20. Dezember 2018

'Herz schlägt Krieg' von Jörg Krämer

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Das zwanzigste Jahrhundert. Zwei Weltkriege erschüttern Europa.

Hilde Niggetiet, 1910 geboren, erzählt in ihrer Biografie von dem Versuch, in den Wirren der Kriege ein normales Familienleben zu führen.

Bombenangriffen, Kinderlandverschickung und persönlicher Schicksalsschläge zum Trotz lässt sie sich nie entmutigen. Als sie aber gegen den Willen ihrer Familie mit ihrem Geliebten Erwin durchbrennt, scheint für sie die Chance auf ein glückliches Familienleben endgültig gescheitert.

Leseprobe:
Hamstern
Dann kam die Lebensmittelknappheit. Nur das Allernötigste gab es zu essen. Es begann die Hungersnot. Das war das Schlimmste für meinen Bruder Erich. Er brauchte viel Fett. Aber Not macht erfinderisch. Heini war ja auch wieder zu Hause. »Wir zwei gehen einfach hamstern.« »Aber wir haben doch nichts zum Tauschen.« Zuerst fuhren wir nach Brühl, von da aus mit der Kleinbahn über Land. Das war gar nicht so einfach. Die Züge hatten meistens Verspätung. Da saßen wir bis zum nächsten Morgen in den Wartesälen, den Kopf auf den Tisch, die Tasche zwischen die Beine geklemmt, damit man uns ja nichts wegnahm. Denn hin und wieder duselte man schon ein bisschen ein. Ich hatte mir zwei hübsche Pullover gestrickt, die bot ich den Leuten an. Dafür bekam ich ein paar Bunde Tabak. Ich war glücklich. Das merkten die Leute und gaben uns auch noch zu essen. Nichts Besonderes, aber ich hatte mal wieder etwas Warmes im Bauch. Es hatten noch mehrere Leute Spaß an den Pullovern, also konnte ich immer wiederkommen. Aber woher jetzt die Wolle nehmen? Das war mein einziger Gedanke unterwegs. Heini schlief im Zug wie ein Bär. Für ihn war die Zeit immer schnell um.
Zu Hause herrschte ein Durcheinander, als wären wir monatelang weggewesen. Edith war die Schlimmste. Sie verstand es noch nicht, dass ich alleine wegfuhr. Papa hatte schon Tüten geklebt. Jetzt wurde der Tabak geschnitten und über den Daumen gepeilt zu fünfzig Gramm in die Tüten gefüllt. Am nächsten Morgen fuhren wir dann nach Ostfriesland. Auf Rauchwaren waren die Männer da ganz verrückt. Das hatte man uns erzählt. Ach, waren wir glücklich. Wir hatten ein paar Pfund Speck, Mehl, Butter und ein paar Eier bekommen, aber mussten abends um neun Uhr noch zwölf Kilometer laufen. Als wir zu Hause ankamen, waren wir völlig geschafft. Aber die Freude, dass wir so viel für den Tabak bekommen hatten, ließ uns all die Strapazen vergessen. Ich dachte nur noch an Erich: Der sollte doch gesund werden. Ach, und unsere Lisbeth, sie konnte es gar nicht glauben. Edith brauchte auch kein trockenes Brot mehr zu essen, wenn überhaupt was da war. Aber allzu lange reichten die Sachen nicht. Da hörten wir, dass man in Gronau Spulen mit Baumwolle hamstern konnte. Aber was sollen wir jetzt verhamstern? Ich hatte von Edith und Dötken noch ein paar schöne gestrickte Röckchen, Pullover und selbstgestrickte Schlüpfer und Strümpfe. Alles, was Edith zu klein war, packte ich ein, und Heini und ich fuhren los. Aber es war gar nicht so einfach. Die Leute hatten die Spulen aus der Fabrik geschmuggelt. Sie waren erst misstrauisch. »Werden Sie uns auch nicht verraten? Wir würden bestraft und verlören unseren Arbeitsplatz.« »Um Gottes Willen«, sage ich, und erzählte den Leuten, dass mein Bruder Erich schon acht Jahre krank war. Da rückten sie damit raus. Ich war so glücklich! Jetzt konnte ich schnell wieder Pullover stricken. Die wurden wir spielend los. Hatten wir ein Glück! Keine Polizei, die uns kontrollierte. Denn sicher waren wir erst, wenn wir die Haustür hinter uns schlossen. Jetzt wollte Erich auch helfen. Wir mussten immer das Garn von drei, vier Spulen zusammenwickeln, sonst wäre es viel zu dünn. Die Männer übernahmen diese Arbeit, und ich hielt mich ans Stricken und Häkeln. Wenn dann wieder ein Stück fertig war, hätte ich es am liebsten für mich behalten. Es hing viel Arbeit daran, und oft waren die Pullover ein Gedicht. Aber der Vorrat ging zur Neige. Wenn nur nicht die Fahrt so lang gewesen wäre! Die Angst bei der Kontrolle saß einem immer im Nacken. Und die Züge waren so überfüllt. Man war oft froh, dass man wenigstens im Stehen mitfahren konnte. Viele, viele Menschen blieben zurück. Das ist uns nie passiert.
Heini schubste mich einfach rein und schlug mir die Tür in den Nacken. Oft war ich blitzblau. Er setzte sich auf die Puffer. Aber das dauerte meistens nur eine Station weit. Dann riss er die Tür auf und quetschte sich rein. War das ein Geschimpfe! Dass sich die Männer nicht prügelten, war ein Wunder. Die Hauptsache war, dass er nicht wie die anderen draußen auf dem Trittbrett stehen musste. Er ließ die Leute ruhig schimpfen, als ginge ihn die ganze Sache gar nichts an. Als wir am Ziel ankamen, sagte ich: »Du bist wohl doof. Der ganze Rücken tut mir weh.« »Ach, mein Schwesterchen, das heilt wieder. Die Hauptsache: Wir haben es wieder einmal geschafft.« So ging das eine ganze Zeit. Aber die Bauern wurden immer anspruchsvoller. Die Leute aus dem Ruhrgebiet schleppten alles, was sie nur erübrigen konnten, weg – nur für ein paar Lebensmittel. Wir kamen nie mit leeren Händen nach Hause. Oft war eine Eiseskälte. Heini legte mir dann eine Wolldecke um, wo nur meine Augen rausschauten. Er hatte ein sehr gutes Herz. Wir schliefen meistens im leeren Schweinestall. Da war es schön warm. Es stank zwar noch ein bisschen, aber daran hatten wir uns längst gewöhnt. Oft konnten wir aber auf einem Sofa und Heini auf einer alten Pritsche schlafen. Es fehlte uns nicht an guten Leuten.
Einmal fuhren Frau Rössler, Frau Bloom und ich. Wir hatten jeder zwei Bunde Tabak. Das war nicht viel. Aber geschnitten gab es so manches Päckchen. Nun hieß es: Wo schlafen wir? Der Wartesaal war proppenvoll. Da gingen wir zu den Nonnen. Wir bekamen ein richtiges Zimmer mit einem Bett, einem kleinen Tisch und zwei Stühlen. Sie brachten für jeden einen Teller Suppe und eine Scheibe Brot. Wir waren sehr dankbar. Als die Nonne gegangen war, fragte ich: »Sollen wir vielleicht alle drei in diesem kleinen Bett schlafen? »Auf alle Fälle besser als nichts.«
Wir krochen ganz dicht zusammen. Es war schön mollig. Wenn sich einer umdrehte, mussten es alle. Es ging beim besten Willen nicht anders. Ich krabbelte aus der Mitte heraus, nahm ein Kissen und schlief auf der Erde. So traurig es auch war, aber wenn wir uns später trafen, amüsierten wir uns köstlich. Als wir zu Hause ankamen, waren wieder alle glücklich. Heini sagte: »Das nächste Mal fahre ich wieder mit.«
Das Reden überließ er mir. Für zwei Bunde lohnte sich die Fahrt nicht. Gesagt, getan. Wir warteten noch eine Woche. Heini und Erwin mussten erst noch Wolle holen. Sie hatten unheimlich viel ergattert. Heini hatte die meisten Spulen am Körper versteckt. »Erwin, was denkst du, wie sich unsere Hilde freut?«
Aber sie haben ihn geschnappt. Er sollte sagen, woher er die Wolle habe. Daraufhin antwortete er immer wieder, es hätten ihm zwei Männer unterwegs die Spulen angeboten. Das nahm man ihm nicht ab, daher wurde er eingesperrt. Die Beamten verhörten ihn die halbe Nacht. Immer dieselbe Antwort. »Ich hätte die Leute nicht verraten, selbst wenn sie mich verprügelt hätten.«
Als Erwin alleine nach Hause kam, war Omi außer sich. »Wenn sie ihm nur nichts tun!« »Beruhige dich doch. Du wirst sehen, spätestens morgen Abend ist er wieder hier. Natürlich ohne Wolle, versteht sich.« »Das macht nichts, Erwin. Die Hauptsache: Man tut ihm nichts zuleide.« So war es dann auch. Am nächsten Abend trudelte er ein. Waren wir froh! »Mensch, Hilde, ich hatte mich so auf dein Gesicht gefreut. Aber ich konnte die Leute doch nicht verraten. Die haben mich hin- und hergeschubst! Ich hätte sie am liebsten irgendwohin getreten. Aber ich war froh, dass sie mich laufen ließen. Es hätte ja schlimmer kommen können.«
Immer wenn Erwin und Heini fuhren, hatten sie Pech. Da nahm ich wieder das Zepter in die Hand. Es war ja ganz schön anstrengend. Morgens um drei Uhr fuhr der Zug schon von Langendreer. Wir mussten jetzt sogar Zulassungskarten haben. Wir bekamen aber keine mehr.
Heini sagt: »So ein Mist!« Als wir auf dem Bahnhof ankamen, wimmelte es von Polente. »Hilde, steig ein!«, und weg war mein Bruderherz. Wir fuhren an dem Tag nach Oldenburg. Ich rannte durchs Abteil und schrie: »Heini! Heini!« Da fasste mich einer der Beamten am Arm: »Was ist denn los?« »Ich habe meinen Bruder verloren. Ich habe keine Fahrkarte und keinen Pfennig Geld.« »Zeigen Sie uns wenigstens Ihre Zulassung.« »Das ist es ja eben, die hat er auch.« Ich war so aufgeregt. Da nahmen sie mir den Schwindel ab.
Die Fahrt wollte kein Ende nehmen. Ich dachte: Wenn er jetzt nicht angekommen ist, was machst du nur? Aber als der Zug in Oldenburg hielt, stieg mein Bruder seelenruhig aus seinem Abteil und lachte. Ich wurde richtig böse. »Hilde, es ging nicht anders.«
Dieses Mal klappte aber alles vorzüglich. Wir konnten noch am selben Abend zurückfahren. Erichs Augen strahlten immer, wenn wir glücklich zu Hause waren. Er drückte uns. »Das kann ich nie gutmachen!« »Ach, mein Junge, es ist ja nicht nur für dich, es ist für uns alle.«
Einmal nahm ich meine Edithmaus mit. Sie wollte es unbedingt. »Mein Schatz, du darfst aber keine Angst haben. Versprichst du mir das?«
»Ganz bestimmt nicht, Mutti.« Bis Gronau war es ja nicht weit. »Am besten, wir nehmen deinen Tornister mit, dann fallen wir nicht auf.«
Am nächsten Tag ging es los. In Nordhorn stiegen wir aus. Edith machte es Spaß. Die Leute kannten uns ja schon. Aber als wir wieder zum Bahnhof kamen und sie die Polizei sah, bekam sie Angst. Ich beruhigte sie: »Kind, stell dich zu den Schulkindern, dann merken sie nichts. Du brauchst bestimmt keine Angst zu haben, ich bleibe ganz in deiner Nähe. Du bist doch nicht feige.« »Aber wenn sie uns einsperren!«
»Ach, doch keine Kinder und Frauen. Nun geh schon, sonst wird die Polizei etwas merken.« Aber die verschwand schon wieder. »Siehst du, mein Liebling, es ist alles halb so schlimm.«
Sie zitterte am ganzen Körper. »Mutti, ich fahre nie wieder mit.«
»Nein, mein Schatz, das ist auch nur was für Erwachsene.«

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