11. Mai 2018

'Das Mädchen vom Film' von Andrea Instone

Kindle Edition | Taschenbuch
Frühjahr 1927. Babelsberg.
Die französische Leinwandgöttin Lily DuPlessis beschließt, sie habe Urlaub verdient. Ihr Produzent sieht das anders, denn wie soll die Filmwelt ohne ihren Charme existieren, wie das Publikum sie auch nur eine Woche entbehren? Doch Lily hat genug von dem ständigen Unterricht, vor allem von den Sprachstunden.

Sprachstunden? Für einen Stummfilmstar? Die sind leider nötig, wenn man mitnichten eine Französin mit königlichem Stammbaum, sondern Liselotte Schmitz aus Bonn ist. Aber fast noch schlimmer erscheint es ihr, dass sie den männermordenden Vamp zu geben hat. So spielt sie Straßenmädchen, Mätressen und Mörderinnen, obwohl sie es als Liselotte nicht weiter als bis zum Händchenhalten gebracht hat - als sie zwölf Jahre alt war!

Ja, sie muss raus aus dem Trott und so flieht sie heim nach Bonn. Mit einem Reporter auf den Fersen ...

Träumerin Lily durchlebt allerlei lustige und peinliche Situationen in den goldenen Zwanziger Jahren und mit ein wenig Glück und Tücke mag sie sogar die Liebe finden.

Leseprobe:
Babelsberg
„Also Mademoiselle, noch einmal: Bonjour. Den Mund fein spitzen und dann mit Gefühl.“
„Bonnschuhr.“
„Ah non, Mademoiselle, das N hört man nicht! Und das J viel weicher. Noch einmal, bitte.“ Madame Petit seufzte, wie sie es seit Wochen tat. Wie es vor ihr Monsieur Gérard, Mademoiselle Ledoux und vier weitere Französischlehrerinnen getan hatten.
„Bonchuhr?“
„Besser. Aber lassen wir die Ausspracheübungen für heute. Zeigen Sie mir Ihren Aufsatz über das freche Kätzchen. Wie viele Seiten haben Sie geschrieben?“
„Oh. Sie wollten mehr als eine Seite von mir?“
Madame Petit griff nach dem schwarzen Schulheft, das ihre Elevin über den Tisch reichte. Sechs Zeilen hatte sie geschrieben. Erstaunlich fehlerfrei und sehr ordentlich, das immerhin. Madame seufzte erneut. „Es ist mir ein Rätsel. Ihr Vokabular und Ihre Grammatik sind doch schon recht anständig vorangekommen. Ja, ich möchte sagen, Sie sind außerordentlich begabt, wenn es um das Schriftliche geht. Aber Ihre Aussprache ...“
Der dritte Seufzer klang verzweifelt, müde und enttäuscht.
Lily seufzte mit. Es tat ihr unendlich leid, solch eine Bürde für die freundliche Dame zu sein. Allein ihr zu Gefallen wäre sie gerne in der Lage, all diese fremden Laute in Perfektion hervorzubringen, doch je mehr sie sich mühte, desto weniger wollte es gelingen. „Liebe Madame, bitte glauben Sie mir, ich übe jeden Abend und ich strenge mich an wie jeck -“
„Also, Fräulein DuPlessis!“ Herr von Ratzenow war unbemerkt eingetreten. „Jeck? Wer soll das verstehen? Und würde eine Französin diesen Ausdruck kennen und verwenden? Ich sage nein, das würde sie niemals. Sie müssen sich konzentrieren, derlei darf Ihnen nicht mehr geschehen!“
„Jawohl, Herr von Ratzenow.“ Lily bedauerte ihren Lapsus. Mehr noch bedauerte sie, dass von all den Lehrmeistern, die sie in den letzten zehn Monaten hatte kommen und gehen sehen, er als Einziger nicht aufgegeben hatte. Wenn er sie doch wenigstens einmal lobte!
Aber nein, hier kam er viel zu früh in den Raum marschiert und meckerte sofort herum. Dabei hatte sie sich schon allerlei abgewöhnt: Das ‚ne‘ am Ende jeden Satzes beispielsweise war vollständig verschwunden. Und ‚jemacht, jetan, jesacht‘ hatten sich in ‚gemacht, gesagt und getan‘ verwandelt. Das war keine Kleinigkeit für ein bönnsch Mädche! Vielleicht klang sie nicht wie eine Hannoveranerin, aber das würde man von einer Französin auch nicht erwarten, nicht wahr? Na, und ihr Bonner Singsang nutzte ihr sogar im Französischen! Selbst Madame Petit hatte das gesagt: Mademoiselle, hatte sie gesagt, Ihre Aussprache ist grauenerregend, aber die Sprachmelodie nahezu perfekt.
Zu gerne hätte Lily das dem Herrn von Ratzenow mitgeteilt, aber sie wusste, eine solche Auseinandersetzung lohnte nicht. Lang und dünn, mit spitzer Nase, spitzem Kinn, ja, sogar einem Spitzbärtchen verkörperte er die strenge Etikette par excellence. Setzte er dazu noch sein Monokel ein, dann senkte Lily die Augen und ließ jede Strafpredigt über sich ergehen. Wie in der Volksschule fühlte sie sich dann.
Hätten Fremde diese Szene beobachtet, so staunten sie sicherlich nicht schlecht. Denn sie erblickten nicht eine scheue und schüchterne Schülerin, sondern eine äußerst aufregende, junge Dame. Modern, elegant, sinnlich. Schlank, schön, schick. Die neue Frau mit einer Prise ewiger Verführung und der Andeutung höchst altmodischer Kurven. Eine Frau, von der man erwartete, sie in der Mitte des Raumes stehen zu sehen, wo sie mit amüsiert-gelangweilter Miene auf den zu ihren Füßen liegenden von Ratzenow hinabschaute, bevor sie seiner überdrüssig über ihn hinwegschritt.
Denn genau so nahm die Welt Mademoiselle Lily DuPlessis wahr.
Lily DuPlessis, der neueste, der hellste, der glänzendste Stern am Filmhimmel! Die liebreizendste Göttin der Leinwand! Eine femme fatale, unbesiegte Bezwingerin und Sammlerin unzähliger Männerherzen! Ebenso begehrenswert wie es eine ihrer Ahninnen gewesen war, aus deren Affäre mit dem Sonnenkönig sich die hochedle Familie der DuPlessis entwickelt hatte. Tochter einer Abenteuerin, Urgroßnichte der berühmtesten Kurtisane. So jung, so erfahren, so verführerisch – ach, sie war einfach himmlisch. Unwiderstehlich. Amüsant. Und gefährlich erregend. Die Presse überbot sich in diesen Ausdrücken und Beschreibungen und doch: Ging es nach dem Willen des Publikums, das in die Lichtspieltheater stürmte, so übertrieb sie nicht.

Im Kindle-Shop: Das Mädchen vom Film (Lily DuPlessis 1).
Mehr über und von Andrea Instone auf ihrer Website.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen