14. Mai 2019

'Barackenkinder' von Marion Schinhofen

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Wir Nachkriegs-Baracken- und Heimkinder
Warum nur habt Ihr weggeschaut und geschwiegen?


Obwohl sie in einer Barackensiedlung aufwächst, deren Bewohner als „asoziales Pack“ beschimpft und ausgegrenzt werden, ist Reginas Leben unbeschwert. Freiheit, Spiele und Spaß bestimmen ihre unbeschwerte Kindheit - bis zu ihrem achten Geburtstag. Mit ihrer Aufnahme in ein Kinderheim beginnt ein jahrelanges Martyrium. Zehn Jahre voller Misshandlungen und Vergewaltigungen, die mit einer Zwangsheirat enden, beginnen. Trotzdem schafft Regina es, der Gewaltspirale lebendig zu entkommen. Und sie rächt sich an ihren Peinigern, wird ein angesehener VIP.

Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit und beschreibt den Weg einer mutigen und willensstarken Frau, die es aus den Baracken in die Welt der „besseren Gesellschaft“ geschafft hat. Obwohl Regina, wie sie in diesem Roman genannt wird, etliche Jahre brauchte, um sich von ihren Traumata zu befreien, ist sie heute ein positiv eingestellter Mensch, der mit dem Bericht, der diesem Buch zugrunde liegt, eines erreichen will: Die Wahrheit über die damaligen Zustände in Kinderheimen soll endlich ans Licht kommen.

Es ist ein Roman der es in sich hat, aber viele Wege der Gewaltbefreiung aufzeigt.

Leseprobe:
Vorgeschichte
»Hallo ... Ja, am Apparat ... Oh, wie bitte ...? Natürlich ... Gerne können wir uns treffen ... Wann und wo? ... «

Kaum zu glauben, das war der Startschuss zu diesem Buch! Wieder einmal merkte ich, wie klein die Welt doch geworden ist. Ich weiß, das ist ein abgelutschter Satz, aber er passt einfach.
Natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut, als mein Buch im Februar 2018 über die verhängnisvolle Geschichte von »Betty und Paul «, die sich nach fast dreißig Jahren – an einem für sie früher unvorstellbaren Ort – wiedersehen, und am Ende in ein glückliches Leben zurückfinden, veröffentlicht wurde.
Nur, was ich aufgrund der großen Zeitspanne in dem Roman nicht für möglich gehalten habe und obwohl ich andere Namen benutzte, meldete sich eine Dame bei mir, die sich in der Ortsbe-schreibung und den Kindheitserinnerungen wiedergefunden hat. Ohne sich jedoch daran zu erinnern, wer Betty oder Paul sein könnten. Viele Kinder waren damals ihre Spielgefährten. Ich würde ihr die richtigen Namen und den jetzigen Wohnort auch niemals sagen. Menschen, deren wahre Erlebnisse ich aufschreiben und veröffentlichen darf, erhalten Decknamen. Sie zu schützen, ist oberstes Gebot. Kein anderer wird je erfahren, wer diese Personen in Wirklichkeit sind, wenn sie nicht selber an die Öffentlichkeit gehen wollen.
Anfang April 2018 rief mich also eines Abends besagte Dame an – ich nenne sie hier Regina – und bat um ein Treffen. Diese angenehme Stimme kam mir irgendwie bekannt vor und als sie ihren Namen nannte, war ich doch ziemlich erstaunt. Denn ich kannte sie aus dem Fernsehen und aus der Regenbogenpresse. Ob in Wartezimmern oder beim Friseur, ich greife zum Zeitvertreib nach diesen Boulevardzeitschriften, um mich über die neuesten Klatschmärchen zu amüsieren. Ab und zu sind auch Fotos und Artikel über Regina darin.
Zwei Tage später trafen wir uns in einem etwas versteckt gelegenen, sehr gemütlichen Café. Zuerst erkannte ich sie gar nicht mit ihrer großer Sonnenbrille, Perücke und Hut. Aber welche elegante Dame hat in einem Café eine Sonnenbrille auf? Als ich an ihren Tisch trat, nahm sie die Brille ab und lächelte mich ziemlich nervös an. In einer stillen Ecke sitzend, lernten wir uns bei Kaffee, Kuchen und harmlosem Geplauder näher kennen. Im Laufe unserer Unterhaltung wurde sie lockerer und vom Smalltalk gingen wir zu ernsteren Themen über. Kurz bevor das Café schließen wollte, vereinbarten wir ein weiteres Gespräch, worauf noch viele folgen sollten.
Vor unseren Treffen rief mich Regina jedes Mal an, um mit mir Zeitpunkt und Ort abzustimmen. Entweder trafen wir uns in meinem Wohnbüro oder an den unterschiedlichsten, abgelegensten Stellen, wo sie ungestört alleine mit mir reden konnte, ohne die Gefahr, von jemandem gehört oder gesehen und erkannt zu werden. Als sie fähig war, gefasster mit ihrer Geschichte fortzufahren, machten wir bei schönem Wetter Waldspaziergänge oder hielten uns sonst wo draußen unter Menschen auf. Wobei sie sich vorsichtshalber immer etwas verkleidete, um unerkannt zu bleiben. Besonders wenn sie ungeschminkt kam, sah sie anders aus als im Fernsehen. Dabei ist sie eine Naturschönheit und hätte diesen »TV-Kleister« im Gesicht überhaupt nicht gebraucht. Die Fältchen um die Augen herum stehen ihr gut. Mein Eindruck: alterslos, charmant und sehr beweglich, nicht nur im Kopf. Etwas in ihrem Blick war geheimnisvoll. Sie verbarg geschickt tragische Ereignisse.
Das Nicht-Auffallen-Wollen hat die ganze Zeit prima geklappt, obwohl wir manchmal über ihren Aufzug beide herzhaft lachen mussten. Wer nicht erkannt werden will, der schafft das tatsächlich. Trotz heutiger aufdringlicher Paparazzi und Selfie-Beses¬sen¬heit blieben wir in der Öffentlichkeit unbeachtet.
Ich merkte von Mal zu Mal mehr, dass Regina entspannter wurde und froh war, dass ich weder Kommentare noch Bewer-tungen von mir gab. Eine Bandaufnahme machte ich nicht, son-dern stenographierte nur einiges mit. Ein Zeitlimit gab es nicht. Waren es am Anfang zwei oder drei Stunden tagsüber, wo ihre Schilderungen zögernd, stockend und knapp und ihre Pausen sehr lange waren, verlängerten sich unsere Treffen oft bis in die Nacht hinein. Nach und nach fasste sie mehr Vertrauen und er-zählte mir immer befreiender ihre unbegreifliche Leidensge-schichte. Es war für sie ein hartes Stück Arbeit. Je stärker sie sich auf ihre Vergangenheit einließ und ihre tief vergrabenen schrecklichen Erlebnisse an die Oberfläche holte, umso emotionaler wurden ihre Ausbrüche. Anfangs kämpfte Regina dagegen an, doch schon bald gab sie nach und ließ es geschehen. Sie wollte nicht länger die Warnhinweise ihres Körpers ignorieren, der ihr mit Schmerzen deutlich zu verstehen gab, dass es höchste Zeit wurde, den noch vorhandenen seelischen Ballast endgültig aus ihrem Leben zu werfen. Beim Erzählen merkte sie ja selber, wie sich ihre innere Ritterrüstung langsam aufzulösen begann. Es tat ihr gut und erleichterte sie, mit einem neutralen Menschen frei reden zu können, der mit ihr weinte und vor allen Dingen ihr zuhörte und ihr glaubte. Ihre Freundinnen wissen vieles, aber nicht alles aus Reginas Leben.
Menschen möchten unliebsame Erlebnisse gerne schnell ver-gessen. Sie bedienen sich des Verdrängungsmechanismus, ohne zu bedenken, dass, wenn es an der Verarbeitung hapert, dies für ihre körperliche, seelische und geistige Gesundheit nicht zuträglich ist.
In meinem Handgepäck befanden sich unter anderem ein CD-Player, CDs und Kerzen. Das gehört zu einer Art Ritual, das ich bei Bedarf einsetze, und dessen positive Wirkung mir bekannt ist. Auch bei Reginas Ausbrüchen zündete ich Kerzen an und ließ im Hintergrund leise meditative Musik laufen, bis sie sich beruhigt hatte und bereit war, weiter zu erzählen. Diese Art der Entspannung war ihr nicht unbekannt und wirkte nach wenigen Momenten.
Im Nachhinein denke ich mir, dass es bei ihrer Entkrampfung ähnlich gewesen sein muss wie bei einem Zahnarzt, der einem ohne jede Betäubung einen chronisch kranken Zahn zieht, der unendlich lange gequält hat. Regina tobte sich besonders im Wald aus, indem sie laut schrie und weinte, ohne gefährlich zu werden. Keiner hinderte sie daran oder hielt sie für verrückt. Niemand band sie fest. Es gab keine Spritzen oder Beruhigungs-pillen oder andere Bremsmittel, nur Wassertrinken und eine Umarmung von mir. Befanden wir uns in einem Innenraum, sorgten sanfte Musik und das warme Licht der Kerzen für eine Wohlfühlatmosphäre.
Wahrscheinlich stehen einem Therapeuten jetzt die Haare zu Berge, wenn er das liest. Aber sie war nicht gewalttätig, sondern wurde selber von ihren emotionalen Reaktionen nach so langer Zeit völlig überrascht. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen, dass eine endgültige Vergangenheitsbewältigung sie derart mitnehmen würde. Sie hatte gedacht, wenn sie sich einmal alles von der Seele redete, verschwänden die Reste von Selbstanschuldigung, Angst, Wut und verkrustetem Erziehungsmuster. Dass der Weg bis zu diesem Ziel schmerzhaft sein könnte, weil Unverarbeitetes unwillkürlich hochkam, hatte sie nicht bedacht. Ich ließ sie toben und schreien, bis es vorbei war.
An einem heißen Tag – wir saßen bei mir auf dem Balkon – zog sie ihre Jacke aus und ich sah ihren mit dicken Narben übersäten Rücken. Regina meinte dazu nur spöttisch: »Viele lassen sich heutzutage tätowieren, malen ihren Körper an, weil es in ist. Vielleicht sollte ich es ihnen gleichtun und meinen Rücken einfärben oder mit einem großen Tattoo verschönern lassen, dann könnte ich endlich in einem öffentlichen Bad schwimmen gehen.«
Mich hat das Erzählte mitunter an meine Grenzen gebracht. Da kamen auch bei mir unliebsame Erinnerungen aus früheren Jahren hoch, wo wir Kinder noch mit dem Stock in der Schule und zuhause bestraft worden waren. Wie wir Erwachsenen mit Vergnügen Streiche gespielt hatten, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlten, was nicht selten der Fall gewesen war. Oder wir belauschten sie heimlich bei ihren Unterhaltungen, wenn sie bei schönem Wetter draußen saßen. Sobald jedoch der Nachrichtenaustausch um »so was« ging, wurde geflüstert oder verschämt geschwiegen, was uns Kinder noch neugieriger machte. Schnell wechselten sie das Thema, doch wir begriffen, dass es sich um etwas Böses handeln musste. Frauen und Männer verhielten sich dann so komisch.
In unseren gemeinsamen Stunden befanden sich Regina und ich oft in einer Art Berg- und Talfahrt der schaurigsten Empfin-dungen.
Sie weiß, dass ich keine Therapeutin bin. Ganz am Anfang ha-be ich sie deshalb in einer Pause gefragt: »Hast du schon einmal eine Therapie gemacht?«
»Eine?« Das klang sarkastisch. »Insgesamt drei Mal habe ich es über etliche Wochen versucht. Seit mindestens achtzehn Jahren nicht mehr, da ich bis vor ungefähr vier Jahren in der Öffentlichkeit stand und Bedenken hatte. Ich wollte mich weder ausliefern, noch Gefahr laufen, erpresst zu werden. Therapeutische Schweigepflicht hin oder her. Man kann heutzutage kaum noch Menschen vertrauen. Zu oft habe ich miterleben müssen, wie Menschen, die anderen vertrauten, hintergangen, verraten und angelogen wurden. Es war mir zu gefährlich, jemandem meine Geschichte restlos anzuvertrauen. Was wäre gewesen, wenn er mein Bekanntsein ausgenutzt und sein Wissen für viel Geld ausgeplaudert hätte? Der Umgang der Menschen mit anderen ist gnadenlos geworden, von den Medien ganz zu schweigen. Es gibt Leute, die tun alles, um in die Zeitung oder ins Fernsehen zu kommen. Denen ist es vollkommen egal, ob sie lügen oder Mitmenschen kompromittieren oder selber primitiv oder schamlos auf andere wirken. Hauptsache, sie ernten öffentliche Aufmerksamkeit. Diese narzisstischen Zeitgenossen tummeln sich in allen Gesellschaftsschichten.
Das, was ich damals aus Rache getan habe, bereue ich nicht. Eine Menge Wut habe ich damit abbauen können. Es brachte mir keine Heilung, aber Genugtuung. Und was ich davor an Grausamkeiten erleben musste, lässt sich nicht leicht erzählen. Nie und nimmer wollte ich das als Actionkurzweilunterhaltung ausgeschlachtet wissen. Auf jeden Fall wäre das ein gefundenes Fressen für die Boulevardpressekraken gewesen. Die Auflagen wären enorm gestiegen. Wenn die dieses Buch in die Finger be-kommen würden und herausfänden, wer ich bin, ginge eine gnadenlose Hetzjagd los, um mehr abscheuliche Details, die hier nicht stehen, herauszubekommen.
Daher fehlten mir bisher das Vertrauen, das endgültige Loslassenwollen und der Mut, andere, insbesondere Männer, in mein tiefstes Innerstes schauen zu lassen. Therapeuten haben mir nicht helfen können, da meine Bereitschaft nicht vorhanden war, mich ihnen zu öffnen. Die Bewältigung einer schlimmen Kinder- und Jugendzeit gehört wohl mit zu den schwierigsten Herausforderungen im Leben.«

Im Kindle-Shop: Barackenkinder.
Für Tolino: Buch bei Thalia
Mehr über und von Marion Schinhofen beim Franzius-Verlag.



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