22. April 2018

'(K)ein anständiges Mädchen' von Minna Dreißig

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Minna ist mit Leib und Seele Buchhändlerin und ein kreativer Kopf. Nur in Sachen Liebe hat sie kein glückliches Händchen. Als sie den smarten Mark kennen lernt, steht sie in hellen Flammen.

Doch die Beziehung, die sich da anbahnt, hat Haken und Ösen. Das bessert sich erst, als die beiden ihrem Freund Daniel, einem Maler, mit vereinten Kräf­ten aus einer Krise helfen müssen. Oder hat Minna sich etwa zu früh gefreut? Muss sie wieder von vorne anfangen? Kollegin Annika und Freundin Steffi stehen ihr mit Rat und Tat zur Seite. Und dann gibt es da auch noch Freddi, Minnas Friseur, der nicht nur Talent zum Zuhören hat …

Leseprobe:
Kurz nach zehn kam Daniel. Er strahlte übers ganze Gesicht. »Stell dir vor, er hat zwei Bilder mitgenommen, Minna«, jubelte er. »Und wenn die sich gut verkaufen…« Er brach ab und schaute mich schuldbewusst an. »Wie ist es denn mit Emma gegangen?«
»Bestens, euer Kind ist gut zu haben«, sagte ich. »Jetzt schläft sie.«
»Seit wann?«
»Ungefähr seit einer halben Stunde.«
»Dann lassen wir sie am besten noch ein Weilchen schlafen«, sagte Daniel und zog seinen Anorak aus. »Wenn ich sie jetzt wecke, ist sie nämlich gar nicht gut zu haben.«
»Hast du Hunger?«, fragte ich ihn. Er nickte. An Essen hatte er an diesem Abend überhaupt noch nicht gedacht. Also ging ich in die Küche und holte Brot, Käse und ein Stück Pastete. Im Kühlschrank fand ich auch noch eine Flasche Sekt.
»Jetzt stoßen wir auf deinen Erfolg an«, sagte ich und ließ den Sektkorken möglichst leise knallen. »Erzähl mal.« Der Kunsthändler habe seine Arbeiten sehr gelobt, sagte Daniel. »Was hat er denn mitgenommen?«, wollte ich wissen.
Daniel grinste. »Kein Stillleben, ›Boot am Strand‹ und ›Erntezeit‹. Er hat mir geraten, ich solle mir schnellstmöglich eine Galerie suchen, die meine Bilder ausstellt. Dass das nicht leicht ist, weiß er natürlich. Aber bis dahin könnte ich vielleicht das eine oder andere Bild schon mal in einem Wartezimmer oder einem anderen öffentlichen Raum aufhängen, meinte er.«
»Mensch, Daniel, wir können doch bei uns im Buchladen Bilder von dir ausstellen«, fiel mir da ein. »Soll ich mal mit Annika reden?«
»Ja, das wäre toll«, sagte Daniel. Ich füllte unsere Gläser, und wir stießen ›auf gute Zusammenarbeit‹ an.
»Und was hört man von der Klassenreise?«, wollte ich wissen.
»Scheint gut zu laufen«, antwortete Daniel. »Steffi war zwar etwas hektisch, als sie vorhin anrief, aber sie haben gestern sogar eine Nachtwanderung gemacht. Ich glaube, meine Frau hat mal wieder alles fest im Griff.«
»Auf Steffi.« Wir prosteten uns zu. »Hat Mark sich denn inzwischen bei dir gemeldet?«, erkundigte sich Daniel dann.
Ich schürzte die Lippen. »Könnte man so sagen. Aber mit dem Telefonieren hat dein Freund es anscheinend nicht so.«
Daniel lachte. »Ja, Mark ist immer sehr beschäftigt. Wenn er einem verspricht, sich in der nächsten Woche zu melden, hört man oft wochenlang gar nichts von ihm. Es hat auch keinen Zweck, ihm auf die Pelle zu rücken, dann stellt er sich taub. Aber Bange machen gilt nicht, Minna, Mark und ich sind Kumpel, wir gehen nun mal ruppig miteinander um.«
»Klingt ungeheuer ermutigend, Daniel«, seufzte ich. »Aber du kennst mich ja, so schnell werfe ich die Flinte nicht ins Korn. Immerhin haben wir schon mal ein Date anvisiert.«
»Auf das Date!« Ich wollte uns Sekt nachschenken, aber die Flasche war leer.
»Ach, du lieber Himmel«, rief Daniel erschrocken. »Wie soll ich denn Emma nach Hause bringen? Ich kann doch jetzt nicht mehr Autofahren. Und den Buggy habe ich auch nicht dabei. Ich bin doch wirklich zu blöd!«
»Daran hab` ich auch nicht gedacht«, gestand ich kleinlaut. »Aber noch schläft Emma ja. Warum haust du dich nicht einfach auf mein Sofa? Wenn Emma wach werden sollte, bist du ja vielleicht wieder fahrtüchtig.«
»Ja, das ist `ne gute Idee.« Daniel nickte erleichtert. Ich holte ihm Kopfkissen und Decke. »Wenn du noch was brauchst, sag Bescheid.«
»Minna, du bist ein Schatz«, sagte er und trat auf mich zu. Seine Augen glänzten. Ich bot ihm gewohnheitsmäßig die Wange zum Kuss, doch er hob mein Kinn mit zwei Fingern, und seine Lippen waren den meinen auf einmal gefährlich nahe!
Alarmiert trat ich einen Schritt zurück. »Nein, Daniel, das ist keine gute Idee«, sagte ich und floh in mein Schlafzimmer.
Gegen vier Uhr wurde ich wach, weil ich nebenan Stimmen hörte. Ich schlüpfte in Bademantel und Pantoffeln und lief ins Wohnzimmer, wo Daniel mit Emma auf dem Arm auf und abging und dabei leise vor sich hin summte.
»Mama«, weinte Emma. »Mama.«
»Mama kommt morgen«, sagte Daniel tröstend. »Wir beide fahren jetzt nach Hause und schlafen noch ein bisschen, Emma, und wenn du morgen aufwachst, kommt Mama.«
Ich holte Emmas Nuckelflasche, und während sie trank, beruhigte sie sich allmählich. »Ich glaube, jetzt können wir uns auf den Weg machen«, sagte Daniel. »Vielen Dank noch mal für alles, Minna.« Er grinste ein bisschen verlegen und machte sich dann schnell aus dem Staub.
Wieder allein, holte ich mir ein Glas Milch und setzte mich mit dem Wilhelm Busch Album aufs Sofa. Ich hatte das Buch lange nicht mehr in der Hand gehabt und sah es nun in neuem Licht. Der doppelbödige Humor stimmte mich zugleich heiter und nachdenklich. Jetzt wusste ich, warum Freddi Wilhelm Busch zu seinem Lieblings­dichter erkoren hatte.
Ich las noch einmal die ›Fromme Helene‹, und als ich beim Epilog ankam, sprang mir der Satz ins Auge: ›Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.‹
Ich klappte das Buch zu. Auf dem Cover war Wilhelm Busch abgebildet, ein stattliches Mannsbild! Ich schaute noch ein zweites Mal hin. Hatte mir der Dichter nicht gerade zugezwinkert?

Im Kindle-Shop: (K)ein anständiges Mädchen.
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