8. März 2018

'Zukunft ist Heimat: Kurzgeschichte' von Axel Berger

Kindle Edition
Eine berührende Kurzgeschichte über das Schicksal zweier sehr unterschiedlicher Frauen, den Verlust von Heimat, die Liebe, das Vermissen und die Sehnsucht ...

... in nur 1500 Worten und kostenlos.

Leseprobe:
Die junge Frau mit den schwarzen Haaren saß auf einer von Wind und Regen abgeschliffenen hölzernen Bank, die inmitten der Dünen von Norderney stand, und blickte auf das Meer.
Unbändige Wellen brandeten unablässig an den Strand. Der tosende Wind zerrte an ihrem Tuch, das sie sich zum Schutz gegen die Unbilden des Wetters um Kopf und Hals gewickelt hatte. Graue und weiße Wolken flogen im Wettstreit über den blauen Himmel und schienen mit der Sonne Verstecken spielen zu wollen. Fröstelnd schlang sie die Arme um die Schultern, als der wärmende Himmelskörper mal wieder hinter einer dahinrasenden Wolkenbank verschwand. Ein steter Fluss aus kristallenen Tränen zeichnete dunkle Lebenslinien des Vermissens auf das hübsche Gesicht der jungen Frau.
Eine alte Frau saß schweigend neben ihr. Eine einzelne Träne hatte sich aus ihrem Augenwinkel gelöst und wanderte durch tiefe Täler aus Falten hinab, um schließlich am Kinn Abschied zu nehmen und im Sand zu versickern. Für immer verloren, aber nie vergessen, in einem kurzen Augenblick des Erinnerns. Dem Schrei einer über ihnen dahingleitenden Möwe folgend, fanden sich in einem kurzen Moment des Verstehens ihre Blicke zu einer stummen Übereinkunft.
Zeit. Ein Datum, der zwanzigste Januar, verwob die Schicksale der beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Frauen zu einem Geflecht von Bedauern, Trauer, Sehnsucht und Erinnerungen. Der Krieg hatte ein unsichtbares Band, das durch die Zeit reichte, das längst Vergangene über das Gestern mit dem Heute verband, gewoben.
„Was hast du mitgenommen?“, fragte die alte Dame nach einer ewig scheinenden Pause, den Blick auf das Meer gerichtet, so leise, dass der Wind ihre Wörter beinahe mit sich hinein in die Weiten der Bedeutungslosigkeit gerissen hätte.
Ein fragender Blick aus verquollenen Augen reichte ihr als Antwort, um mit brüchiger Stimme eine weitere Frage zu formulieren: „Und, was hast du zurückgelassen?“
Stille Sekunden verstrichen, dehnten sich zu Minuten, ganz so, als ob die Zeit stehen geblieben, aus dem Takt gekommen wäre. Selbst der Wind schien das zu spüren und unterbrach für einen kurzen Moment der Andacht sein niemals enden wollendes Tun.
Die alte Frau wartete geduldig auf eine Entgegnung, während ihre Gedanken zurückwanderten zu dem Tag vor siebzig Jahren, als sie ihre Heimat hatte verlassen müssen …

Im Kindle-Shop: Zukunft ist Heimat: Kurzgeschichte.
Mehr über und von Axel Berger auf seiner Website.



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