5. November 2019

'Chondrit 55: Meteoritengift' von Stephan Heinz

Kindle | Thalia | Mayersche
Nachdem die Aufmerksamkeit um einen abgestürzten Meteoriten verflogen war, kümmerte sich niemand mehr um seinen Verbleib. Man räumte die Trümmer zur Seite und ging seinen Alltagstätigkeiten nach. Jahre später machte ein junger Meeresbiologe eine beunruhigende Entdeckung, die das gesamte Ökosystem und damit das Leben auf der Erde zu zerstören droht. Ein Wettlauf gegen die Zeit, mit einem unbekannten Gegner, beginnt.

Mit einem Vorwort von Günther Bonin – CEO von "One Earth-One Ocean". Jeder Buchkauf unterstützt seine Organisation.

Leseprobe:
15.02.2013 Tscheljabinsk, Russland
Als Peter Trushnikov am Einschlagsort des Meteoriten eingetroffen war, hatte er sich bereits durch ein Bild der Zerstörung gekämpft. Seine Kollegen vom Roskosmos, der russischen Weltraumbehörde, hatten ihn benachrichtigt sobald die Teleskope den Meteoriten über dem russischen Luftraum gesichtet hatten. Als einer der leitenden Beamten vor Ort war er der Erste an der Einschlagsstelle am Tschebarkulsee eintraf.
Die zahlreichen Rettungskräfte, welche ihm auf seinem Weg über die verschneiten Straßen begegneten, waren pausenlos damit beschäftigt, die vielen verletzten Menschen zu versorgen. Die schneebedeckte Landschaft hatte einen Teil ihrer Friedlichkeit verloren. Einzig die Bäume, deren Äste mit dickem gefrorenem Schnee bedeckt waren, standen wie stumme Zeugen zu tausenden unbewegt in der Landschaft. Von Nahem sahen die Bäume aus wie die Kunstwerke eines eigenwilligen Künstlers.
Der Meteorit war bei seinem Eindringen in etwa 30 km Höhe in mehrere Teile zerbrochen und hatte dabei eine Druckwelle erzeugt, die fast alle Scheiben der umstehenden Häuser und Autos zerstört hatte. Die Scherben waren zu spitzen Geschossen geworden, die zahllose Menschen verletzt hatten. Die Gesamtzahl an Verletzten sollte sich auf insgesamt 1500 Menschen belaufen.
Peter, den sein Einsatz unvorbereitet getroffen hatte, machte vor Ort die ersten Bilder, als die örtliche Polizei eintraf. In einem der Wagen erkannte Peter einen kleinen dicken Mann mittleren Alters mit grauem Bart. Anstelle seiner Polizeikappe trug er eine Mütze aus Waschbärenfell, um sich gegen die Kälte zu schützen. Er quälte sich umständlich aus dem in die Jahre gekommenen Polizeiauto und ging dann überraschend zügig auf Peter zu.
„Haben Sie hier das Sagen?“ bellte er Peter an. „Peter Trushnikov vom Roskosmos“, stellte sich der schlanke, hoch aufgeschossene, Mann vor. „So wie es aussieht schon. Und Sie sind?“ „Mein Name ist Fjodor Ivank, ich bin der Leiter der Polizeibehörde“, entgegnete dieser in militärischem Tonfall: „Bitte veranlassen Sie die Sperrung des ganzen Geländes. Wir benötigen einen Autokran und ein Team von Tauchern“. Der Großteil des Meteors ist in dem See gelandet. Ich möchte, dass er geborgen und zur Untersuchung ins geologische Labor nach Novosibirsk gebracht wird“, wies Peter Trushnikov an, ohne sich weiter mit dem Polizeichef zu beschäftigen. Für ihn, als ein Mitglied einer staatlichen Einrichtung, war klar, dass er sämtliche Befugnisse besaß und er seit jeher kein Mann war, der Widerspruch duldete.
Völlig überrumpelt von den vielen Anweisungen winkte der Polizeichef einen seiner Polizisten zu sich, um ihm die genannten Aufgaben zu übertragen.
Zwei Stunden später schlüpften fünf Taucher in Trockenanzügen durch das riesige Loch im Eis ins Wasser. Mit Hilfe dieser Anzüge blieben die Taucher, anders als mit einem Neoprenanzug, trocken. Zum Schutz vor der Kälte trugen sie dicke Thermokleidung unter den Anzügen. Sie hatten die Anweisung, Fotos des Bruchstücks zu machen und wenn möglich eine kleine Probe mitzubringen. Der mittlerweile eingetroffene Kran sollte seine Kette ins Wasser hängen, um abschätzen zu können, ob der Meteorit erreichbar war und geborgen werden konnte.
Peter Trushnikov lehnte entspannt an einem der vielen LKWs, die zusammen mit dem Kran eingetroffen waren. Er nippte an einer Tasse heißem Tee, den einer der Feuerwehrmänner aus einer Kanne verteilte. Nachdem er mehrere Telefonate geführt und einige Mails von seinem Smartphone verschickt hatte, blieb ihm jetzt nur noch das Warten auf die Taucher übrig. Die stark gefallenen Temperaturen hatten einige der Einsatzkräfte in ihre beheizten Fahrzeuge getrieben. Peter fühlte sich in einer speziellen Daunenjacke, in einem auffälligen Rot, auch bei -30°C wohl. Seine vielen Einsätze in den nördlichsten Regionen der Erde und seine Spezialausbildung während seiner Militärzeit hatten ihn wohl gegen Kälte immun werden lassen. Gerade als er seinen Tee abgesetzt hatte, kam einer der Taucher, dank der Schwimmflossen etwas unbeholfen, über das Eis in seine Richtung gelaufen und machte eine Meldung. „Wir konnten das Bruchstück lokalisieren“, raunte der Mann mit trockener Stimme. Die Kälte und die trockene Luft aus der Pressluftflasche hatten seinen Mund ausgetrocknet und machten es ihm schwer zu sprechen. Ohne ein Wort hielt Peter Trushnikov ihm die Teetasse hin, um ihm den letzten Schluck des noch warmen Tees zu überlassen. Anschließend konnte dieser flüssig weiter berichten. „Es handelt sich um ein etwa Kleinwagen großes Bruchstück. Das Gewicht würde ich auf eine halbe Tonne schätzen. Mit der Kette des Krans sollten wir den Brocken leicht erreichen können. Wie stabil die innere Struktur ist, kann ich noch nicht sagen. Vielleicht zerbricht das Bruchstück beim Herausheben. Eine Probe konnten wir leider nicht entnehmen.“ Peter Trushnikov sah den Taucher einen Moment schweigend an. Dann sagte er: „Gut gemacht! Ihre Leute sollen aus dem Wasser kommen und sich aufwärmen. Ich benachrichtige das geologische Institut über die neuesten Erkenntnisse. Wir verschieben die Bergung auf morgen früh acht Uhr. Bitte seien Sie und ihr Team einsatzbereit.“ Der Taucher gab die Teetasse ebenso schweigend zurück wie er sie empfangen hatte. Die letzten Tropfen des Tees, die gedroht hatten an der Tasse herunterzulaufen, waren auf ihrem Weg am Rand der Tasse gefroren und bildeten ein eigentümliches Muster. Bevor der Mann sich zum Gehen umdrehte, verabschiedete er sich mit einem militärischen Gruß. „Jawohl, morgen früh um acht Uhr hier an dieser Stelle.“ Dann drehte er sich um und watschelte mit seinen Flossen davon.
Peter Trushnikov sah ihm nach und war innerlich froh, nicht selbst in das eiskalte Wasser steigen zu müssen. Diese Zeiten hatte er glücklicherweise nach seiner Ausbildung bei der Roskosmos hinter sich gelassen.
Nachdem er den Polizeichef angewiesen hatte, die Absperrung aufrecht zu erhalten und die Schaulustigen nach Hause zu schicken, verließ auch er den Fundort. Morgen würde es weitergehen. Er war schon sehr gespannt, was genau sie morgen aus den Tiefen des Sees herausziehen würden.

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