11. März 2019

'Die neue Zukunft: Unruhe' von Chester Rock

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Michael findet sich plötzlich in einer ihm fremden Umgebung wieder.
An diesem Ort sollte er nicht sein.
An diesem Ort sollte kein Mensch sein.

Ein illegaler Test an einem Teilchenbeschleuniger in Sofia lässt die Messstationen weltweit verrücktspielen. Drei Mitarbeiter einer IT-Firma, die sich in diesem Moment in dem Forschungsinstitut befinden, verschwinden spurlos.

Wenige Zeit später erfährt der Angestellte Martin Luber in München von dem vermeintlichen Tod seiner drei Freunde und Kollegen. Wäre da nur nicht dieses bizarre Foto, das ihm sein verschollener Freund Michael in diesem Augenblick auf sein Handy sendet.

Leseprobe:
Luber
Es klingelte.
Es hörte einfach nicht auf. Er war selber schuld, denn er hatte vergessen, den Anrufbeantworter zu aktivieren. Die Nummer auf dem Display des Telefons schnitt aggressiv fordernde Fratzen. Nicht dass das Telefon dies immer täte, wenn er nicht doch schon die Nummer des Inkassobüros erkannt hätte. Und nein, er bildete es sich nicht ein, dass Display schnitt eine schreckliche, strenge Grimasse. Er atmete durch, befeuchtete seine Lippen wie ein Rockstar, der nun auf die Bühne des Olympiastadions mit Pyro-technik und Nebelschwaden von unten hochgeschossen wird und die grölende Menge von 71.500 Fans rocken würde.
»Ladiiies and Gentlemeeeen«, röhrte es durch die mächtigen Lautsprecher des Stadions, »ARE YOU READY?? … Live on stage … You wanted the best, you get the best!! HE WILL KICK YOUR ASS … PLEASE WELCOME:«
»Martin Luber, hallo?«, krächzte er mit unsicherer Stimme ins Telefon und rockte den Hörer.
»Herr Luber, hier spricht Gisela Martens von Inf…«
»Hallo, ich weiß, warum Sie anrufen, Frau Martens. Das Geld sollte nächste Woche angewiesen werden. Leider hatte ich einen Zahlendreher in der Überweisung und der Betrag wurde zurückgebucht.«
Ruhe.
Martin hörte Frau Martens tippen, atmen, doch sie sagte kein Wort. Sein geniales und strategisch gut ausgeklügeltes Geplapper schien richtig gut … danebenzugehen.
»Herr Luber, ich leite das jetzt weiter. Bis Ende der Woche sollten Sie einen gerichtlichen Mahnbescheid bekommen. Viermal habe ich Ihnen die Frist verlängert. Ich kann nichts mehr für Sie tun. Alles Gute.«
Das Gespräch war beendet. Der Applaus und die Zugaberufe aus dem Olympiastadion hallten so lange nach, wie er mit seinen elf Kilogramm Übergewicht sprinten konnte. Und wie es bei allen Rockstars am Ende eines erfolgreichen Gigs ist, fiel auch Martin Luber in ein Loch der Einsamkeit und Verzweiflung. Ohne das Umschwärmen, ohne den Kick auf der Bühne des Lebens. Fakt war, dass er mit dem Rücken zur Wand stand.
Ein Mann in den Dreissigern mit einer wundervollen Frau, optisch zumindest, die in der Finanzbuchhaltung desselben Unternehmens arbeitete und ihn mit dem gemeinsamen Chef betrog. Zumindest sparten sie sich Tag für Tag die Fahrtkosten. Der allmorgendliche Wahnsinn begann jeden Tag gleich. Martin brauchte im Bad mit seinen zehn Minuten natürlich zu lange und hielt das Styling seiner Angebeteten auf. Danach folgte die unheimlich charmante Begutachtung seiner Kleidung, meist mit den Worten »DAS Hemd willst du anziehen? Na ja …«, gefolgt von einem gekonnten Augenrollen, einem leisen Schnaufen, das eher einem Zischen glich, und dem schnellen Umdrehen und Abgang in das endlich geräumte Badezimmer.
Nach einer schnellen Tasse Kaffee begann die Odyssee im Auto. Eine Autofahrt von sage und schreibe zwölf Minuten lag vor Ihnen. Martin stellte sich, wie so oft, auf einen Monolog und eine Lobeshymne auf seinen Chef ein.
NATÜRLICH bestritt sie, dass es eine Affäre gab, und natürlich wusste die ganze Firma davon. Die Blicke, die ihn tagtäglich in den Büroräumen der Kollegen ereilten, glichen immer dem bemitleidenden und anteilnehmenden Gesichtsausdruck, mit dem man einem Schwein ansieht, das gerade zur Schlachtbank geführt wird.
Auch nach zwölf Jahren Ehe waren ihre finanziellen Verhältnisse getrennt. Sie steuerte kaum etwas von ihrem Verdienst bei, dafür Martin umso mehr von dem Geld, das er gar nicht besaß. Die Urlaube, die das Paar dreimal im Jahr machte, mussten finanziert werden, schließlich war die Welt doch so groß und wundervoll und sollte bereist werden. »Martin, du lebst nur einmal. Hast du denn gar keinen Puls mehr?«
Natürlich hatte er Puls, besonders wenn er auf sein völlig überzogenes Bankkonto sah und in seine Exceltabelle, in die er akri-bisch jede Kreditrate, jede Inkassovereinbarung und jede Mahnung eintrug. Nur um aktiv zuzusehen, wie es immer weiter und weiter nach unten ging.
Sandra war eine wunderschöne Blondine mit einem charmanten Lächeln und vollem Haar. Ihr Mund war nicht so groß und besonders; wenn sie genervt war, was durchaus am Wochenende mehrmals vorkam, verformten sich ihre Lippen zu einem kleinen weißen Strich. Sie presste ihren Mund so sehr zusammen, dass Martin, während sie ihn wieder anschnaufte, eigentlich nur überlegte, warum man in diesen Momenten die Oberlippe von der Unterlippe nicht mehr unterscheiden konnte. Sie war ein menschlicher Transformer und oft musste er aufpassen, nicht zu lachen, wenn in ihrem Gesicht plötzlich wieder dieser weiße Strich erschien, der ihre Lippen ersetzte.
Seine Gefühle, sein Bedürfnis, zu reden, sich mitzuteilen, ignorierte sie diplomatisch gekonnt seit sieben Jahren. Kurzum, es interessierte sie nicht, was der Loser neben ihr ihr mitteilen oder sagen wollte.
Auf irgendeine Art und Weise mochte sie Martin Luber schon, so wie ein kleines Kind seinen Hamster, an den es sich gewöhnt hat.
Es war der 6. April. Ein typischer Montagmorgen, mit der typischen Fahrt zu den Büroräumen von Culligs Inc, dem IT-Riesen für Security.
Es war der Tag, an dem Martin seinen Freund Michael und seine Kollegen Armin und Frederick verlieren sollte.

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