17. April 2018

'Brandopfer' von Klaas Kroon

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Unter einer Eisenbahnbrücke an der Ilmenau in Lüneburg verbrennt ein Obdachloser. Für die schockierende Tat gibt es zunächst weder Motiv noch Verdächtige. Da verbrennt am Bahnhof der nächste Obdachlose. Ist es eine Serie?

Kommissarin Marie Gläser und ihr vergesslicher Chef Stephan Weide untersuchen in ihrem zweiten gemeinsamen Fall zwei Morde, die so gar nichts miteinander zu tun haben. Oder doch? Ihre Ermittlungen führen sie von obskuren Neo-Nazis bis in die feine Lüneburger Gesellschaft und werfen ständig neue Fragen auf.

Leseprobe:
3. Kapitel
Marie hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu Menschen, die auf der Straße lebten. Zum einen taten sie ihr leid, klar. Sie fragte sich bei so manchem jungen Punk aber auch, ob der sich nicht ein besseres Leben erarbeiten könnte, wenn er nur wollte.
Früher, als junge Polizistin bei der Streife, hatte sie mehr mit Stadtstreichern zu tun und auch eklige Situationen erlebt. Besonders bizarr fand sie das Verhalten der Rettungsdienste mit den oft völlig betrunkenen Obdachlosen. Einmal musste sie einen, der in einem Einkaufszentrum total weggetreten Leute angegriffen hatte, im Rettungswagen begleiten. Er hatte sich selbst verletzt und blutete. Der Sanitäter ging nicht besonders zimperlich mit seinem Patienten um, als er ihn auf der Trage in den Wagen schob. Und als der alte Mann sich übergeben musste, reagierte der Sanitäter schnell, riss ihm das Hemd auf und drückte ihm den Kopf auf die Brust. Nun ergoss sich die stinkende Brühe auf seinen Bauch. Der Sanitäter schloss die Jacke des Mannes und ließ ihn mit seiner eigenen Kotze auf dem Bauch auf der Trage liegen.
Marie sah ihn entsetzt an, aber er sagte nur: »Glaubst du, ich habe Lust, kurz vor Schichtende die ganze Karre zu putzen? Sollen die sich im Krankenhaus mit dem Dreck herumschlagen.«
Das war lange her und die Begegnungen zwischen dem Zentralen Kriminaldienst, dem Marie inzwischen angehörte, und Lüneburger Stadtstreichern waren selten. Als Täter fielen sie gelegentlich als Ladendiebe und Dauerschwarzfahrer auf. Zu Opfern wurden sie noch seltener.
Marie ging dorthin, wo sie die meisten Obdachlosen am Mittag vermutete, zur ›Chance Salzstraße‹, einer Einrichtung, die sich um die Wohnungslosen in der Umgebung kümmert. Jeden Tag konnten die Menschen hier, mitten in der historischen Lüneburger Altstadt, zwei Stunden lang Kaffee trinken, essen, duschen und sich bei den Sozialarbeitern Rat für alle Lebenslagen holen.
Marie betrat einen großen, hellen Aufenthaltsraum. Neue Möbel, eine gepflegte Küchenzeile mit Tresen. Es sah fast aus wie in einem schicken Szene-Café. Sechs Menschen saßen an den Tischen. Fünf Männer und eine Frau. Nur zwei Männer saßen zusammen, alle anderen schlürften für sich allein schweigend ihren Kaffee oder ihre Suppe. Misstrauisch sahen die Leute Marie an. Noch bevor sie etwas sagen konnte, kam hinter dem Tresen eine schlanke, gepflegte Frau um die sechzig hervor und ging zügig auf Marie zu.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und ihr Ton ließ vermuten, dass Menschen, die offensichtlich nicht obdachlos waren, hier mit Vorsicht behandelt wurden. Marie zückte ihren Ausweis.
»Marie Gläser, Kriminalpolizei Lüneburg, wir ermitteln ...«
»Ja, ist mir schon klar, was Sie ermitteln. Haben wir ja alle mitbekommen. Hier finden Sie den Täter nicht. Das sage ich Ihnen gleich. Die Leute zünden sich nicht gegenseitig im Schlaf an.«
»Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht verstanden «, parierte Marie die unfreundliche Begrüßung.
»Elisabeth Oppermann, ich leite die Einrichtung. Ehrenamtlich. «
»In Ordnung, Frau Oppermann. Wir vermuten hier auch nicht den Täter. Wir wären ja froh, wenn wir schon mal wüssten, um wen es sich bei dem Opfer überhaupt handelt. Haben Sie eine Ahnung?«
»Haben Sie ein Foto?«
»Das würde Ihnen nicht weiterhelfen. Der Tote ist nicht mehr zu erkennen. Einen Ausweis oder Ähnliches haben wir nicht gefunden.«
»Ja, das wird schwierig.«
»Hey«, rief nun einer der Männer aus dem Raum. »Was hat er denn angehabt?«
Marie ging auf den Mann zu. Frau Oppermann schien das nicht zu gefallen. Sie sah es offenbar als ihre Aufgabe an, ihre Gäste zu beschützen.
»Seine Kleidung ist verbrannt. Aber er hatte ein paar Plastiktüten mit Sachen drin.«
»Was denn?«
Marie zögerte, sagte aber dann: »Eine kleine Angel haben wir gefunden, sind aber noch nicht sicher ...«
Der Mann unterbrach sie: »Helmut, der Angler.« Die anderen nickten stumm.
Marie setzte sich zu ihm. Er war sicher nicht über fünfzig, das sagten seine Augen. Aber sein grauer, zotteliger Bart, seine ungepflegten, langen grauen Haare und die faltigen, zitternden Hände ließen ihn älter erscheinen.
»Sind Sie sicher, Herr ...«
»Kurt, einfach Kurt. Ein Herr bin ich schon lange nicht mehr.«
»Okay. Kurt. Helmut heißt er, sagen Sie?«
»Jo. Der hatte immer so ’ne kleine Angel.«
Marie rief Walter an und bat ihn, ein paar Fotos der am Tatort gefundenen Sachen zu schicken.
Kurz darauf brummte ihr Handy ein paar Mal kurz hintereinander. Walter hatte sechs Fotos per WhatsApp geschickt. Sie zeigten die Angel und den Inhalt der Plastiktüten, ausgebreitet auf hellen Tischen in den Räumen der KTU. Eine Jeans, ein paar T-Shirts, eine Wolldecke, zwei Frotteehandtücher. Ein paar Schuhe. Ein kleiner Beutel, daneben der Inhalt: eine Zahnbürste, Zahnpasta, eine Flasche Duschgel, eine rostige Nagelschere. Die Bilder schaffen es, dachte Marie, aus dem Handy heraus modrigen Gestank zu verbreiten. Vielleicht kam der aber auch von dem Mann neben ihr oder dem Kerl vom Nebentisch, der aufgestanden war und sich über Maries Schulter beugte, um die Bilder zu betrachten.
Kurt betrachtete das Foto der Angel und nickte zufrieden: »Ja, so ein Ding hat er gehabt. Hat manchmal sogar was gefangen. So kleine Fische, die hat er dann überm Feuer gegrillt. Hier durfte er die nicht braten.«
Ein anderer Mann zeigte nun mit dem langen, dreckigen Fingernagel seines Zeigefingers auf ein anderes Bild.
»Die Schuhe da. Mach die mal größer.«
Marie gehorchte. Der Mann nahm ihr das Handy aus der Hand und hielt es sich nah vor die Augen.
»Lisa«, rief er, ohne das Bild aus den Augen zu lassen, »gib mal deine Brille.«

Im Kindle-Shop: Brandopfer.
Mehr über und von Klaas Kroon auf seinerWebsite.



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