13. März 2018

'Soziotopia: oder eine andere Wende 1989' von Ludger Gausepohl

Kindle Edition | Taschenbuch
Der junge Journalist Lukas erlebt als Korrespondent einer westdeutschen Zeitung die ersten Zeichen des Zerfalls des DDR-Regimes. Er verliebt sich in einen Leutnant der NVA und wird Zeuge, dass dieser Teil einer Verschwörung ist: Offiziere der NVA putschen unter Androhung des Gebrauchs einer Atombombe, die sie aus den Lagern der Roten Armee gekapert haben.

Sie zwingen die SED zur Übergabe der Macht und beginnen mit Reformen, die zu einem echten, demokratischeren Sozialismus führen sollen. Der Journalist erlebt private und gesellschaftliche Höhen und Tiefen und verfolgt die Ereignisse im Land bis zu ihrem dramatischen Höhepunkt und verspürt auch Veränderungen in seinem eigenen Leben.

Leseprobe:
Samstag, 27.8.: Als ich am frühen Abend zum Prenzlauer Berg aufbrach, hatte ich den Artikel von gestern bereits telefonisch an die Redaktion durchgegeben. Es wurde höchste Zeit, dass ich eine eigene Wohnung mit Telefon bekam. In meinem Hotelzimmer steht zwar ein klobiges Telefon mit vielen Knöpfen, aber damit kann ich nur die Rezeption erreichen. Ich muss Berichte von Telefonzellen oder aber per Fax vom Internationalen Pressezentrum weiterleiten, wo natürlich alles von der Stasi mitverfolgt wird. Eine weitere Möglichkeit gibt es noch, die ich bisher noch nicht genutzt habe. Ich kann nach Westberlin gehen und dort auf einem Postamt oder in einem Büroservice meine Artikel weiterleiten. Viele meiner Kollegen wohnen mit ihrer Familie in Westberlin, da sie sich dort sicherer fühlen. Aber ich will das Leben in Ostberlin selbst erfahren und hoffe so näher am Puls dieser Stadt und der DDR zu sein.
Montag, den 4. September: Gegen sieben Uhr traf ich Thomas vor dem Burgfrieden, wo ich bereits zehn Minuten an der Tür wartete. In der Zwischenzeit hatte ich mir die Umgebung angesehen. Es gibt noch relativ viele Altbauten, die aber in einem jämmerlichen Zustand sind. Manche Häuser sind sogar abgestützt oder es gibt hölzerne Vorbauten, die Fußgänger vor herabfallendem Putz schützen sollen.
Thomas begrüßte mich mit einem Kuss auf die Wange und wir gingen zusammen in die diesmal sehr volle Kneipe. Mein Begleiter meinte, das sei montags immer so. Wir blieben jetzt im vorderen Raum, da es auch hinten sehr voll war. Wir standen im Gedränge und ich sah mich um. Es wurde viel geschwätzt, gelacht und getrunken, aber ich sah keine Paare, die sich berührten oder küssten. Überwiegend waren Männer da, aber auch einige lesbische Frauen. Nachdem wir uns bei dem ziemlich unfreundlichen Kellner ein Bier bestellt hatten (ich hatte den Eindruck, dass er Thomas bevorzugt bediente, da sie sich wohl gut kannten) klagte mir mein Freund sein Leid. Bisher hatte er keine Mitteilung wegen seines Ausreiseantrags erhalten. Sein Chef hatte ihn jedoch gedrängt, ihn zurückzuziehen. Auch sein Freund Rico wollte lieber in der DDR bleiben, da er im Westen niemals so ein gutes Engagement bekommen würde. Allerdings hatte der von Anfang an gewusst, dass Thomas so einen Antrag gestellt hatte. Ich fragte ihn, was er von der Lage in der DDR halte. Er entgegnete, dass es so, wie es jetzt sei, einfach nicht länger weitergehen könne. Andererseits könne er sich nicht vorstellen, dass sich wirklich etwas ändere. Er überlege, ob er nicht über Ungarn abhauen solle, denn dort werde die Grenze wohl nicht mehr scharf bewacht. Ich wusste nicht, ob ich ihm ab- oder zuraten sollte. Es war sicher riskant. Würde er im Westen wirklich glücklicher sein, getrennt von Freund und Familie? Nach der Flucht gäbe es kein Zurück mehr. Er fragte mich dann, ob ich demnächst vorhabe, nach Westberlin zu gehen. Ich bejahte das. Ich wollte mich informieren, wie ich dort Artikel und Bilder zu meiner Zeitung weiterleiten konnte. Außerdem gehört auch der Westteil Berlins zu meinem Berichtsgebiet. Allerdings sind unsere Leser vermutlich nicht an der dortigen Lokalpolitik interessiert. Nur Besuche von Westpolitikern oder Stars und Sternchen, die Berliner Festspiele und die Berlinale, das große Filmfestival interessieren sie vielleicht. Thomas bat mich, für ihn einen gewissen Geldbetrag mitzunehmen und an einen Freund von ihm zu übergeben. Er bekam immer mal Trinkgelder in Westwährung und wollte dieses Geld nun schon vor seiner Ausreise oder einer möglichen Flucht dorthin schaffen. Sein Freund, ein ehemaliger Ostberliner, der schon vor Mauerbau in den Westen gegangen war, konnte bei seinen Besuchen nicht so viel Geld mitnehmen. Er musste beim Grenzübertritt seine eingeführten Geldbeträge immer genau angeben. Ich stimmte zu. Als wir das Lokal spät in der Nacht verließen, händigte er mir einige Meter davon entfernt einen Briefumschlag, der 200 DM enthielt. Ich steckte das Geld in die Innentasche meiner Jacke und hatte ein etwas mulmiges Gefühl dabei. Sicher verstieß ich mit der Ausfuhr des Geldes gegen Bestimmungen der DDR und gefährdet damit meine Stellung als Korrespondent. Andererseits werde ich bei der Ausreise eher auf Dokumente durchsucht, als auf Geld. Thomas verabschiedete sich von mir und nahm sich ein Privat-Taxi. Ich entschied mich, noch mal in die Kneipe zurückzugehen, denn ich hatte am nächsten Tag nichts vor. Inzwischen war das Lokal nicht mehr ganz so voll, denn die meisten Besucher mussten ja am kommenden Morgen wieder arbeiten. Als ich mir an der Theke ein Bier bestellte, sah ich ganz unerwartet den gut aussehenden Mann neben mir, den ich schon bei meinem letzten Besuch dort gesehen hatte. Sascha hatte behauptet, er wäre NVA-Offizier. Sogleich bekam ich Herzklopfen, denn ich hätte ihn zu gerne angesprochen. Bloß was sollte ich sagen? Wie würde er darauf reagieren? Der Barkeeper meinte zu mir, ich solle zügig austrinken, es wäre schon spät. Mein Nachbar mischte sich ein und sagte, er solle sich benehmen. Ich lächelte ihm zu und er fragte mich:
„Du bist wohl nicht von hier, oder?“ Ich entgegnete:
„Das ist richtig, sieht man das?“
„Ja, du siehst aus, als wenn du aus dem Westen kämst.“
„Ja, das stimmt. Aber seit Kurzem bin ich beruflich hier tätig.“
„Ach, das ist ja interessant. Was machst du denn?“
„Ich schreibe für eine Zeitung aus Bremen. Ich heiße übrigens Lukas.“
„Angenehm. Ich bin Mirko. Dann muss ich mich ja in acht nehmen, du hast bestimmt einen Aufpasser im Schlepptau.“
Mir war klar, dass die hiesigen Behörden mich ständig beobachteten, aber bisher war mir noch kein persönlicher ‚Schatten‘ aufgefallen. Aber für möglich hielt ich es. Scherzhaft erwiderte ich:
„Und ich dachte, das wärest du.“ Darauf antwortete er:
„Man kann nie wissen, aber glaub mir, das bin ich nicht. Ich gehöre hier wohl zu den so genannten privilegierten Kreisen. Mein Vater sitzt im Zentralkomitee und war früher stellvertretender Minister. Ich selbst bin Leutnant der Volksarmee.“
„Dann bist du ja der ideale Interview-Partner. Ich bin neu hier. Ich muss mich noch mit allem zurechtfinden. Habe keinen großen Apparat hinter mir, wie die Korrespondenten der Fernseh- und Radiosender oder der großen Magazine und überregionalen Zeitungen.“
„Na, unsere Behörden gehen davon aus, dass ihr alle vom gleichen großen Apparat gesteuert werdet, so wie bei uns. Ich kann dir wohl auch nicht so viel helfen, denn ich habe gerade mal eine Woche frei, ansonsten sitze ich in Wünsdorf bei den Russen. Wo wohnst du denn?“
Immer wenn er sprach, hing ich völlig gebannt an seinen großen braunen Augen und seinen schön geschwungenen Lippen. Am liebsten hätte ich mich an ihn angelehnt.
„Ich bin gegenwärtig noch im Interhotel Stadt Berlin am Alex untergebracht, hoffe aber, dass ich demnächst ein eigenes Apartment in Mitte bekomme.“
Er schaute mich nun sehr tief in die Augen und sein Lächeln ließ mich dahin schmelzen:
„Ich finde es schön, dass sie so reizende Korrespondenten herschicken. Ich würde dich gerne näher kennenlernen. Darf ich dich vielleicht in deinem Hotel besuchen? Ich habe diese Woche Zeit.“
„Von mir aus könntest du gleich mitkommen, dann brauche ich nicht allein nach Hause fahren.“
„Holla, jetzt gehst du aber ran! Aber ja, nur zu gerne. Lass uns gleich abhauen, denn hier ist ja eh nichts mehr los.“
Wir verließen sogleich das Lokal und fuhren mit einem Schwarztaxi zum „Stadt Berlin“. Während der Fahrt legte Mirko die Hand auf meinen linken Oberschenkel und ich spürte die ihre Wärme durch meinen ganzen Körper fließen. Als wir mein Zimmer erreicht hatten, schaute er sich zunächst sehr genau um. Das klobige Telefon fiel ihm als Erstes ins Auge. Er zog dessen Stecker aus der Wand und brachte es in das kleine Bad.

Im Kindle-Shop: Soziotopia: oder eine andere Wende 1989 .
Mehr über und von Ludger Gausepohl auf seiner Website.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen