11. April 2019

'Rattentod' von Livia Pipes

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
»Was wollen Sie wissen?«, raunte er ihr lasziv ins Ohr. »Vielleicht, wie ich sie getötet habe?« Er sah sie direkt an. »Damit Sie sich ausmalen können, was ich mit Ihnen machen werde?«

Das Ende des Winters naht und Kati Lindberg tritt nach einer erfolgreichen Traumatherapie wieder ihren Dienst an. Doch gleich der erste Arbeitstag reißt alte Wunden auf.

Am Leichenfundort, zu dem sie am frühen Morgen gerufen wird, findet sie zunächst einen erdrosselten Busfahrer vor. Der Notarzt stellt die Vermutung an, dass es sich bei dem Tatwerkzeug um ein französisches Folterinstrument aus dem Mittelalter – eine Garrotte – handeln könnte. Ein verletzter Fahrgast, der ebenfalls unter der Brücke aufgefunden worden ist, ist demselben Schicksal nur sehr knapp entgangen. Nachdem er wieder bei Sinnen ist, stellt sich heraus: Die vier Teenager, die er zu einem Konzert begleitet hatte, sind entführt worden.

Einer von ihnen wird in der Nähe lebend aufgefunden. Der Erleichterung folgt schnell die Ernüchterung und überdies riesiges Entsetzen, denn der siebzehnjährige Finn wurde als Träger einer mysteriösen Nachricht auserwählt, die dem Team um Kati Lindberg Rätsel aufgibt. Sie war eingeritzt … auf seinen Bauch. Doch dabei soll es nicht bleiben …

Der Täter, der ihnen immer einen Schritt voraus ist, spielt sein tödliches Spiel und Kati muss alles geben, um sein Geheimnis zu lüften.

Weitere Bücher von Livia Pipes auf ihrer Autorenseite.

Leseprobe:
»1-2-8-4«, las Timo laut vor.
»Das kann nicht sein.« Katis Stimme klang zittrig. Nicht schon wieder, dachte sie, als sie die auf Finns Bauch eingeritzten Zahlen sah. In ihr stiegen Bilder auf. Bilder aus dem letzten Sommer, in dem sie ein Wahnsinniger aus Rache fast umgebracht hatte. Er hatte seine Opfer bestialisch abgeschlachtet und auf verschiedene Art und Weise Zahlen und Buchstaben bei ihnen hinterlassen. Genau wegen dieses Falls, wegen dieses Wahnsinnigen, war sie wochenlang in Therapie gewesen. Und nun?
War jetzt schon wieder so ein Verrückter unterwegs? Kati spürte, wie sich ihr Hals zuschnürte. Sie sah zu ihrem Wagen. Sie könnte dort hingehen, einsteigen und wegfahren. Weit wegfahren. Es wäre ganz einfach.
Sie zitterte am ganzen Leib. Trotzdem trat Schweiß auf ihre Stirn. Nein, nein, das durfte sie nicht. Die Therapeutin tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Sie hatte mit ihr nach einer anderen Lösung gesucht. Der Kiesel!
Kati griff in ihre linke Manteltasche und suchte nach dem Stein. Ihrem Lebensretter in solchen Situationen. Er war glatt und unnachgiebig. So sollte sie selbst auch sein, hatte ihre Therapeutin gesagt. Sie sollte glatter werden.
Sie starrte auf die Ziffern. Keuchte. Alles an sich abperlen lassen, aber nicht abstumpfen. Nein, abstumpfen wollte sie auf gar keinen Fall. Sie wollte in ihrem Beruf empathisch bleiben, aber nicht daran zerbrechen. Wo war der Kiesel nur? Sie keuchte schwer, konnte den Blick jedoch nicht vom Bauch des Jungen abwenden. Sie tastete hektisch in beiden Manteltaschen herum. Scheiße! Wo war er bloß? Ihr Mageninhalt begann, sich seinen Weg zu bahnen. Zu spät. Sie würgte, torkelte ein paar Schritte neben den Krankenwagen und erbrach sich.
Als außer Galle nichts mehr kam, richtete sie sich wieder auf und suchte in ihrer Manteltasche nach einem Taschentuch.
Timo war, ohne dass sie es bemerkt hatte, neben sie getreten und reichte ihr ein frisches.
Sie sah ihn dankbar an. »Danke dir.« Sie tupfte sich die Lippen ab und wollte das Tuch in ihre Hosentasche stecken, als sie dort etwas Hartes spürte. Ihren Kiesel. Ihren glatten Flusskiesel. Da war er. Erleichtert nestelte sie ihn hervor und ließ ihre Hand mit dem Kiesel in der Manteltasche verschwinden. Glatt und hart. Ich bin glatt und hart, wie der Stein in meiner Hand. So eine Situation kann mich nicht zerstören.
»Gehts wieder?«, fragte Timo und berührte sie an der Schulter.
Sie nickte. »Ja. Es war nur eine Art Déjà-Vu.«
»Ich weiß«, antwortete er und blickte wissend in den dunklen Morgen. »Ich weiß.«
Gemeinsam wendeten sie sich dem Jungen zu. Die Sanitäter deckten ihn gerade sorgfältig zu.
Finn sah sie verwirrt an. »Was hat das zu bedeuten? Was sollen die Zahlen auf meinem Bauch?«
Bevor Kati oder Timo antworten konnten, meldete sich Dr. Häberle zu Wort. »Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber wir müssen jetzt los«, sagte der Arzt. »Wir bringen ihn ins Robert Bosch.« Dann schoben die Sanitäter die Liege in den Wagen und schlossen die Türen von innen. Dreißig Sekunden später fuhr der Rettungswagen mit Blaulicht los.
Auch der zweite Wagen setzte sich in Bewegung.
Frau Brunner kam auf sie zu. »Beruhigend, dass wenigstens einer der Jugendlichen gefunden wurde.«
»Man hat ihm Ziffern auf den Bauch geritzt«, brachte Kati mit Mühe hervor.
Brunner sah beide irritiert an. »Wie? Ziffern geritzt? Mit einem Messer?«
»Ja, wahrscheinlich. Man erkennt dort die Folge 1-2-8-4«, erklärte Timo. Sein Blick ging von Brunner zu Kati.
»Was soll das bedeuten?«, fragte die Staatsanwältin. »Und was hat der Junge sonst noch erzählt?« Sie sah auffordernd zu Kati, doch die schüttelte nur ihren Kopf, unfähig zu sprechen.
»Keine Ahnung, was das mit den Ziffern auf sich hat«, sagte Timo. »Er gab aber an, dass er gesehen hat, wie sein Vater gestürzt ist. Danach war plötzlich alles voll mit Rauch, und kurz, bevor er ohnmächtig wurde, hat er noch gesehen, wie ein Mann mit Gasmaske im Bus auftauchte.«
»Der mutmaßliche Entführer«, sagte Brunner.
Timo nickte. »Anzunehmen.«
»Konnte er Kleidung oder Haarfarbe beschreiben?«
»Nein«, antwortete Timo. Er sah die Straße hinunter. »Jetzt haben Sie Martinez fahren lassen und er hat uns noch nicht einmal die Nachnamen der anderen Teenager gesagt, ganz zu schweigen von möglichen Motiven. Sind die Eltern reich? Gehts vielleicht um Lösegeld?«
»Mit dem Zeugen haben wir auch nicht gesprochen«, sagte Kati roboterhaft und sah zu ihrem Wagen. In ihrem Kopf kreisten unablässig Gedanken, seit sie die Ziffern auf dem Bauch des jungen Mannes gesehen hatte. Scheiß auf den Kiesel, dachte sie und ließ ihn los. 1-2-8-4. Geritzt in den Bauch des Jungen. Auf gar keinen Fall würde sie sich noch einmal auf so etwas einlassen. Kranke Psychopathen, die nicht nur Lust am Foltern und Morden empfanden, sondern auch die Polizei in ihr Katz-und-Maus-Spiel mit einbezogen.

Im Kindle-Shop: Rattentod: Kriminalroman (Tatort Stuttgart - Kati Lindberg-Reihe 3).
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