2. April 2019

'Tiranorg: Schwertliebe' von Judith M. Brivulet

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Als berühmte Schwertmeisterin kehrt die Graselfe Esmanté d‘Elestre in ihre Heimat zurück, um vor anrückenden Orks zu warnen. In einem Gefecht wird sie von ihren Gefährten getrennt und schwer verletzt. Loglard, ein geheimnisvoller Magier der verfeindeten Waldelfen, rettet ihr Leben. Sie verlieben sich ineinander, doch die Verbindung bringt beide in Gefahr.

Unterdessen überschlagen sich die Ereignisse im Lande Tiranorg. Nach Jahrhunderten erhebt sich der grausame Geheimbund der Arsuri erneut. Die sagenumwobenen Meerelfen betreten den Boden Tiranorgs, weil sie vom Untergang bedroht sind.

Esmanté muss erkennen, dass sie im Kampf um die Macht in Tiranorg eine wichtige Rolle spielt – in einem Kampf, dessen Regeln sie nicht kennt.

Leseprobe:
Grinan Aileach
Der Mond kämpfte tapfer, bevor er verlor. Dunkle Wolkenberge erstickten den Schein seiner vollen silbernen Scheibe. Nebelfetzen stiegen aus den Wiesen, verbanden sich mit dem Geruch nach Äpfeln, Pilzen und frisch gemähtem Gras. Nur die Flammen des Lagerfeuers vertrieben die Feuchtigkeit. Gierig leckten sie an ein paar dürren Ästen. Der Wind frischte auf, lud die Schatten der Bäume zum Tanz.
Wolkenwind stutzte und hob den Kopf. Das Wasser lief aus seinem Maul und tropfte zu Boden, als er wieherte. Ich hielt den Atem an – kein Zweifel! Ein Kind weinte, nein, kein Kind, vielmehr ein Säugling, herzzerreißend, tieftraurig. Ich konnte das armselige Bündel direkt vor mir sehen, wie es im Gras lag, hilflos der Kälte und Dunkelheit ausgesetzt. Sofort sprang ich auf, um nachzusehen, warum sich hier, mitten in den Hügeln von Cérnowia, niemand um das Kleine kümmerte. Das Weinen erstarb, die Geräusche der Nacht füllten die Lücke. Ich blieb stehen und lauschte. Wo bei allen Göttern war das Kind geblieben? Da – das Schluchzen ertönte erneut, steigerte sich, so als wisse das Baby, in welcher Gefahr es schwebte.
Na warte, wenn ich deine Mutter in die Finger kriege!, schwor ich mir, während ich den Hügel hinaufrannte.
Jäh übertönte lautes Bellen das Greinen. Wildhunde! Natürlich hatten auch sie das Jammern gehört und freuten sich auf leichte Beute. Aber nicht mit mir.
»Uh, hu, hu.« Das Schluchzen füllte meine Ohren, beherrschte jeden Gedanken und ließ mich fürchten, zu spät zu kommen. Der Wind brachte das kniehohe Gras zum Rascheln.
»Wo bist du nur?«, flüsterte ich in die Nacht.
In der Dämmerung stolperte ich über einen Erdhaufen, das rettete mir das Leben. Rasiermesserscharfe Krallen rissen statt meinem Hals nur den linken Arm auf. Geistesgegenwärtig warf ich mich nach vorn, zog noch im Fallen Akrya, schnellte herum und stieß zu.
Empörtes Fauchen war die Antwort. Grünes Blut tropfte neben mir zu Boden, wo es zischend verdampfte. Die Wolken gaben endlich den Mond frei. Sein Licht offenbarte zwei rundliche Silhouetten mit stattlichen Flügeln, die eben kehrtmachten und auf mich zusteuerten.
»Hat‘n Schwert, die Gute, will das Kind beschützen«, krächzte eine und es klang, als schramme ein Messer über Glas.
»Wäh, wäh.«
Erst jetzt begriff ich, dass diese fliegenden Wesen das Weinen verursacht hatten.
»Kommt her, ihr Bastarde.« Akrya erhoben, wartete ich auf sie.
Knapp außerhalb der Reichweite der Klinge segelte einer der Angreifer über mich hinweg.
»Schade, der Meister ruft. Vielleicht sehen wir uns wieder.«
Noch einmal überflogen mich die beiden, dann verschwanden sie in die Nacht.
»Haut nur ab«, knurrte ich und drehte mich um. Eine kalte Schnauze berührte mich an der Hand. Beinahe hätte ich zugestoßen, doch da winselte es und ich erkannte einen zerzausten Wildhundewelpen mit honigfarbenem Fell. Glanzlose Augen blickten zu mir auf. Ein buschiger Schwanz pendelte einmal hin und her.
»Na, Kleiner, was ist mit dir los?« Statt einer Antwort leckte er über meine Hand.
Als ich ihn hochnahm, bemerkte ich auf der Seite eine lange Schramme. Nur wenige Schritte entfernt lag seine Mutter, schrecklich verbrannt, und neben ihr zwei Geschwister.
»Ich muss dich wohl mitnehmen«, seufzte ich.
Statt einer Antwort schmiegte sich der Kleine an mich. Am Bach angekommen beschnupperte Wolkenwind den neuen Reisegefährten ausgiebig und widmete sich anschließend dem frischen Gras.
»Wer zum Henker war das?«, murmelte ich, während ich die Verletzung säuberte. Die Silhouette der Angreifer ähnelte keinem Wesen in Tiranorg, das ich kannte.
Zuletzt schöpfte ich dem Hund mit der Hand Wasser, das er gierig aufleckte. Dann rollte er sich auf meinem Schoß zusammen. Anschließend breitete ich die Decke aus, öffnete den Verschluss des Wasserschlauches und leerte ihn in einem Zug. Mit dem Ärmelrücken des Wamses wischte ich mir über den Mund, wobei ich mich an meine Erzieherin Lady Cémana erinnerte.
»Wir Cérn gehören vom einfachen Bauern bis zur Königin dem stolzen Geschlecht der Graselfen an. Besonders wir Adligen, die hier auf Grianan Aileach der Edlen Frau treu dienen, sind aufgefordert, ein leuchtendes Beispiel für die Größe des Sternenthrones abzugeben …«, und so weiter und so fort.
Wenn ich ehrlich bin, hatte ich spätestens bei dem Wort Adligen nicht mehr zugehört.
Ich schloss die Augen und blickte zurück. Als wäre es erst gestern passiert, sah ich das Trainingsgeviert vor mir.

Mutter und Freyda standen sich gegenüber. Ihre Schwerter prallten klirrend aufeinander. Sie ächzten. Jetzt holte Freyda aus, Mutter duckte sich weg, wirbelte herum und deckte ihre Gegnerin mit raschen Schlägen ein.

Wer wollte da noch bei dieser langweiligen, alten Hofdame sitzen, um zu lernen, die Gabel auf die einzig richtige Art zu halten? Also war ich abgehauen, wieder einmal.

Im Kindle-Shop: Tiranorg: Schwertliebe.
Mehr über und von Judith M. Brivulet auf ihrer Website.



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