12. März 2018

'Tulpenfrieden' von A.C. Scharp

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Eine typische Geschichte über das Sterben und Erben. Oder etwa nicht?

Elisabeth Wackernagel ist tot. Ihr Vermögen erbt die Haushälterin. Die Familie ist schockiert. Als Elisabeths Ehemann noch versucht, mit der neuen Situation klarzukommen, steht ein Detektiv vor der Tür. Der behauptet, Elisabeth sei ermordet worden. Aber von wem? Und woher kommen die Knochen, die der Gärtner auf dem Anwesen ausgräbt?

Während der ehemalige Hausherr Erkenntnisse gewinnt, auf die er lieber verzichtet hätte, entwickelt der Rest der Familie seine eigenen Methoden, um mit der Enttäuschung über das verlorene Erbe fertigzuwerden. Doch es gibt einiges, das nicht so ist, wie es scheint ...

Leseprobe:
»Das darf doch nicht wahr sein!«
Alexander Wackernagel antwortete stellvertretend für seinen Vater, da der stocksteif auf seinem Stuhl saß und der Hoffnung erlegen war, er hätte sich vielleicht verhört. In seinem Alter war das schließlich schon mal möglich.
»Leider doch«, erwiderte der Notar. Obwohl er der Familie Wackernagel unangenehme Neuigkeiten mitteilte, schien ihn das nicht sonderlich zu interessieren. Das war ein Leichtes für ihn, denn ihn hatte man schließlich nicht um sieben Millionen geprellt.
Adalbert Wackernagel und seine Kinder dagegen schon. Während es Adalbert schnurzegal war, wenn seine Kinder leer ausgingen, trieb die Aussicht, dass ihm das ebenso passierte, seinen Adrenalinspiegel in schwindelerregende Höhen, die von seinem Herzen mit einem warnenden Doppelschlag zur Kenntnis genommen wurden. Er griff nach einem Glas Wasser, das die Sekretärin umsichtig vor ihn gestellt hatte. Wahrscheinlich war sie der Meinung gewesen, er würde es brauchen.
Seine Haushälterin, Gertrud Helmersheim, hätte vielleicht ebenfalls einen Schluck gebraucht, hatte sich aber anscheinend nicht für solch eine Sonderbehandlung qualifiziert. Wäre auch noch schöner. Sie hatte in Adalberts Augen für heute schon genug Vorzugsbehandlung.
»Ich habe mir schon gedacht, dass der Entschluss Ihrer Frau und Mutter von Ihnen kontrovers aufgenommen wird«, sagte der Notar, der vermeintlich heimlich auf seine Uhr schielte. Adalbert hatte es dennoch gesehen.
»Daher habe ich Sie auch zur Testamentseröffnung eingeladen. Sicherlich ergeben sich noch Fragen.«
»Worauf Sie wetten können.« Adalbert stellte sein Wasserglas zurück und richtete sich auf. Alexander öffnete den Mund, wurde allerdings von ihm mit einer harschen Handbewegung zum Schweigen gebracht.
»Was um alles in der Welt hat sich meine Frau dabei gedacht?«
»Sehen Sie, Herr Wackernagel«, erwiderte der Notar, in seinen Ohren wahrscheinlich milde, in Adalberts Ohren klang es, als wolle er ein beleidigtes Kind beruhigen. Er zog scharf die Luft zu einer Entgegnung ein, aber der Notar redete schon weiter.
»Ich war auch äußerst überrascht. Immerhin hat Ihre Frau das vorherige Testament schon seit etlichen Jahren bei uns hinterlegt. Aber vor drei Monaten stand sie bei uns im Büro und wollte umgehend ein neues verfasst haben. Nicht einmal auf einen Termin hat sie sich eingelassen. Es musste sofort sein. So, als hätten wir gar nichts zu tun.« Das schien ihn immer noch zu beleidigen.
»Dann hätten Sie der dummen Gans das ausreden sollen«, schnauzte Adalbert. »Oder mich anrufen. Wahrscheinlich stand sie unter Medikamenten. Sie ist im September die Treppe hinuntergestürzt. Da war einiges an Schmerzmitteln im Spiel.«
Adalbert erwartete für die dumme Gans regen Widerspruch von seinen Kindern, die saßen jedoch paralysiert herum und starrten vor sich hin. Anscheinend hatte der Verlust ihres Erbes die Loyalität zu ihrer Mutter doch nachhaltig geschädigt.
»Herr Wackernagel, ich bitte Sie«, erwiderte der Notar und blickte schon wieder auf seine Uhr. Adalbert verspürte den Drang, ihm diese an unbeleuchtete Stellen zu stopfen. Leider war er dafür zu alt, nicht mehr drahtig und beweglich genug.
»Ihre Frau machte keinesfalls den Eindruck, als wäre sie irgendwie nicht bei Sinnen. Außerdem handelt es sich um ihr Vermögen, damit kann sie machen, was sie möchte. Das wissen auch Sie.«
Das war Adalbert in der Tat leider nur allzu bekannt. Vor 40 Jahren hatte er es als Segen angesehen, eine Frau zu heiraten, die von ihren Eltern ein so bedeutendes Erbe zu erwarten hatte. Leider war Elisabeths Vater nicht halb so verliebt in Adalbert gewesen wie seine Tochter. Er hatte es sehr gut verstanden, sein Vermögen zu schützen. Er übertrug es noch zu seinen Lebzeiten auf Elisabeth und sorgte dafür, dass ein Ehevertrag sämtliche Ansprüche, auf die Adalbert gehofft hatte, im Vorfeld erfolgreich aushebelte.
»Trotzdem hätten Sie mich warnen können«, sagte Adalbert, allerdings nur, um das letzte Wort zu haben. Der Notar hatte natürlich recht.
»Es tut mir leid, Herr Wackernagel. Wir sind dem verpflichtet, der unsere Rechnungen bezahlt«, erwiderte der Notar mit unbeweglicher Miene. Es war unmöglich, herauszufinden, was er wirklich dachte, um ihm auf diese Weise eine unverschämte Antwort zu unterstellen.
»Wie konnte Mama das nur tun?« Auch Angelika Wackernagel fand ihre Sprache wieder. Wenn es nach ihrem Vater gegangen wäre, hätte sie auch weiter den Mund halten können. »Was wird denn jetzt aus uns?«
»Wie wäre es denn mal mit arbeiten?«, schlug ihr Bruder Alexander süffisant vor.
»Rede nicht so ein dummes Zeug«, knurrte sein Vater. »Du bist auch nicht besser als deine Schwester, nur weil du einem Job nachgehst, den ein Erdmännchen sicherlich besser erledigen könnte.«
Alexander hatte allen Möglichkeiten, die ihm sein Elternhaus bot, zum Trotz einen Job als Kellner angenommen. Was eine Übergangslösung zwischen Schule und Studium sein sollte, entpuppte sich mittlerweile als ein 17 Jahre anhaltendes Streitthema ohne Happy End.
»Zumindest tue ich was«, sagte der trotzdem beleidigt.
»Ich auch«, erwiderte Angelika. »Ich bin schließlich Hausfrau und Mutter. Ich habe ein Kind zu versorgen.«
»Sich nach der Disco von einem Dahergelaufenen im Hinterhof schwängern zu lassen, kann man nun kaum als den Anfang einer gelungenen Karriere bezeichnen.«
»Muss das sein?«, fragte Alexander missbilligend, der sich im Inneren sicher dasselbe fragte, aber der Meinung war, er sollte seiner Schwester beistehen.
»Ach hör auf, du bist auch nicht viel besser.« Ärgerlich winkte Adalbert ab und stieß dabei das Wasserglas um. Die Lache kroch zielstrebig über den schmalen Glastisch und tropfte zwischen Gertrud Helmersheims Beinen auf den Teppich. Der Notar schaute konsterniert.
»Iiih«, entfuhr es der Helmersheim dann auch umgehend. Die Haushälterin fasste das offensichtlich als einen gezielten Anschlag auf ihre Person auf. Schließlich gehörten ihr jetzt Elisabeth Wackernagels sieben Millionen.
»Stellen Sie sich nicht so an«, pflaumte Adalbert sie an, der rot angelaufen war. Allerdings mehr aus Zorn als aus Schuldgefühl. »Sie haben doch heute das große Los gezogen.«
»Stimmt«, pflichtete sein Sohn Alexander ihm bei. Ihm wurde wohl plötzlich wieder bewusst, dass sie ein lohnenswerteres Ziel hatten, als sich untereinander an die Gurgel zu gehen. »Was haben Sie mit meiner Mutter gemacht? Warum bekommen Sie das ganze Geld?«
»Vielleicht dachte Ihre Mutter, es sei bei mir besser aufgehoben«, antwortete Gertrud spitz. Überhaupt hatte sie einen Gesichtsausdruck aufgesetzt, der nichts Gutes hoffen ließ. Ihre devote, leicht einfältige Art, die sie sonst auszeichnete, war auf wundersame Weise verschwunden.
»Ich denke, das sollten Sie gemeinsam unter sich besprechen«, sagte der Notar und schaute jetzt ganz unverhohlen auf die Uhr.
»Wenn Sie das noch einmal tun, stecke ich Ihnen das Ding in den Hals«, brüllte Adalbert. Erschrocken ließ der Notar den Arm sinken. Aber Adalbert musste sich einfach Luft machen. Er hatte sich lange genug beherrscht.

Im Kindle-Shop: Tulpenfrieden.

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