13. Juni 2018

'Mordsrevanche: Küstenkrimi' von Ulrike Busch

Kindle Edition | Taschenbuch | Tolino
Sie ist 40, beruflich erfolgreich, glücklich verheiratet und endlich schwanger. Da geschieht das Unfassbare: Franziska Hinrichs, Patenkind des Onkels von KHK Tammo Anders, wird ermordet aufgefunden. Der Kommissar und seine frisch angetraute Kollegin Fenna Stern stürzen sich in die Ermittlungen.

Bald werden Schatten auf dem Leben der vermeintlich mustergültigen Ehefrau und Geschäftsführerin einer Ferienhausvermietung sichtbar. Doch bevor die Kommissare weiter recherchieren können, wird ihnen der Fall entzogen. Frustriert ziehen sie sich in den Urlaub nach Nordfriesland zurück.

Dort erfahren sie von einem Mord, der Parallelen zu der Tat in Ostfriesland aufweist. Auf eigene Faust begeben Anders und Stern sich auf die Jagd nach dem Täter. – Ein Einsatz, der nicht ohne Folgen für sie bleibt …

Band 1 der Reihe ‚Anders und Stern ermitteln‘.

Leseprobe:
Petra stand auf den Treppenstufen vor der Eingangstür ihres Hauses unweit des Greetsieler Sieltiefs. Zum Abschied winkte sie Franziska verhalten zu. »Sollen wir dich nicht doch lieber mit dem Auto nach Pilsum bringen?«
»Nein, danke.«
»Du fährst aber bitte vorsichtig, ja?«
Franziska warf ihre Handtasche in den geflochtenen Fahrradkorb, der am Lenker befestigt war. »Nein, Petra. Sonst immer, aber heute ausnahmsweise mal nicht.« Sie zwinkerte ihrer besten Freundin zu und schob das Fahrrad durch den Vorgarten auf die Straße.
Der Duft von frisch gemähtem Gras stieg ihr in die Nase. Dirk hatte im Garten gearbeitet, während Petra und sie ihren monatlichen Tratschabend auf der Terrasse verbrachten. Hexentreffen nannten ihre Ehemänner die Zusammenkünfte, die sie seit dem Ende ihrer Schulzeit an jedem dritten Samstag eines Monats zelebrierten.
Franziska schwang sich in den Sattel und trat in die Pedale.
Warum taten die Menschen so, als müsste eine Frau, die ein Kind erwartet, über jede kleinste Aktivität dreimal nachdenken, bevor sie es wagen konnte, sie in Angriff zu nehmen? Als würde eine Schwangerschaft mit einem Schlag alles verändern und man müsste das Leben ganz neu denken.
Sie bog in den Pilsumer Weg ein. Kurz vor der Hauptstraße verlangsamte sie das Tempo und blickte aufmerksamer als sonst nach rechts und links. Kein Auto war unterwegs, keine Scheinwerfer brannten sich durch die Dämmerung. Trotzdem war Vorsicht geboten. Immerhin musste sie jetzt für zwei aufpassen.
Franziska schmunzelte über sich selbst. Also doch auf einmal alles anders, wenn man schwanger war?
Die Hälfte der Straße hatte sie überquert, als wie aus dem Nichts heraus ein Motor aufheulte und das Geräusch in Windeseile näherkam. Ein wildgewordener Harley-Fahrer preschte um die lang gezogene Kurve wie ein Höllenreiter mit einer Eilbotschaft für den Satan unterm Sitz.
Franzi kniff die Pobacken zusammen und zog den Kopf ein. Ihre Hände krallten sich am Lenker fest. Sie warf einen ängstlichen Blick über die Schulter.
In einer elegant geschwungenen Linie zog die Maschine hinter ihr vorbei. Das Dröhnen des Motors hallte nach wie ein akustischer Kometenschweif.
Franziska atmete auf. Das war noch einmal gut gegangen.
Sie radelte auf das Neue Greetsieler Sieltief zu. Auf der Brücke, die über den Kanal führte, hielt sie an. Das dunkelgrün schimmernde Wasser lag unbeweglich da. Mücken tanzten auf der Oberfläche wie winzig kleine Elfen. Aus den feuchten Wiesen der Umgebung stieg Dunst auf. Die ganze Welt roch an diesem Abend nach Erde, Gras und Feuchtigkeit. Ein verwunschenes Land. Ein Märchenland?
In der Abenddämmerung hatte die Stille etwas Unheimliches. Franziska horchte in sich hinein. In dieser Gegend war sie zu Hause. Unzählige Male war sie diesen Weg entlang gefahren, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Lag es an der Verantwortung für das ungeborene Kind, dass sie sich auf einmal so ungeschützt fühlte? Was nützte es, zu grübeln? Sie setzte ihren Weg fort.
Aus der Richtung, in die sie fuhr, kam ihr ein Radfahrer entgegen. Die Lampe zuckte in der Dämmerung nach rechts und links. Das Rad schlenkerte, der Fahrer war offensichtlich unsicher. Ein Betrunkener?
Instinktiv guckte Franziska sich um. Wie sinnlos! Eine Möglichkeit, dem Mann auszuweichen, existierte auf dieser Strecke nicht. Weit und breit gab es nur Wiesen und Felder. Keinen Weg, auf den sie hinüberwechseln konnte. Keine Menschenseele, die einen Abendspaziergang machte und ihr zu Hilfe hätte eilen können.
Das Fahrrad kam näher. Die Person, die es lenkte, war ein korpulenter Mann mittleren Alters, in schmuddelige Jeans und einen dunkelgrünen Pulli gekleidet. Mit tief ins Gesicht gezogenem Basecap und dunkler Brille, als ob die Sonne, die längst hinterm Horizont verschwunden war, ihn noch hätte blenden können. Was hatte er zu verbergen?
Sollte sie umkehren, so schnell wie möglich nach Greetsiel zurück? Franziska verwarf den Gedanken. Wenn der Mann vorhatte, ihr etwas anzutun, würde er sie spätestens am Sieltief einholen. Sie malte sich aus, wie er sie überwältigen und ins Wasser werfen würde, sie und das Kind.
Den halben Heimweg hatte sie bereits zurückgelegt. Besser war es, weiterzufahren. Keine Schwäche zeigen, nicht wie ein potenzielles Opfer wirken. Den Kopf heben, dem Mann ins Gesicht lächeln und energisch in die Pedale treten, das war der beste Schutz. Dann käme er erst gar nicht auf dumme Gedanken. Und wer sagte denn überhaupt, dass er gefährlich war? Ihre Fantasie spielte ihr heute wirklich einen Streich!
Die Umrisse des Hauses, das ihr Mann und sie vor vier Jahren gekauft hatten, konnte sie bereits erkennen. Womöglich stand Bodo im Vorgarten und hielt Ausschau nach ihr. Sie war heute später dran als sonst. Petra und sie hatten ein sensationelles Thema zu besprechen gehabt: ihre Schwangerschaft, ein lang gehegter Wunsch, der sich endlich erfüllt hatte.
Der Radler hielt genau auf sie zu. Die Fahrradleuchte schlenkerte nicht mehr. Die Gläser der Sonnenbrille waren auf ihr Gesicht gerichtet wie Scheinwerfer, die Strahlen der Dunkelheit statt des Lichts verströmten.
Franziska verringerte das Tempo. Ihr Herz klopfte laut und langsam, als wollte es ihr die drohende Gefahr ins Hirn schlagen. Sie bremste. Ihr wurde schwindelig. Sie verlor das Gleichgewicht und sprang vom Rad. In Panik ließ sie es fallen und hechtete auf den Wiesenrand, wo sie auf die Knie stürzte.
In letzter Sekunde, kurz bevor er über den Vorderreifen ihres Bikes gefahren wäre, riss der Radfahrer den Lenker herum. Er hob eine Hand, rief: »Schön gut’n Moin« und radelte unbeirrt an ihr vorbei.
Franziska schluckte. Ein besoffener Tourist, der sich offenbar in der Tageszeit vertan und obendrein nicht verstanden hatte, was Moin bedeutete.
Sie beobachtete, wie der Mann schwankend in Richtung Greetsiel weiterfuhr. Als er die Brücke, die über den Kanal führte, überquert und sich bis dahin kein einziges Mal nach ihr umgedreht hatte, erhob sie sich und legte eine Hand auf ihren Bauch. Alles ruhig da drinnen ... Keine Angst, mein Kind, gleich sind wir am Ziel.
Sie kehrte auf den Weg zurück und nahm ihr Fahrrad auf. Mit flatterndem Herzen und zittrigen Knien setzte sie den Heimweg fort. Nur noch wenige hundert Meter. Mittlerweile herrschte mehr Dunkelheit als Dämmerung.
Franziska erreichte die mannshohe Buchenhecke, die das lang gestreckte Grundstück umgab. Erleichtert atmete sie auf. Es mussten die Hormone gewesen sein, die ihr unterwegs Gefahren vorgegaukelt hatten, die nur in ihrer Vorstellung existierten. Was für ein gutes Gefühl, angekommen zu sein! In wenigen Augenblicken würde sie Geborgenheit in ihren vertrauten Räumen finden.
Während das Rad ausrollte, blickte Franzi zur oberen Etage des Hauses hoch. Bodo saß noch im Arbeitszimmer, das zur anderen Seite hin lag. Das Licht der Schreibtischlampe erhellte den Flur. Gleich würde er ihr einen alkoholfreien Longdrink mixen und dann würden sie gemeinsam von ihrem Leben zu dritt träumen.
Franziska stieg vom Rad. Etwas knackte hinter der Hecke. Eine streunende Katze wohl, die dort im Dunkeln Schutz suchte und sich vor ihr erschreckt hatte. Vorsichtig, um das Tier nicht noch mehr zu verängstigen, schlich sie an den sorgfältig geschnittenen Rotbuchen vorbei. Sie öffnete die Gartenpforte und schob das Rad auf den Fahrradständer zu, der bei den Mülltonnen in einer Ecke des Grundstücks aufgestellt war. Dieses kleine, nüchterne Areal hatten sie auf geschickte Weise vor Einblicken geschützt. Zur Straße und zu dem Trampelpfad hin, der davon abzweigte, war es von der Buchenhecke verdeckt; vom Haus aus betrachtet lag es hinter üppigen Rhododendronsträuchern verborgen.
Mit einem Mal schnellte ein dunkel gekleidetes Wesen hinter dem Container hervor. Es sprang auf Franzi zu.
Eiskaltes Grauen schoss durch ihren Körper. Sie öffnete den Mund und holte Luft.
Doch die Gestalt war schneller als sie. Sie hielt etwas in der Hand, der Arm holte aus und ...
Noch in der Kehle erstarb Franziskas Schrei.

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