16. Mai 2019

'Das Gemälde der Tänzerin' von Christine Jaeggi

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Ein altes Hotel in der Schweiz, der mysteriöse Tod eines Zimmermädchens und ein verschollenes Gemälde

Helena hat alles verloren: Ihre Zukunft als talentierte Ballerina, ihre große Liebe und die Unabhängigkeit. Inzwischen ist sie arbeitslos und lebt am Existenzminimum. Als sie endlich einen Job als Zimmermädchen erhält, scheint sich das Schicksal zu wenden. Nur soll sie ausgerechnet in dem Schweizer Hotel arbeiten, dessen Besitzer vor vielen Jahren ihr Leben zerstört hat. Doch Helena hat keine Wahl, sie braucht den Job.

Eines Tages erfährt sie im Hotel von dem tragischen Schicksal eines 1942 ermordeten Zimmermädchens. Der Mord scheint mit einem verschollenen Gemälde zusammenzuhängen. Helena beschließt, dem Rätsel auf den Grund zu gehen und das Gemälde zu suchen, doch auch der attraktive Krimiautor Noah ist ihm bereits auf der Spur. Als Noah Helena um einen Gefallen bittet, droht ein jahrelang gehütetes Geheimnis ans Licht zu kommen.

Leseprobe:
Strasbourg, 1865
Beinahe schwerelos wie ein Schmetterling tanzte sie über das Feld und ignorierte die herunterprasselnden Regentropfen. Ihr langes Haar und das weiße Kleid waren längst durchnässt, aber es kümmerte sie nicht. Mit ihren elegant in der Luft schwingenden Gliedern fing sie die Tropfen auf, als wären es Perlen, die vom Himmel fielen.
Amos Löwenfeld verfolgte ihre Bewegungen gebannt und versuchte sich jede Einzelheit einzuprägen. Später würde er seine Tänzerin im Regen malen. Es sollte ein Gemälde für die Ewigkeit werden, welches an diesen glücklichen Tag erinnern und Kraft und Hoffnung in dunklen Zeiten spenden würde. Sie hatten in den vergangenen Monaten viel zusammen durchgestanden und alles verloren, dafür aber die Liebe gewonnen. Doch Amos spürte, dass das Elend noch nicht vorbei war. Rache, aber auch Krieg hingen wie die düsteren Regenwolken über ihnen und warteten nur darauf, sie mit aller Stärke zu vernichten.
Amos versuchte seine Sorgen zu vergessen und sich gänzlich auf seine große Liebe, sein Modell für das neue Gemälde zu konzentrieren. Rosaline, die Tänzerin im Regen.

Luzern, Mittwoch, 20. Juni 2018
Helena unterdrückte den Impuls laut loszulachen, obwohl ihr eigentlich zum Heulen zumute war. Welche Ironie des Schicksals! Da hatte sie endlich Aussicht auf einen Job, und dann das!
»Die Stelle ist wirklich im Hotel Kronenberg?«, fragte sie, um sich zu vergewissern, dass sie Frau Lutz – ihre Personalberaterin hier im RAV, dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum – richtig verstanden hatte.
Diese strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr der brummende Ventilator alle zehn Sekunden erneut in die Stirn wehte. »Genau.«
»Unglaublich«, murmelte Helena, was Frau Lutz stirnrunzelnd quittierte.
»Frau Saxer«, begann sie mit warnendem Unterton. »Andere Möglichkeiten haben Sie nicht. Ich weiß, Sie möchten wieder als Verkäuferin arbeiten, doch diese Stellen sind momentan rar. Seit die Modekette Jewel so viele Filialen schließen und Mitarbeiter entlassen musste, ist …« Ruckartig wandte sie sich zum Ventilator. »Dieses Gerät treibt mich noch in den Wahnsinn!« Sie stellte ihn so ein, dass er sich nicht mehr drehte und stattdessen nur in eine Richtung – Helenas Richtung – blies. Vorsichtig rückte Helena ihren Stuhl etwas nach rechts, um dem Wind zu entgehen und hörte Frau Lutz aufmerksam zu.
»Jedenfalls ist die Situation seither höchst prekär. Dazu kommt, dass sich gewisse Geschäfte sogar Verkaufsroboter anschaffen, wodurch unqualifizierte Leute wie Sie ihre Stelle verlieren.«
Helena schluckte. Selbst für sie klang es nach wie vor absurd, entsprach aber leider der Wahrheit. Ihre ehemalige Chefin war eine Trendsetterin und wollte auch technologisch einen Schritt weiter sein als andere Kleidergeschäfte. Deshalb hatte sie sich einen Verkaufsroboter angeschafft – ein blödes Ding aus weißem Kunststoff.
Helena konzentrierte sich wieder auf Frau Lutz, die ihr gerade einen Vortrag hielt.
»Unser Ziel ist Ihre rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Deshalb unterstützen wir Sie ja auch in jeder Form. Aber im Gegenzug verlangen wir, dass Sie Ihren Pflichten nachkommen. Dazu gehört auch, nicht wählerisch zu sein und sich für jede zumutbare Stelle zu bewerben! Auch als Zimmermädchen!«
Helena nickte schnell. »Ja, ich weiß. Ich habe wirklich kein Problem damit, Zimmer zu putzen. Nur nicht im Hotel Kronenberg.«
Frau Lutz rückte ihre Brille zurecht. »Was haben Sie gegen das Kronenberg? Es ist ein Fünf-Sterne-Nobelhotel.«
Helena starrte auf eine Reihe schief stehender Ordner auf dem Schreibtisch, die jederzeit umfallen konnten. Die Inhaber des Kronenbergs haben vor vielen Jahren mein Leben zerstört, hätte sie am liebsten gesagt, murmelte stattdessen aber ein bedeutungsloses »eigentlich nichts«, was Frau Lutz aufseufzen ließ.
»Frau Saxer, Sie sind jetzt schon fast drei Monate auf Arbeitssuche. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, sind es bereits fünf, wenn wir die zwei Monate dazuzählen, die Sie noch bei Graziella angestellt waren. Außer einer nicht abgeschlossenen Tanzausbildung können Sie nichts vorweisen. Aber ohne Ausbildung und Qualifikationen sind Sie schwer vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb müssen Sie sich für diesen Job bewerben, sonst kürzen wir Ihnen das Taggeld. Abgesehen davon ist noch nicht klar, ob Sie die Stelle überhaupt erhalten.« Sie schob Helena das Stelleninserat zu. »Falls ja, könnten Sie sofort beginnen. Ein Glücksfall!«
»Ja, ein Glücksfall«, sagte Helena wenig motiviert und faltete das Inserat zusammen. »Ich werde mich bewerben.« Sie würde dadurch zwar ihr Versprechen nicht einhalten, das sie den Kronenbergs vor langer Zeit gegeben hatte, aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Im Moment ging es nur darum, wieder Geld zu verdienen.

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Für Tolino: Buch bei Thalia
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