig Fahrt aufnimmt? Wird er den dunklen Geheimnissen auf die Spur kommen?

Leseprobe:
Tylers Hände zitterten, nachdem er aufgelegt hatte. Er ließ das Gespräch mit Pedro geistig Revue passieren. In den ersten Sekunden des Telefonats hatte es ihm die Kehle zugeschnürt, aber Sekundenbruchteile später war die Anspannung in seinem Körper der Erleichterung gewichen. Endlich war es so weit. Lange genug hatte Tyler unter ihm gelitten, lange genug wurde er von ihm gequält. Endlich waren sie da: die erlösenden Worte.
»Was ist denn los, Tyler? Du bist so blass … Wer war da am Telefon?« James Stimme war es, die ihn wieder ins Hier und Jetzt zurückholte. Tyler starrte seinen besten Freund mit geweiteten Augen an. Er wollte etwas sagen, bekam aber keinen Ton heraus. James, der direkt neben ihm am Tisch des Kaffeehauses saß, boxte ihn sanft an den Oberarm, sodass Tyler schlagartig seine Stimme wiederfand.
»Mein Vater ist tot. Pedro war am Telefon – der Polizeichef von Adra, einem kleinen Dorf in Spanien, in dem ich aufgewachsen bin. Die Beerdigung ist in drei Tagen. Normalerweise wird man in Spanien wegen der Hitze innerhalb achtundvierzig Stunden beerdigt. Aber wegen meiner langen Anreise, wird die Velatorio, also die Totenwache, erst ab morgen abgehalten. Pedro meinte, es gäbe Kühlmöglichkeiten in der Tanatorio, im Trauerhaus, in der mein Vater aufgebahrt wird«, murmelte er leise und räusperte sich dann. Der Kloß in seinem Hals war noch immer da.
»Oh, das tut mir leid. Herzliches Beileid.« James blickte ihn mitfühlend an.
»Du verstehst mich nicht! Der Scheißkerl ist endlich tot! TOT!«, schrie Tyler es mit lauter Stimme heraus. Tylers Seele jubelte. Einige Gäste im Kaffeehaus drehten sich nach ihm um und schüttelten nur den Kopf.
»Aber … aber du hast mir nie etwas erzählt von deinem Vater, obwohl wir uns schon so lange kennen. Ich dachte, er sei schon länger tot. Und jetzt fährst du dort hin? Soll ich mitkommen?« Ein besorgter Blick folgte.
»Nein, es geht schon. Ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem ich dorthin zurückmuss, und der ist eben heute. Wenigstens hat Pedro sich bereits um die Organisation der Beerdigung gekümmert. Der Notartermin ist in sechs Tagen.« Tyler seufzte leise.
»Notartermin bedeutet Erbschaft. War dein Vater reich?«
»No, reich nicht, aber er hatte ein kleines Haus in diesem Fischerdorf. Brauchst du ein Haus? Ich habe eines zu verkaufen …« Er lachte, obwohl bei dem Gedanken, nach zwanzig Jahren wieder dorthin zurückzumüssen, ein mulmiges Gefühl in ihm aufstieg. Zurück in dieses kleine Dorf … Das Dorf der Erinnerungen an eine schreckliche Zeit.
»Willst du mit mir über deinen Vater sprechen? Ich dachte immer, er wäre schon tot. Du hast nie etwas erzählt.« James legte seine Handfläche auf Tylers Unterarm.
»Für mich ist er auch seit zwanzig Jahren tot, genauer gesagt seit dem Tag, an dem ich von dort fortging und hierher nach Schottland zu meiner Tante kam. Ich habe diesen Alkoholiker nicht mehr ausgehalten.« Tyler starrte ins Leere, während er sprach, und nippte hin und wieder an seiner Kaffeetasse. Die schwarze Brühe war bereits kalt und der Geschmack von verbrannten Bohnen lag ihm auf der Zunge. »Kannst du dich um die Firma kümmern, während ich weg bin? Ich habe heute noch einen Beratungstermin und später noch ein Gruppenseminar zum Thema positives Denken.«
Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es bereits zehn Minuten vor acht war.
»Klar doch. Mach ich. Wir sind doch Partner.«
James nickte und setzte ein gezwungenes Lächeln auf.
»Gut. Wenn was ist, ruf mich an. Ich werde jetzt meine Sachen packen und einen Flug buchen. Bis dann.« Noch während er sprach, stand Tyler auf und streckte seinem Partner zum Abschied die Hand entgegen.
»Guten Flug wünsche ich«, hörte er noch, als er zur Tür hinaus auf die Straße trat. Heute war er ohne Auto unterwegs. Die Sonne versteckte sich hinter dunklen Wolken. Wieder so ein Tag im April, an dem das Wetter sehr unbeständig war. Ihm stand zwar nur ein kurzer Fußmarsch bevor, doch als er das Mietshaus, in dem er wohnte, erreichte, fielen bereits vereinzelte dicke Regentropfen vom Himmel. Er ging durch den langen kalten Flur des Treppenhauses, schloss die Wohnungstür auf und sein erster Blick fiel auf das Bild, das dieser direkt gegenüber hing. Drei fröhliche Gesichter lachten ihm entgegen. Er strich zart über das Gesicht der lachenden Frau. Für einen kurzen Moment meinte er, ihre Anwesenheit zu spüren.
Gedanklich gefesselt blieb Tyler vor dem Bild stehen. Er erinnerte sich zurück an eine andere, nicht weniger schreckliche Zeit in seinem Leben: die Zeit nach ihrer Beerdigung. An die einsamen Abende, an die Verlorenheit, an die vielen Tage der Tränen.
Dann erinnerte er sich auch an seinen Vater und Wut stieg in Tyler auf. Dieses Gefühlsgemisch aus Traurigkeit und Wut hatte er schon lange nicht mehr gespürt. Er schüttelte seinen Kopf, als könnte er so alle gerade aufkommenden Gefühle aus seinem Kopf schütteln. Tief einatmend schaffte er es schließlich, seinen Blick vom Bild zu lösen. Noch immer wie in Trance, setzte er sich dann an seinen Schreibtisch, schaltete den Computer ein und buchte den nächstmöglichen Flug von Aberdeen nach Almeria. Da dieser bereits in zwei Stunden gehen würde, musste er sich nun beeilen und packte ein paar Habseligkeiten in eine kleine Reisetasche.
Handgepäck musste reichen, schließlich wollte er nicht länger als nötig dortbleiben. Tyler zog den Reißverschluss der Tasche zu, warf sich seinen Mantel über den Unterarm und verließ die Wohnung.
An der Straße hielt er das nächste Taxi an und ließ sich den kurzen Weg zum Flughafen chauffieren, während er über sein Smartphone bereits ein Mietauto mietete, das er direkt am Flughafen in Almeria würde abholen können. Zufrieden, nun alles erledigt zu haben, lehnte er sich zurück und versuchte, erst mal an gar nichts mehr zu denken.
Am Flughafen angelangt, holte er das Ticket ab und stellte fest, dass er einen Flug mit zwei Zwischenlandungen gebucht hatte.
»Heute ist wohl nicht mein Tag«, murmelte er, als er in Richtung der Gangway ging.
Der Flug an sich verlief dann etwas holprig, da ein schweres Gewitter über Schottland aufgezogen war. Dennoch verfiel Tyler in einen unruhigen Schlaf, aus dem er immer wieder aufwachte, aufgeschreckt von den Händen, die in seinem Traum nach ihm griffen, ihn hinabziehen wollten in ein dunkles schwarzes Loch. Jedes Mal, wenn er wieder aufwachte, hoffte er, dass dieser Flug bald zu Ende sein und er kurz darauf wieder in einem Flugzeug sitzen würde, das ihn zurück nach Schottland brachte. Wieder zurück in die Sicherheit.
Mühevolle neun Stunden später fuhr er mit seinem Mietauto die spanische A7 entlang. Nachdem er schließlich von der Autobahn auf die Landesstraße abgefahren war, sah er in der Ferne bereits den Leuchtturm, der sich über dem Dorf erhob. Eingekesselt von Gebirge, lag das Dorf in einer von Tyler als ekelhaft empfundenen friedlichen Stille. Pinien und Olivenbäume bedeckten die Ausläufer des Gebirges der Cordilleras Béticas, am Horizont des durch die tiefstehende Sonne glitzernden Meeres waren die Boote der Fischer zu sehen und die Blätter der am Straßenrand stehenden Palmen wehten sanft im Wind.
Das Ortsschild ließ ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Schlagartig waren die Traurigkeit und der Zorn wieder da. Es war fast so, als wäre er niemals fort gewesen aus diesem Dorf, dessen Einwohner wie eine große Familie waren. Hier half jeder jedem, man war füreinander da.

Im Kindle-Shop: Mit leisen Flügeln.
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