19. Juni 2018

'Rückkehr nach St. Germain' von Annette Hennig

Kindle (unlimited)
Lara, die junge Reiseleiterin aus Leipzig, begleitet eine Reisegruppe nach Paris.

Dort trifft sie auf den attraktiven Armand, der seinem Großvater beim Umzug hilft. Lara und Armand kommen einander näher und finden heraus, dass ihre Großeltern ein gut gehütetes Geheimnis verbindet. Stück für Stück offenbart sich den beiden jungen Menschen, was diese fast sechzig Jahre lang vor ihnen verborgen haben.

Je mehr sie in die Geschichte ihrer Großeltern eintauchen, umso erschütternder greifen die Ereignisse aus jener längst vergangenen Zeit nicht nur in ihr eigenes Leben ein.

Wird aus einer alten Liebe eine neue erwachsen?

Band 2 der St. Germain-Dilogie.

Leseprobe:
Leipzig, 2013
Hanna wollte es wissen. Nichts hielt sie mehr in ihrer guten Stube. Obwohl sie nicht glaubte, dass Marie-Luise ihren mahnenden Worten Beachtung geschenkt hatte, so glomm doch noch ein kleiner Funke Hoffnung in ihr, dass ihre Freundin das Richtige getan hätte.
Und was das Richtige war, daran gab es in diesem Augenblick für Hanna keine Zweifel. Sie rappelte sich aus ihrem Lieblingssessel hoch, schlüpfte in Schuhe und leichten Sommermantel und verließ das Haus.
Die Passanten in Leipzigs Innenstadt waren nicht weniger geworden, auch wenn es bereits nach zehn Uhr am Abend war.
Hanna lächelte. Das liebte sie an ihrer Stadt. Immer herrschte in den Straßen, selbst in den engen und weniger bekannten Gassen, reges Treiben. Die alte Frau konnte sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Hier, und nur hier, am Puls der Zeit, wollte sie ihre letzten Jahre verbringen. So war sie es gewohnt, seit sie ein Kind war. Niemals hatte sie mit dem Gedanken gespielt, ihre Heimat zu verlassen.
Wieder dachte sie an Marie-Luise, ihre Freundin seit Kindertagen, die es einst in weite Ferne gezogen hatte. Gottlob war sie am Ende ihrer wunderbaren Stadt treu geblieben, wenngleich das nicht ihr eigener Wille gewesen war.
„Dieses Schäfchen“, murmelte Hanna, während sie durch Leipzigs Innenstadt eilte. Würde sie die Freundin antreffen? Wehe, sie wäre zu Hause! Hanna lachte über sich selbst. Was war sie doch für ein altes, verschrobenes Weib! Lief, so schnell sie ihre Füße tragen konnten, zur „Goldschmiede Schneider“ und hoffte doch, Marie-Luise dort nicht anzutreffen. Die Freundin konnte von Glück reden, wenn sie sich mit Lara auf die Reise nach Paris begeben hatte. Anderenfalls würde Hanna ihr eine Standpauke halten, wie sie noch keine von ihr gehört hatte – und Marie-Luise hatte gewiss schon so manches von Hanna zu hören bekommen.
Hanna verlangsamte ihr Tempo und rang nach Atem, war zu schnell gelaufen. Widerstrebend gestand sie sich ein, dass sie nicht mehr die Jüngste war. Als wolle sie den herrlichen Abend genießen, schlenderte sie nun an den Schaufenstern entlang und betrachtete angelegentlich deren Auslagen. Noch nie hatte sie den Sinn von edlen Ledertaschen, mondäner Kleidung oder gar sündteurem Parfüm verstanden. Meist war sie unbeeindruckt an den verführerisch dargebotenen Auslagen vorbeigegangen. Nur bei dem Schmuck, den sie in der Schneider‘schen Goldschmiede immer bewundert hatte, wäre sie gern schwach geworden, wenn ihre Ersparnisse das hergegeben hätten. Noch heute schwärmte sie für das eine oder andere Stück, das nun unter Caroline Schneiders kunstfertigen Fingern entstand.
Die alte Frau seufzte bei dem Gedanken, wie gut es Marie-Luise in ihrem Leben stets gegangen war. Und wie sie selbst hatte hart arbeiten müssen, um nach dem Tod ihres Mannes Tochter und Sohn versorgen zu können.
Hanna schüttelte den Kopf; in ihrem Gesicht hätte jeder, der sie kannte, das Unverständnis und die Traurigkeit lesen können, wenn sie an ihre beiden Kinder dachte. Sie hatte sich für sie aufgeopfert, und heute kümmerten sie sich kaum um sie, ihre Mutter.
Um Luft ringend blieb sie vor dem Schaufenster einer Parfümerie stehen und schaute hinein. In ihrer Entrüstung war sie wieder in den schnellen Lauf verfallen, der ihr den Atem nahm.
„La vie est belle“, las sie. „Das Leben ist schön.“ Ja, mit einem solch schmeichlerischen Namen ließ sich gewiss jeder Duft an die Frau bringen. „Aber nur an die Damen, die die Kehrseite dieses Slogans nicht kennen“, murmelte Hanna. Schnell drehte sie sich um. Gottlob, es stand niemand hinter ihr. „Verrückte alte Schachtel!“ Von sich selbst genervt runzelte sie die Stirn. Noch ein Blick auf das kleine Preisschild – und Hanna pfiff leise durch die Zähne. Eine kleine Weile verharrte sie noch vor der Auslage. Ihre Augen wanderten über die ansprechenden Flacons. „La Nuit Caresse“, sie schüttelte widerwillig den Kopf. „Streicheleinheiten?“, übersetzte sie das Gelesene, doch sie war sich nicht ganz sicher, ob ihre Französischkenntnisse sie nicht trogen. „Miracle“ – „Wunder“, dafür reichte ihr Wortschatz gerade noch aus. Mit einem letzten ungläubigen Blick auf die Preise wandte Hanna sich vom Fenster ab und setzte ihren Weg fort. „Miracle – Wunder“, murmelte sie vor sich hin. „Wäre nicht schlecht“, fand sie.
Dann zuckte sie die Schultern. Sie glaubte schon lange nicht mehr an Wunder.

Als sie wenig später vor dem Schaufenster der „Goldschmiede Schneider“ stand und ihr Blick sehnsüchtig über die ausgestellten Stücke glitt, schlug die Uhr vom nahegelegenen Kirchturm die elfte Stunde. Hanna horchte auf. Bald Mitternacht!
Und die alte Frau erinnerte sich, wie sie schon einmal hier gestanden und bei der Freundin geklingelt hatte, als wäre der Teufel hinter ihr her. Hätte sie es damals bloß nicht getan! Wer weiß, wie dann alles gekommen wäre. Betrübt senkte sie den Kopf und ließ die Schultern hängen. War sie mit schuld an dem ganzen Schlamassel, der sich danach zugetragen hatte? Aber nein, rief sie sich sofort zur Ordnung. Auch ohne ihr Zutun wäre alles so gekommen, wie es gekommen war.
Sie blickte zum Eingang neben dem Schaufenster, der in Marie-Luises Wohnung hinaufführte. Doch ihre Füße verharrten auf der Stelle, wollten sich nicht bewegen, schienen mit dem Boden verwachsen.
Sie musterte das Haus, das sie seit ihrer Kindheit kannte. Dort oben, hinter den Fenstern im ersten Stock, hatte sie mit Marie-Luise gespielt, gelernt, gelacht und gestritten. Und später mit ihr diskutiert, geschimpft, geweint und so manche Träne der Freundin getrocknet.
Jetzt bewegten sich ihre Füße doch, der Boden schien sie freizugeben. Aber sie liefen nicht auf die Eingangstür zu, sie strebten in die entgegengesetzte Richtung.
Und Hanna gebot ihnen keinen Einhalt. Schnell ging sie davon. Die Schuld, die sie trotz besseren Wissens noch immer in sich trug, lastete so schwer auf ihrer Seele, dass selbst sie nicht mehr wusste, was gut und richtig war.
Kurz wandte sie noch einmal den Kopf und blickte zu den Fenstern des Hauses empor. Genau wie damals brannte nur hinter einem Fenster Licht. Sie wusste, dahinter lag Marie-Luises Schlafzimmer.
Hanna atmete tief ein und hielt für eine kleine Weile die Luft an. Dann stieß sie den Atem wieder aus.
So wie damals schien Marie-Luise nicht auf ihren Rat gehört zu haben und war zu Hause geblieben.
„Verkehrte Welt“, murmelte Hanna. „Damals hätte sie zu Hause bleiben sollen!“ Doch heute? Was hatte sie heute noch zu verlieren?
Mit großen, energischen Schritten, die man der alten Frau nicht zugetraut hätte, ging Hanna davon. Dabei war sie nicht weniger beunruhigt als vor fast fünf Jahrzehnten.

Im Kindle-Shop: Rückkehr nach St. Germain.
Mehr über und von Annette Hennig auf ihrer Website.



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