8. August 2019

'Anam Bri: Licht wo einst Dunkelheit' von Delia Liebkur

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Nach Jahren der Suche hat der kriegsmüde Elitesoldat Amano endlich seine Schwester Ejdera wiedergefunden. Doch sie hat ihr inneres Leuchten verloren und ist nur noch eine emotions- und willenlose Hülle. Amano kann es sehen. Er ist ein Anam Bri, besitzt die Fähigkeit, die Lebenskraft und den Lebenswillen im Inneren der Menschen wahrzunehmen.

Getrieben von einer Kindheitserinnerung sucht er in Dämmerend nach dem Sternenstein, in der Hoffnung, mit diesem Ejderas Leuchten neu zu entfachen. Doch dort wütet der Krieg. Die Eliteeinheit, der er einst den Rücken kehrte, trachtet mit allen Mitteln nach seinem Wissen über eine Waffe, die es vermag, Tausenden das innere Leuchten zu entreißen und den Krieg zu entscheiden …

Leseprobe:
Gleich war es soweit, dachte Amano. Mit verschränkten Armen und hochgezogenen Schultern ging er auf und ab, blieb abermals stehen, konnte die Füße nie lange still halten. Sein Atem war flach. Sein Herz pochte so stark, dass sich ein stechender Schmerz in seiner Brust ausbreitete.
Mit verkrampften Händen wischte er sich den Schweiß von der Stirn und streifte ihn an seinem Wams ab. Hastig krempelte er die Ärmel seines dunkelblauen Leinenhemds nach oben, was seine mit groben Tätowierungen und Narbenmustern übersäten Unterarme entblößte. Er räusperte sich und zupfte an seinem Kragen, unter dem ebenfalls Symbole in schwarzer Farbe hervorlugten.
Immer wieder spähte er hinüber zu dem großen Haus, mit seinen üppig gerahmten Fenstern, aufwändigen Dachrahmen und mit Kalkputz verkleideten Säulen.
Abrupt blieb er stehen, als er im Augenwinkel ein Licht an dem rauen Mauerwerk des Hauses sah. Aus einer Holztür huschten drei Personen in die sternenklare Nacht hinaus. Kleine Sandwolken stoben auf ihrem Weg von dem begrünten Anwesen hinüber zu der letzten Ansammlung von Palmen vor der Wüste von Bellisi auf.
Ein Stöhnen entglitt ihm.
Im Schatten der Eisenholzbäume suchte er Deckung, und beobachtete, wie die drei Gestalten durch den Sand in seine Richtung stapften.
„Komm schon raus, du Herumtreiber.“ Der größere der beiden Männer, Inyan, atmete schwer. Der andere kratzte sich im verschwitzten Nacken, in seiner Hand hielt er ein Seil.
Amano trat hervor, mit wohlberechnetem Abstand zu den beiden Männern.
Inyan nickte in seine Richtung.
„Hier ist sie“, sagte er.
Amano sah sie an. Das Stechen in seinem Herzen wurde zu einem Brennen, einem unerträglich heißen Feuer, das alles in ihm auffraß, sich in jeder seiner Zellen ausbreitete und jeden seiner Gedanken in Rauch auflösen ließ.
Aus der Nähe war es noch schlimmer.
Sie war leer. Ihr Inneres gestorben. Die anderen konnten es nicht sehen. Nicht so wie er. Er konnte es mit Anam Bri sehen. Sie war keine Gestalt mit weißem Umriss und leuchtendem Kern. Sie war eine fast schwarze Silhouette. Ihr Licht kaum noch ein Schimmern.
„Löst die Fesseln“, befahl Amano, der bisher keine Miene verzogen hatte.
Lächelnd sah Inyan ihn an und schüttelte den Kopf.
„Erst die Münzen.“
Amano antwortete nicht und entgegnete seinem Blick starr.
„Keine Sorge, wir tun ihr schon nichts. Davon hätte ich ja nichts. Ich will nur die Münzen sehen, bevor ich die Ware“, er packte sie grob am Arm und schubste sie dann wieder weg, „abliefere. Verstehst schon. Aber wenn du bereit bist, so viel für die Hausdirne zu bezahlen, die … bei näherer Betrachtung nicht sonderlich schön und dazu noch nicht mehr die jüngste ist … wirst du auch damit einverstanden sein, zuerst deinen Teil zu erfüllen.“
Amano hob seine Brust und trat ein paar Schritte nach vorn, ins Licht der Fackel. Seine Augen blitzten weiß auf. Nicht lange, nur lange genug damit die beiden es bemerkten.
„Eh, lass den Augen-Kram, sonst …“
„Wenn ihr sie auch nur anrührt, werde ich euch sofort töten. Und nicht nur das, ich werde vorher eure Seelen aussaugen, auf dass ihr niemals zum Zenit es Erwachen aufsteigen könnt, sondern in der ewigen Finsternis verrottet.“
Die beiden tauschten Blicke aus. Amano grinste boshaft. Beide hatten etwas an Farbe im Gesicht verloren. Der Aberglaube machte sie ängstlich.
Sie nickten.
„Jetzt her damit“, drängte der andere.
Amano nickte und griff zu dem kleinen Beutel an seinem Gürtel. Dann warf er ihn zu Inyan. Hastig öffnete dieser den Beutel, schaute hinein und sah zu seinem Gefährten.
Dann nickte er.
Der Kleine ließ das Seil auf den Boden fallen.
„Komm, Ejdera“, sagte Amano und streckte eine Hand nach ihr aus. „Komm zu mir, alles ist gut.“
Ejdera rührte sich nicht. Seit sie angekommen war, starrte sie in die Dunkelheit und wartete nur.
Inyan und der andere sahen sich an und grinsten.
„Ejdera, ich bin es, komm schon, komm her“, sagte Amano, diesmal bestimmter.
Sie bewegte sich nicht.
Die anderen beiden lachten. Inyan stupste den Kleinen mit dem Ellenbogen an.
„Die will wohl nicht. Hat er so viel bezahlt und so viel riskiert für die dumme Magd und jetzt will die gar nicht!“ Ihr Lachen war tief und höhnisch.
Im Versuch, nicht auf die beiden zu achten, stöhnte Amano, schloss für einen Moment die Augen und biss die Zähne aufeinander.
„Keine Sorge, alter Knabe, die wird schon noch gefügig. Man muss ihr nur klare Anweisungen geben. Schau.“ Inyan räusperte sich und wandte sich zu Ejdera. „Geh zu dem Mann rüber, Schätzchen.“
Er klatschte Ejdera auf den Hintern, als diese sich ohne den Blick von der Dunkelheit abzuwenden zu Amano schleppte.
Amano zückte einen Dolch und durchtrennte die Fesseln aus Hanfseil. Den schwarzen Dolch noch immer in der Hand, starrte er auf ihre geröteten Handgelenke.
Es schrie. Es schrie in ihm. Jede Faser in ihm wollte losstürmen und alle, die Ejdera angefasst hatten, eigenhändig töten.
„War schön, mit dir Geschäfte zu machen.“
Amano sah Inyan nicht an. Er konnte nicht. Zu groß waren seine Wut und sein Hass. Bei dem Anblick dieses widerwärtigen Lumpen würde er in alte Muster zurück fallen.
„Wirst sie bestimmt trotzdem ins Bett kriegen. Wehren wird sie sich nicht, wenn du ihr erstmal klar machst, wer ihr neuer Herr ist.“ Sein heiseres Lachen entblößte die gelben Zähne, von denen ihm mehr als nur ein paar fehlten. Der Kleine grunzte, als er sich vom Lachen erholte.
Genug, entschloss Amano. Er konnte nicht mehr länger auf die Zähne beißen und Stillschweigen bewahren. Er wollte eigentlich all das hinter sich lassen. Wollte den schwarzen Säbel und die gerillten Dolche in den Ruhestand schicken.
Aber hier ging es um Ejdera.
Der Dolch zischte durch die Luft und blieb im Kopf des Kleinen stecken. Mit einem dumpfen Geräusch sackte er zu Boden. Das Blut rann in den Sand und verklumpte mit den Körnern.
Mit großen Augen sah Inyan auf die Leiche seines Freundes. Noch ehe er sein Schwert ziehen konnte, hatte Amano ihn in drei leichten Schritten erreicht und warf ihn heftig zu Boden.
Inyan röchelte und spuckte Sand. Mit voller Wucht trat Amano auf Inyans rechte Hand und richtete seinen Säbel auf die Kehle. Der schmerzverzerrte Schrei hallte durch die dunkle Nacht. In den Fenstern des Anwesens tauchten Lichter auf.
„Du Hurensohn! Die werden dich kriegen! Die werden dich töten!“
Amano beugte sich zu dem schreienden Mann herunter, drückte seine Ferse in die zerschmetterten Handknochen, rümpfte die Nase und blickte mit weiß leuchtenden Augen auf ihn hinab.
„Nicht, wenn ich sie vorher töte.“
Er hob seinen Säbel und ließ ihn hinuntersausen.
Mit wutverzerrtem Gesicht krallte er seine Finger in Inyans Haare und schritt auf das Haus zu. Der rasch ausblutende Körper blieb zurück.

Im Kindle-Shop: Anam Bri: Licht wo einst Dunkelheit.
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