1. April 2019

'Ungerecht' von Drea Summer

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Was würdest du tun, wenn man dir das Wichtigste nimmt?

In einem ruhigen Vorort von Graz bricht Christian Schmitz am frühen Morgen in die Villa des schwerreichen Verlegers Harald Moser ein. Er fesselt den überraschten Mann. Im Laufe des Vormittags lockt Christian einige Personen aus Mosers näherem Umfeld unter einem Vorwand in das Haus. Er überwältigt sie alle, und ein schreckliches Spiel beginnt, in dem Christian immer tiefer in einen Strudel aus Gewalt und Blutdurst hineingezogen wird.

Was geschah in den letzten zwölf Monaten? Und was bringt einen Mann dazu, sich in einen brutalen Folterknecht zu verwandeln?

Leseprobe:
Heute, morgens
Christian schnaufte schwer und blieb stehen. Trotz des Pfeifens, das aus seinem Mund huschte, hörte er das Rascheln der Bäume. Wieder segelten die Blätter auf den Boden, als ein eisiger Windhauch seine Haut berührte. Ein dicker Laubteppich bedeckte die Erde. Grau in grau, keine Farbe zu sehen. Es war fast so, als würde Christian in sein Innerstes blicken.
Der Mond schien hell, und die Bäume in dem kleinen Wald standen in weitem Abstand zueinander, sodass sie das Licht durchließen und er keine Taschenlampe einschalten musste. Die erste Hürde hatte er bereits Minuten zuvor hinter sich gelassen. Es war nicht einfach für ihn gewesen, über die knapp zwei Meter hohe Mauer zu klettern. Mit Sport hatte er sich noch nie anfreunden können. Viel lieber lag er vor dem Fernseher und schaute auf Netflix eine Serie nach der anderen, natürlich mit einer Tüte Chips an seiner Seite.
Er beugte sich vornüber und stemmte die Hände auf seine Oberschenkel. Sein Rucksack rutschte ihm in den Nacken. Nach dem dritten tiefen Ein- und Ausatmen bekam er wieder genug Luft, um sein Vorhaben weiter auszuführen. Das Ende des Wäldchens war bereits in Sichtweite. Er rannte zu einem Baum am Waldrand. Der Stamm war dick genug, um sich dahinter zu verstecken.
Sein Blick schweifte über die Wiese, die im Mondschein aussah wie ein englischer Rasen, hinüber zu der Villa, die gut fünfzig Meter entfernt war. Das Gebäude erweckte mit seinen vielen Fenstern auf den ersten Blick den Eindruck eines Märchenschlosses. Kleine, eckige Türme an zwei Seiten des Daches reckten sich in die Höhe. Die kunstvoll geschwungene Stuckatur über den Sprossenfenstern hob sich hell von der dunklen Fassade ab. Im Haus selbst sah er kein Licht, somit nahm er an, dass der Bewohner der Villa schlief und Christian freie Bahn hätte. Alles um ihn herum war ruhig.
Kurz – vielleicht waren es Millisekunden – dachte Christian daran, umzudrehen und einfach alles seinem Schicksal zu überlassen. Dem Arm der Gerechtigkeit. Nur dann drängten sich die Bilder von Corinne wieder in seinen Kopf. Das viele Blut, das nun auch an ihm klebte. Die Verantwortung, die wie ein Felsbrocken auf seinen Schultern lastete. Er musste es zu Ende bringen, das war er Corinne schuldig. Er war bereits hier, und nun gab es kein Zurück mehr. Kein Zurück in sein altes Leben. Sein altes Leben war tot. Ausgelöscht. Im Abfluss hinuntergespült. Er schüttelte den Kopf und hoffte, dadurch die Bilder aus seinem Kopf zu bekommen. Doch war das überhaupt möglich? Konnte er diese Bilder jemals wieder vergessen? Je mehr er darüber nachdachte, umso stärker wurde die Wut in ihm. Er ballte seine Hände zu Fäusten und rannte in geduckter Haltung über die Wiese zur Villa. Wie ein Schatten bewegte er sich über die weitläufige Terrasse. Das Wasser im Pool schimmerte im Mondschein.
An der Rückseite des Gebäudes angekommen drückte er sich gegen die Wand und atmete tief durch. Ein brennender Schmerz durchfuhr seinen Brustkorb und raubte ihm die Luft. Habe ich gar keine Kondition mehr? Das kann doch wohl nicht wahr sein. Er legte die Hand auf die linke Seite seines Oberkörpers und spürte sein Herz, das wie wild gegen die Rippen donnerte. Vielleicht war es auch zu viel Adrenalin, das sich in den letzten beiden Stunden in ihm aufgebaut hatte, und sein Körper reagierte deswegen so stark.
Mit einem Schlag wurde es dunkel. Er schaute zum Himmel und sah eine Wolke, die sich vor den Mond schob. Schnell zückte er sein Telefon, schaltete die Taschenlampe ein und schlich sich zur großen Hintertür. Es war nicht schwer, sich mittels eines Dietrichs Zutritt zu verschaffen. Das Schloss ließ sich problemlos aufbrechen. Er öffnete die schwere Holztür und betrat den Vorraum. Ein kühler, fast schon eisiger Hauch empfing ihn. Obwohl es erst Oktober war, sanken die Nachttemperaturen bereits in den einstelligen Bereich, aber in einem Haus sollte es eigentlich wärmer sein. Sein Körper reagierte sofort, und es rauften sich die Haare an seinen Armen um einen Stehplatz.
Christian machte einige Schritte und blickte in das erste Zimmer, das vom Vorraum abging. Die zweiflügelige Tür stand offen, und er sah einen riesigen Flachbildfernseher an der Wand hängen. Das Mondlicht schien wieder hell durch die vielen Fenster in den Raum herein. Die Wolke hatte sich offenbar verzogen. Christian blickte sich um. Die Ledercouch, die in der Mitte stand, nahm das halbe Wohnzimmer in Beschlag. Auf der linken Seite, dem Fernseher zugewandt, stand ein Sessel, der vom Aussehen her eher einem goldenen Thron ähnelte.
Ein lautes Sägen zerriss die Stille, und Christian horchte auf. Der Krach kam aus einer der oberen Etagen. Er schlich sich zum Treppenaufgang und lauschte. Stille.
Und dann setzte es wieder ein. Ein lautes Schnarchen. Christian tapste auf Zehenspitzen die Stufen in den ersten Stock und folgte dem Geräusch, das immer lauter wurde, je näher er kam.
Jetzt habe ich dich gleich, du Arschloch. Gleich wirst du dafür büßen, was du mir angetan hast.
Nach wenigen Momenten erreichte er das richtige Zimmer. Die Tür war geschlossen, und er griff mit der rechten Hand an die Klinke. Nervös fuhr er sich durch sein schwarzes, kurzes Haar. Jemand schrie in seinem Kopf: Nein, mach das nicht! Noch ist es nicht zu spät umzukehren. Du wirst in der Hölle schmoren, wenn du deinen Plan durchziehst! Christian hielt einen Augenblick inne. Er spürte den Teufel, der ihm Anweisungen ins Ohr flüsterte, höchstpersönlich auf seiner rechten Schulter sitzen. Seine Hand begann zu zittern.
Ich bin bereits in der Hölle.

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