23. April 2018

'Erbin der Zeit: Das Blut der vier Königreiche' von Xenia Blake

Kindle Edition | Tolino | Taschenbuch
Xaenym hat sich auf die Suche nach Armenia gemacht, um ihre gestohlene Erinnerung zurück zu bekommen.

Ihre Freunde haben die Titanen aus der Unterwelt befreit und können es nun mit den Göttern aufnehmen. Das dachten sie zumindest. Denn etwas ist schief gelaufen. Die Titanen haben keine Kräfte. Als Ramy eine alte Prophezeiung in einem Buch findet, wird schnell klar, dass sie etwas damit zu tun hat. Da die Bibliothek von Titansvillage jedoch abgebrannt ist, müssen sie einen anderen Weg finden, an Informationen zu kommen. Sie treten eine Reise zum Olymp an, in dessen Bibliothek sie etwas in Erfahrung bringen, dass den Kampf gegen die Götter völlig auf den Kopf stellt. Aber sie wissen nicht als einzige davon.


Zweiter Teil der Fantasy-Trilogie "Erbin der Zeit".

Leseprobe:
Nae
Seit die Götter Titansvillage zerstört hatten, waren zwei Monate vergangen. Einige Hütten waren mit wenigen Rußflecken davongekommen. Xaenyms, Moonrise‘ und Neffires Hütte war sogar noch bewohnbar. Inzwischen war Loryelle dort eingezogen, da Moon bei der Verteidigung des Lagers gestorben war und wir seit Wochen nichts von Xaenym gehört hatten.
Neffire hatte Pavers und Moonrise‘ Tod recht gut verkraftet. Sie arbeitete von morgens bis abends, um sich abzulenken. Und es funktionierte. Jeden Tag saß sie mit den anderen am Mittagstisch, lachte viel und schien einigermaßen glücklich zu sein.
Mehr Sorgen machte ich mir um Xaenym. Wo konnte sie nur sein? Titansvillage brauchte sie. Als Xae fortgegangen war, um die Göttin Armenia zu suchen, hatte sie Chaos hinterlassen. Alle Einwohner des Lagers hatten Aras‘ Befehl, ihr nichts von Armenia zu erzählen, blind befolgt. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass es eine falsche Entscheidung gewesen war, hatten alle begonnen, an Aras zu zweifeln.
Aber die Welt schien stillzustehen. Nichts geschah. Wir hatten nichts mehr wegen Aras unternommen. Wir hatten Heige nicht über ihre Vergangenheit ausgefragt. Wir standen morgens auf, halfen beim Bau der Hütten und legten uns wieder schlafen. Tag für Tag.
Die Titanen verhielten sich frustrierend normal. Ich hatte übernatürliche Gottwesen erwartet. Stattdessen verhielten sie sich, als wären sie menschlich. Zwar waren sie altmodisch, aber eben auch nur das. Bereits seit mehreren Tagen ahnte ich, was los war. Das Skia hatte einen Defekt. Nur die sterbliche Essenz der Titanen war aus der Unterwelt zurückgekehrt. Sie hatten keine Kräfte mehr.
Ich atmete tief durch und genoss die Waldluft. Ich war mitten in der Nacht in den Wald gelaufen und hatte mich auf den moosbewachsenen Boden gesetzt. Tief durchatmend schloss ich die Augen.
So gern hätte ich in einem Sagenbuch nach weiteren Informationen über das Skia gesucht, doch die Bibliothek war abgebrannt. Jahrtausendealtes Wissen hatte sich in Asche und Rauch verwandelt. Meine Hütte war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Seit Wochen kam ich jeden Tag hierher und starrte stundenlang die Bäume an.
Nach der Mission fiel es uns allen schwer, in den Alltag zurückzufinden. Häufig ertappte ich mich dabei, wie ich die Pfeile in meinem Köcher zählte, obwohl ich jederzeit neue aus dem Waffenlager holen konnte oder morgens aufstand und weiterlaufen wollte, nur um dann festzustellen, dass ich kein Ziel hatte. Es fühlte sich falsch an, still herumzusitzen, während Vice und Zeus noch lebten.
„Wie lange willst du noch die Bäume anstarren?“, fragte eine Stimme. Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus.
„Ich bin eine Dryade. Wir tun so etwas“, protestierte ich.
Ramy trat grinsend zwischen den Bäumen hervor und setzte sich neben mich. Seine schwarzen Haare waren zerzaust und sein weißes T-Shirt zerknittert. Die verschnörkelten Tattoos an seinen Armen schimmerten durch den hellen Stoff hindurch. Ramy schaffte es tatsächlich, gut auszusehen, obwohl er gerade erst aufgestanden war.
„Warum sitzt du mitten in der Nacht hier rum?“, fragte er.
„Warum suchst du mich, während ich mitten in der Nacht hier rumsitze?“, gab ich zurück.
Er zuckte mit den Schultern, nahm meine Hand und zog mich auf die Beine.
„Du hast heute Geburtstag.“
„Nein“, erwiderte ich stirnrunzelnd.
„Ist mir egal. Ich habe ein Geburtstagsgeschenk für dich.“
Er griff in die Innentasche seiner Jacke und zog ein dickes in Leder gebundenes Buch mit goldener Aufschrift hervor.
„Die Chronik des trojanischen Krieges“, las ich erstaunt. „Wo hast du das her?“
„Ich hab es in den Trümmern der Bibliothek gefunden. Ein paar Seiten sind nicht mehr lesbar, doch ich dachte, du könntest vielleicht etwas damit anfangen.“ Er zuckte mit den Achseln. „Aber das war erst ein kleiner Teil des Geschenks. Denkst du, ich schenke dir nur ein verkohltes Buch zum Geburtstag?“ „Wie gesagt, ich habe nicht Geburtstag.“
„Jedenfalls denke ich, es geht uns allen so. Wir können nicht tatenlos herumsitzen. Und genau das ist mein Geschenk.“
Ich sah ihn fragend an.
„Lies das Buch. Ich war so frei und habe mit Textmarker ein paar Stellen markiert. Das muss etwas bedeuten. Wenn ich Recht habe, müssen wir so schnell es geht aufbrechen.“
„Du hast ein jahrhundertealtes Buch mit Textmarker bemalt?“, rief ich empört. „So in etwa. Aber darum geht es nicht. Lies es dir durch. Bitte. Erinnerst du dich, dass es den Göttern nicht nur um das Skia ging? Es gibt da noch etwas anderes. Und ich glaube, dieses Buch hat etwas damit zu tun. Ich werde daraus nicht schlau. Aber du vielleicht. Wenn überhaupt jemand versteht, worum es geht, dann du. Ich weiß, es klingt so, als würde ich nur nach einem Vorwand suchen, eine neue Mission zu starten, und ja, das stimmt. Still rumzusitzen ist nicht meine Art. Aber ich glaube, da ist wirklich was los. Vielleicht hilft dieses Buch ja, die Titanen … titanischer zu machen.“
Ich nickte und wollte mich zurück zu meiner Hütte begeben, als er mich am Arm festhielt und zu sich zog.
„Das kann bis Sonnenaufgang warten.“
„Aber …“ Weiter kam ich nicht, da seine Lippen schon auf meinen lagen.

Die nächsten beiden Tage verbrachte ich damit, das Buch zu lesen und besonders auf die markierten Stellen zu achten. Und Ramy hatte tatsächlich Recht. Ich blieb fast durchgehend wach und dachte an die Geschehnisse in Troja. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, rannte ich, so schnell ich konnte, zu seiner Hütte. Es kümmerte mich nicht, dass es vier Uhr morgens war. Ich musste dringend mit Ramy sprechen. Er war inzwischen bei Roove eingezogen, da seine früheren Mitbewohner tot waren. Kurz bevor ich anklopfte, öffnete sich die Tür langsam. Dahinter kam Roove in vollständiger Kampfmontur zum Vorschein, der mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. An seinen Schultern hing ein schwarzer Rucksack.
„Äh … ich“, stammelte er.
„Du willst Xae suchen gehen“, ergänzte ich.
Er ließ die Schultern sinken und sah zu Boden. „Wenn es so wäre, würdest du mich gehen lassen?“
„Ich kann dich nicht aufhalten, oder?“ Seufzend trat ich zur Seite.
Er lächelte und ging die Treppen hinunter. Kurz bevor er mit der Dunkelheit verschmolz, drehte er sich um und sagte: „Leb wohl. Ich hoffe wirklich, dass wir uns wiedersehen. Aber ohne Xae komme ich nicht zurück. Ich kann einfach nicht. Ich habe es die ganze Zeit versucht, mir eingeredet, dass ich sie nicht brauche. Aber das tue ich.“ Und dann verschwand er.
Langsam drehte ich mich um und presste die Lippen zusammen. Vor einigen Monaten hatten wir uns zu zehnt auf den Weg gemacht. Jetzt waren nur noch Neffire und ich davon übrig.
Meine Brust fühlte sich furchtbar leer an.
Als ich in Ramys Zimmer ankam, saß er bereits kerzengerade auf seinem Bett und starrte mich an.
„Wieso bist du wach?“
„Ich konnte nicht schlafen. In letzter Zeit kann ich gar nicht mehr schlafen. Ich muss ständig an dieses Buch denken.“
„Genau deshalb bin ich hier. Wir müssen zu Aras. Sofort.“
„Aras hat hier nichts mehr zu sagen“, entgegnete er spöttisch.
„Wir gehen zu Aras“, beharrte ich. Es war mir egal, dass er sich im Moment für nichts interessierte. Er war der Lagerleiter. Wenn wir eine Mission antreten wollten, musste er davon wissen.

Im Kindle-Shop: Erbin der Zeit: Das Blut der vier Königreiche.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Xenia Blake auf ihrer Website.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen