27. August 2019

'Schmutzige Seelen' von Mark Franley

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Nichts für schwache Nerven: Der Auftakt zur packenden Thriller-Reihe von Bestsellerautor Mark Franley.

Eine junge Frau, mit einem Drahtseil um den Hals, zielt auf ihren eigenen Vater. Er hat ebenfalls eine Waffe in der Hand. Einer der beiden stirbt auf grausame Weise. Der Anblick ist selbst für die unerschrockene Oberkommissarin Eva Lange zu viel.

Unerwartet bekommt Eva Unterstützung von dem exzentrischen Sonderermittler Ruben Hattinger. Ruben hat sich mit seiner Beobachtungsgabe und zahlreichen Ermittlungserfolgen einen Namen gemacht, Teamfähigkeit zählt aber nicht zu seinen Stärken. Trotz einer ersten Festnahme gehen die bizarren Hinrichtungen weiter, und für die beiden Ermittler beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Weitere Bücher von Mark Franley auf seiner Autorenseite.

Leseprobe:
1
Ihre Brust hob und senkte sich viel zu schnell. Das Herz schlug ihr bis in den Hals, und Schweiß, vermischt mit dünnem Blut, lief ihr brennend in die Augen. Dieser Mann war so wütend, so unendlich wütend. Und dabei waren es noch nicht einmal die Schläge, die ihre Angst ins Unermessliche steigerten.
Er hatte Maria gewarnt und sie hatte nicht auf ihn gehört. Das konnte die Schmerzen vielleicht rechtfertigen, nicht aber das, was er von ihr forderte.
Er hatte gesagt: »Ich nehme dir jetzt den Knebel heraus und du wirst kein unerlaubtes Wort sagen. Wenn du nach Hilfe schreist, werde ich dafür sorgen, dass du die Hilfe sehr nötig hast. Hast du das verstanden?«
Sie hatte genickt. Natürlich hatte sie genickt. Der Knebel war feucht von ihrem Speichel, doch ihr Mund war so trocken, dass sie kaum noch schlucken konnte. Dann hatte er den Stoffklumpen aus ihrem Mund gezogen. Sehen konnte sie nichts, denn die Lampe war die ganze Zeit auf ihre Augen gerichtet. Der Strahler war so hell, dass sie das Licht selbst hinter geschlossenen Lidern sehen konnte.
Trotz oder gerade wegen ihrer Angst nutzte sie ihre Chance, sammelte etwas Spucke, schluckte mühsam und schrie aus Leibeskräften. Sie konnte nicht sehen, wo er stand, da er sich stets außerhalb des Lichtkegels oder hinter ihr aufhielt. Ihr Schrei dauerte keine zwei Sekunden. Sie spürte seine Hand auf ihrem Hinterkopf. Der Knebel wurde mit roher Gewalt zurück in ihren Mund gestopft. Danach erschütterte eine schnelle Abfolge von Ohrfeigen ihren Kopf. Am schlimmsten waren die, die er ihr mit seiner rechten Hand verpasste, denn sein großer Ring traf hart auf ihre Haut und ließ sie aufplatzen.
Als ihr irgendwann die Sinne schwanden und der Kopf nach vorne überkippte, hatte er endlich von ihr abgelassen und deutlich ruhiger als zuvor gefragt: »Hast du es jetzt verstanden?«
Nun saß sie da, schmeckte den Schweiß, die Tränen und das Blut im Mund. Die Schläge schienen in ihren Ohren nachzuhallen. Ja, sie hatte seine Worte verstanden. Doch die Forderung war so ungeheuer, dass sich ihr Kopf weigerte, auch nur darüber nachzudenken.
»Falls du noch eine Frage hast, darfst du sie jetzt stellen«, sagte er. Sie hob erschöpft den Kopf und hauchte: »Das kann ich nicht tun und das wissen Sie auch.«
Er schien zu lächeln, jedenfalls klang es so, denn seine folgenden Worte wirkten schon fast versöhnlich. »Keine Sorge, Maria. Kurz bevor es so weit ist, werde ich dir die ganze Geschichte erzählen und dann fällt es dir mit Sicherheit leichter.«

2
Eva Lange wünschte den Kollegen der Spätschicht einen schönen Feierabend. Als der letzte gegangen war, versicherte sie sich, dass die Tür des Präsidiums ordentlich abgeschlossen war und ging hinauf in ihr Büro. Drei Tage nach dem Verschwinden der Siebzehnjährigen brauchte ihr Team einfach ein paar Stunden Pause.
Sie leitete die kleine Parsberger Polizeiinspektion seit fünf Jahren und wusste, was sie ihren Leuten zumuten konnte. So hatte sie beschlossen, in dieser Nacht nur eine Streife rauszuschicken und die Leitstelle selbst zu besetzen.
Nachdem sie die Gegensprechanlage und die Notrufnummern zu ihrem Büro umgeleitet hatte, holte sie sich den ersten Kaffee. Sie stellte das heiße Getränk neben die ausgedruckte Vermisstenanzeige und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Maria Kurz war die Tochter eines langjährigen Kollegen, und da dieser die Fotos auf seinem Schreibtisch regelmäßig auswechselte, fühlte es sich so an, als hätte sie das Mädchen aufwachsen sehen. Was konnte ihr zugestoßen sein? Eva konnte es drehen und wenden, wie sie wollte, sie fand trotzdem keine schlüssige Erklärung für Marias Verschwinden – zumindest keine, die Anlass zur Hoffnung gegeben hätte.
Siebzehnjährige nehmen sich gerne eine Auszeit, jedoch selten in Joggingklamotten und schon gar nicht ohne ihr Handy, denn das lag zu Hause auf dem Schreibtisch.
Evas Leute hatten, unterstützt von den Kollegen der Regensburger Bereitschaftspolizei, zwei Tage lang jeden Quadratmeter der umliegenden Wälder durchkämmt. Hundestaffeln, Polizeihubschrauber und Freiwillige aus Velburg … nichts hatte weitere Hinweise zutage gefördert. Maria Kurz schien nach wie vor wie vom Erdboden verschluckt.
Eva galt bei ihren Kollegen als harter Hund, das wusste sie. Diesen Ruf hatte sie sich nicht erarbeiten müssen, sie war einfach so. Trotzdem waren die Strapazen der letzten Tage auch an ihr nicht spurlos vorbeigegangen. Ungewohnt erschöpft ließ sie sich in ihren Bürostuhl sinken und leerte ihre Kaffeetasse. Resigniert beschloss sie, die Zeit mit etwas Papierkram zu füllen.
Drei Stunden später, die altmodische Wanduhr sprang gerade auf fünf Minuten vor zwei, schrillte das Telefon. Eva räusperte sich, hob ab und hatte den Anrufer kaum darüber aufgeklärt, dass er die Notrufnummer gewählt hatte, als er ihr aufgeregt ins Wort fiel. Sie blieb ruhig, hörte zu und fragte nach, während sie sich Notizen machte. »Am nördlichen Ortsausgang von Stetten, das letzte Haus auf der linken Seite. Und Sie sind sich sicher, dass es nicht die Bewohner selbst sind? – Ach, die sind im Urlaub, alles klar. Und wie war Ihr Name?«, fragte sie, doch da hatte der Anrufer bereits aufgelegt.
An sich war es nicht ungewöhnlich, dass die Leute lieber anonym bleiben wollten, aber irgendetwas irritierte Eva. Sie schob das Gefühl beiseite, griff zum Funkgerät und bat die einzige Streife in dieser Nacht um Rückmeldung.
Nachdem sie den möglichen Einbruch, der geografisch gerade noch in ihren Zuständigkeitsbereich fiel, an die Kollegen weitergeleitet hatte, öffnete sie eine digitale Landkarte auf ihrem Rechner. Die Vermisste beherrschte noch immer ihre Gedanken.
Natürlich kannte sie die Gegend um Velburg, dem Wohnort von Maria, in- und auswendig, schließlich war sie hier aufgewachsen. Trotzdem hoffte sie auf eine Eingebung, wo man noch nach ihr suchen könnte.
Zehn Minuten später knackte das Funkgerät und Roberts müde Stimme fragte: »Bist du dir sicher, dass sich der Anrufer keinen Spaß erlaubt hat?«
Eva nahm das Mikro: »Nein, natürlich bin ich nicht sicher. Seid ihr schon vor Ort?«
»Ja. Das Haus steht leer und in den Nachbarhäusern ist alles unauffällig und dunkel.«
»Okay, dann …«, weiter kam sie nicht, da das Telefon erneut klingelte. »Bleib dran, ich bekomme gerade einen Anruf über die Notfallnummer herein«, bat sie und hob ab. »Notfallstelle Parsberger Polizeiinspektion?«
»Eva, bist du das? Hör zu –«
Sie erkannte die Stimme ihres Kollegen sofort. »Toni, hast du etwas von deiner Tochter gehört? Ist sie wieder zu Hause, geht es ihr gut?«
Toni wirkte aufgeregt, blieb aber trotzdem strukturiert: »Sie hat sich gerade bei mir gemeldet. Eva, sie gab mir zu verstehen, dass sie nicht einfach so verschwunden ist. Maria wurde entführt!«
»Was?«
»Du hast richtig gehört. Eva, ich kenne meine Tochter. Sie würde sich mit so was nie einen Scherz erlauben, dazu kennt sie meinen Beruf zu gut. Der Entführer hat offenbar sein Handy verloren oder liegen lassen. Sie hat die Chance genutzt und mich angerufen, konnte allerdings nur vage Angaben machen.«
Eva war beeindruckt, dass Marias Vater so sachlich bleiben konnte. Hastig zog sie einen Notizblock zu sich. »Was hat sie gesagt?«
Nun zitterte Tonis Stimme doch ein wenig. »Sie wurde in ein Auto gezerrt. Ihr wurden die Augen verbunden, aber der Entführer ist nicht weit gefahren. Sie sagte, es ist staubig und riecht nach Brot.« Toni stockte. Als er weitersprach, klang seine Stimme brüchig. »Ich hörte eine Tür schlagen, ein klatschendes Geräusch und ihren Schrei. Danach wurde die Leitung unterbrochen. Ach ja, und der Empfang war ziemlich schlecht.«
»Scheiße!«, fluchte Eva leise. Dann befahl sie sich, konzentriert zu bleiben. Sie durfte sich nicht von ihren Gefühlen leiten lassen, auch wenn der Fall noch so persönlich war. Sie wandte sich ihrem Monitor zu und bat: »Warte mal kurz.« Sie tippte Bäckerei in das Suchfeld und bekam eine Sekunde später sämtliche Betriebe der näheren Umgebung angezeigt.
Das Ergebnis war ernüchternd. Es gab deutlich mehr Bäckereien im Umkreis, als sie geglaubt hatte.
Eva zwang sich, logisch zu denken. Maria hatte gesagt, dass ihr Entführer nicht weit gefahren war, was dafürsprach, dass sie sich noch in unmittelbarer Nähe zu Velburg befand. Damit wäre die Auswahl deutlich eingeschränkt.
Ihr Blick fiel auf den ersten Eintrag, der ganz oben als Werbeanzeige eingeblendet wurde. Es war die Filiale einer Bäckereikette, die sich von den großen Städten ausgehend wie ein Geschwür ausbreitete und dem echten Handwerk das Leben schwer machte.
Doch es war die veraltete Anzeige der Velburger Bäckerei Hoffmann einige Zeilen weiter unten, die ihr Interesse weckte.
Eva kannte die Backstube schon von Kindesbeinen an. Als vor Kurzem einer dieser Billigbäcker keine fünfzig Meter weiter eine Filiale eröffnet hatte, hatten die Kunden dem alten Hoffmann noch eine Zeit lang die Treue gehalten. Drei Monate später jedoch gab er auf, stellte das Haus zum Verkauf und verließ den Ort.
Erst gestern war Eva bei ihrer Suche nach Maria an dem Gebäude vorbeigekommen. Noch sah es aus wie immer, doch ein Schild an der Fassade verkündete: Hier entstehen in Kürze vier exklusive Eigentumswohnungen. Bei Interesse …
»Bäckerei Hoffmann«, murmelte sie leise und erkannte sofort ihren Fehler.
Und natürlich hatte Toni sie gehört. »Verdammt, du hast recht. Es ist offensichtlich! Warum bin ich da nur nicht selbst darauf gekommen?«
Eva verfluchte sich, laut gedacht zu haben, und sagte: »Toni, du bleibst, wo du bist, und überlässt das uns! Toni?«
Er hatte aufgelegt.
»Alles klar bei dir?«, hörte sie Roberts Stimme aus dem Funkgerät fragen.
Eva atmete durch, nahm das Mikro und antwortete ihrem Streifenbeamten: »Das war Toni. Maria ist entführt worden und wir haben den möglichen Aufenthaltsort.«
»Was? Wo ist sie?« Robert klang aufgeregt.
Eva zwang sich, ruhig und deutlich zu sprechen. »Vielleicht in dem Gebäude der ehemaligen Bäckerei Hoffmann in Velburg. Ihr macht euch bitte sofort auf den Weg dorthin, wartet aber, bis ich auch da bin. Solltet ihr dort Toni antreffen, haltet ihn unter allen Umständen zurück. Hast du das verstanden?«
»Verstanden«, bestätigte Robert und Eva hörte noch, wie er das Martinshorn einschaltete. Danach wurde die Verbindung beendet.
Eva informierte noch kurz die nächstgelegene Notfallzentrale, stellte die Anrufweiterleitung ein, nahm ihr Handy und sprintete hinaus zum Wagen.
Das Gewitter hatte sich inzwischen verzogen, doch der Asphalt glänzte noch nass im Scheinwerferlicht. Velburg war nur zehn Kilometer weit entfernt, aber heute schien es Eva, als würde es sich am anderen Ende der Welt befinden.

Im Kindle-Shop: Schmutzige Seelen - Ein Ruben-Hattinger-Thriller.
Mehr über und von Mark Franley auf seiner Website.

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