1. Oktober 2019

'(K)ein Herz für Buchhändler' von Brigitte Teufl-Heimhilcher

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Die ehemalige Stadträtin Jutta Hirschmann schreibt einen satirischen Roman, in dem sie den amtierenden Bürgermeister aufs Korn nimmt. Da trifft es sich gut, dass ihre beste Freundin vor Kurzem den Buchhändler Günther Brühl kennengelernt hat. Der sieht zwar gut aus, ist aber ein arroganter Schnösel und denkt nicht daran, das selbstverlegte Buch in sein Sortiment aufzunehmen. Mit List und Tücke versuchen die Damen ihr Ziel dennoch zu erreichen – was vorerst nur dazu führt, dass Brühl einen Literaturkritiker zu einem Verriss anstachelt. Doch das soll ihm bald leidtun, denn Jutta ist eine ebenso spitzzüngige wie attraktive Person …

Eine heitere Geschichte rund um Bücher und Lebensträume.

Leseprobe:
Jutta – Der ehrenwerte Herr Bürgermeister
„Er hat dich einfach fallen lassen?“
„Wie eine heiße Kartoffel“, antwortete Jutta.
„Kommt davon, wenn man sich mit seinem Chef einlässt“, murmelte ihr Vater. Das hatte ja kommen müssen. Er hatte mit seiner Meinung über ihre Liaison mit dem Bürgermeister noch nie hinter dem Berg gehalten. Außerdem war ihm die Partei, für die Jutta in den letzten Jahren in der Stadtregierung gesessen war, ebenso suspekt wie deren Chef, Albert Stein. Den mochte er schon gar nicht.
„Und jetzt? Du kannst doch wieder als Lehrerin arbeiten?“, wollte ihre Mutter wissen.
„Typisch Mutter“, dachte Jutta. „Hauptsache, ich kehre in mein sicheres Beamten-Dasein zurück.“ Dementsprechend lustlos entgegnete sie: „Ja, schon.“
Ihre Mutter sah sie forschend an. „Klingt aber nicht, als ob du das möchtest.“
„Da hast du allerdings recht. Vielleicht werde ich später wieder unterrichten, aber zuerst möchte ich ein Buch schreiben.“
„Du willst ein Buch schreiben?“ Ihr Vater schenkte sich Kaffee nach. „Komische Idee.“
Es war ein angenehm milder Tag, der Marillenbaum stand in voller Blüte. Sie saßen auf der kleinen Terrasse ihres Elternhauses und genossen einen der ersten Frühlingstage. Der Winter war lang und kalt gewesen, umso überraschender war es jetzt warm geworden.
„Ihr wisst doch, ich habe schon als Kind gerne gelesen, Geschichten erfunden und niedergeschrieben“, antwortete Jutta träge und hielt ihr Gesicht in die Sonne.
„Ich lese auch gerne, deshalb muss ich ja noch lange kein Buch schreiben“, warf ihre Mutter dazwischen. „Worüber willst du denn schreiben?“
Es war ihrer Mutter anzuhören, dass sie es ihr nicht zutraute. Auch das war für Jutta nichts Neues. Sie kreuzte mit ihrer Mutter die Klingen, seit sie begonnen hatte, selbstständig zu denken. Ihre Mutter war Kindergärtnerin gewesen, und sie führte ihre Familie so, wie sie seinerzeit ihren Kindergarten geleitet hatte. Autoritär, aber mit den besten Absichten. Juttas Vater hatte sich nur selten dagegen aufgelehnt, Jutta hingegen ständig. Auch jetzt antwortete sie kämpferisch: „Darüber würde ich mir an deiner Stelle weniger Sorgen machen. Ich habe in den Jahren als Stadträtin einiges erlebt, das reicht für mehrere Romane.“
„Hab‘ ich nicht gleich gesagt, Politik ist ein schmutziges Geschäft? Du hättest besser die Finger davon gelassen“, moserte ihr Vater.
Das Verhältnis zu ihrem Vater war immer entspannt gewesen. Sie standen ja auf der gleichen Seite, sie waren die „Zöglinge“. Auch jetzt lächelte sie nur und hielt die Augen geschlossen, während sie antwortete: „Das hast du gesagt, aber es war nur die halbe Wahrheit. Politik ist nämlich auch ein ungemein spannendes Geschäft.“
Jutta lehnte sich zurück. Langsam wurde ihr warm. Sie zog ihre Jacke aus und hängte sie sorgfältig über den leeren Sessel. Ihr eleganter Hosenanzug passte nicht so richtig hierher, aber sie war direkt vom Rathaus gekommen. Ihre Eltern hatten ihr politisches Engagement ohnehin nie gutgeheißen, da sollten sie von ihrem Rauswurf nicht aus dem Radio erfahren.
Eine Weile blieb es still, dann spürte Jutta ihr Handy vibrieren. Albert. Ihr erster Impuls war, das Gespräch einfach wegzudrücken. Doch das wäre keine besonders erwachsene Reaktion. Also nahm sie es an und fragte kurz angebunden: „Was willst du?“
„Wo bist du denn?“
„Bei meinen Eltern.“
„Kann ich kurz vorbeikommen?“
„Bloß nicht.“
„Ich muss dir doch erklären, was da heute Morgen gelaufen ist.“
Jutta stand auf und ging ein paar Schritte in den Garten, ehe sie ins Telefon zischte: „Das hättest du besser vorher getan. Jetzt ist alles gesagt.“
„Jutta, bitte, ich muss es dir erklären!“
„Du hast mich einfach fallen lassen. Was gibt es da zu erklären?“
„Das stimmt so nicht. Aber davon abgesehen, willst du denn gar nicht wissen, was da gelaufen ist?“
„Ich kann es mir zusammenreimen. Außerdem war dein geschätzter Stellvertreter, unser allseits unbeliebter Herr Vizebürgermeister, so nett, mich aufzuklären. Du warst ja leider nicht erreichbar – zumindest für mich.“ Der Zusatz musste sein. Sie kannte ihn und hatte oft genug miterlebt, wie er unangenehme Gespräche einfach ignorierte.
Diesen Vorwurf ignorierte er ebenfalls. Typisch. Stattdessen fragte er: „Er hat dir erzählt, dass die Sozialisten uns vor die Wahl gestellt haben, dich auszutauschen oder die Sache mit den Reisekosten auffliegen zu lassen - und das sechs Monate vor der Landtagswahl?“
Um unkorrekt abgerechnete Reisekosten ging es also auch. Interessant. Laut sagte sie: „Von Reisekosten hat er nichts gesagt, nur von einer dringend notwendigen Einigung im Bildungsbereich. Die werdet ihr mit diesem neuen Hampelmann sicher erzielen. Sag, ist dieser Niedermayer eigentlich je auf eine ordentliche Schule gegangen oder gleich vom Kindergarten in die Parteiakademie übergetreten?“
„Jedenfalls ist von ihm nicht zu erwarten, dass er die Partei vor eine Zerreißprobe stellt“, antwortete Albert hörbar eingeschnappt. Niedermayer war seine Entdeckung.
„Eine Zerreißprobe? Nur weil ich es ablehnte, die Gymnasien aufzugeben? Das ist doch lächerlich. Die Bundespartei ist übrigens auch dagegen.“
„Schon, aber andere Länder sind dafür, und der linke Flügel unserer Partei ebenfalls. Es ging auch nicht nur um die Gymnasien.“
„Worum sonst noch?“
„Es geht auch … also es ging auch … um … unser beider Vergangenheit.“
„Du meinst unser Verhältnis? Aber das haben wir doch schon vor mehr als einem Jahr beendet.“
„Ja, schon, aber unangenehm wäre so ein Outcome immer noch …“ Jutta lächelte unwillkürlich. Mit Fremdwörtern hatte er so sein Problem, der werte Herr Bürgermeister. „Du weißt ja selbst, unser lieber Vizebürgermeister ist nah am Ohr des Kanzlers – außerdem ist seine Frau mit meiner Frau befreundet.“
Deshalb hatte er sie fallen lassen? Aus Angst vor seiner Frau? Der Kanzler konnte ihm schließlich egal sein. „Für deine ach so unglückliche Ehe tust du wohl alles“, fauchte Jutta ins Telefon. Als er nicht gleich antwortete, beendete sie das Gespräch, atmete tief durch und ging langsam zur Terrasse zurück, wo ihre Mutter sich eben ein weiteres Stück Mohnkuchen auf den Teller legte.
„Magst du auch noch?“, fragte sie.
„Nein, danke. Dein neues Rezept ist zwar wirklich gut, aber auch ziemlich üppig. Du mit deinem Diabetes solltest es auch besser bei einem Stück belassen.“
„Ich streich nachher das Nachtmahl“, versprach ihre Mutter zwischen zwei Bissen, was Jutta bezweifelte, aber sie hatte im Moment keine Lust auf dieses Thema. Ihre Mutter würde sowieso nicht auf sie hören und Juttas Kopfschmerzen meldeten sich auch zurück. War ja zu erwarten nach einem Tag wie diesem. Sie würde besser nach Hause fahren. Die Gelegenheit, den Besuch zu beenden, war günstig. „Apropos Nachtmahl, da fällt mir ein, ich muss noch einkaufen gehen.“
„Apropos Einkaufen: Wovon willst du in Zukunft leben?“, antwortete ihre Mutter wie aus der Pistole geschossen.
„Nur keine Panik, ich werde euch bestimmt nicht auf der Tasche liegen. Ich habe ein wenig gespart, Zeit zum Geldausgeben hatte ich ja nicht. Außerdem könnte ich jederzeit Nachhilfestunden geben, und dann ist da ja immer noch Omas Häuschen.“
Das Gesicht ihrer Mutter verdüsterte sich. Dass Jutta das Haus ihrer Großmutter geerbt hatte und nicht ihr Vater, der einzige Sohn, war ihr offenbar immer noch ein Ärgernis. Dabei fehlte es den beiden doch wirklich an nichts.
„Das Haus verfällt zusehends, du solltest es entweder renovieren lassen oder verkaufen“, meldete sich ihr Vater wieder zu Wort.
„Genau das habe ich vor. Zumindest habe ich jetzt Zeit, mich darum zu kümmern“, sagte Jutta, schnappte ihre Tasche und verabschiedete sich.

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Mehr über und von Brigitte Teufl-Heimhilcher auf ihrer Website.

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