4. November 2019

'MarChip und die kleine Berthe (Detektei MarChip 2)' von Esther Grünig-Schöni

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Website Esther Grünig-Schöni
In einem Altenheim geschehen seltsame Dinge. Die Detektei MarChip wird beauftragt, die Probleme zu lösen. In mancher Hinsicht eine echte Herausforderung.

MarChip’s zweiter Fall – aus einer anderen Perspektive.

Die kleine Berthe erzählt ihre Geschichte aus ihrer Sicht und lässt den Leser gleichzeitig in ihre Welt blicken, die nicht immer schön ist. Manches davon wird bestimmt auf ähnliche Weise von Vielen erlebt. Doch ein Lichtstrahl erhellt ihr Leben und das Dunkle der Nächte. Wer oder was könnte das sein? Und was wird daraus?

„Es zischte, flüsterte, schlurfte, raschelte - ein gedämpfter Schrei, ein Versuch, Atem zu holen, erstickt oder unterdrückt. - Schatten spielten fangen. An den Wänden sah es wie ein bedrohliches Figurenspiel aus mit all diesen dunklen Umrissen.

Und sein Gesicht war leblos, die Augen leer.

Es zischte, flüsterte, schritt, raschelte - erneut - ein kurzes Wehklagen, verweht im Wind der Nacht und wieder diese Schatten wie Arme von toten Bäumen.

Und ihr Gesicht war leblos, die Augen starr.

Oh nein, nicht schon wieder!

Und doch: ein Huschen, Schlurfen, Stehenbleiben, das Klagen einer Türe - ein Weinen - Stille. Und sie lag da wie weggeworfen, weil sie zerbrochen, hässlich und nutzlos geworden war. Alt?“


Leseprobe:
Berthe‘s Überlegungen
Ist die Vergangenheit wesentlich und die Zukunft alleine maßgebend oder hat das Heute genug Wert?

Heute werden wir „Kosten und Belastung“ geschimpft, selbst wenn wir ein Leben lang geackert haben. Wir haben gearbeitet, wie andere heute arbeiten. Wir lagen nicht auf der faulen Haut. Was für ein Ausdruck. Das tut niemand, der leben will. Das Klima allerdings ist kälter geworden und ich rede nicht vom Wetter.

Sie wollen nicht mehr tragen helfen, wünschen uns tot. Wir sind nicht mehr produktiv genug. Weg mit uns oder immerhin zur Seite, aus dem Weg. Wir kosten, stören, nerven, sind unnütz, ein unangenehmer Anblick, alt. Doch alle werden es einmal sein.
Vielleicht sehe ich es zu schwarz und vielleicht bin ich zu alt, um zu wissen wie die Welt sich dreht; zu dumm um das Große zu verstehen; zu klein um global zu denken. Aber ich bin Berthe, die lebt und erfahren hat und manches kennt und sieht. Nur hört mich keiner.

Ist meine Stimme zu leise geworden? Ich stelle dennoch meine Sicht der Dinge und Ereignisse dar. Vielleicht ist gerade das, was ich beobachte Triebfeder und Motiv für Manches was geschieht. Wer weiß. Und vielleicht könnte geändert werden, was zutage tritt.

Meine Farben sollen schwarz, grau, braun, dunkel, unscheinbar sein. Wähle ich andere, gelte ich als durchgeknallt. Meine Farben leuchten. Das sollen sie nicht. Wer hat darin Unrecht? Niemand. Heute ist es so: Ich ecke an, weil ich nicht dem Bild entspreche, das sie sehen und haben wollen. Es war nicht immer so. Was damals geschah - nicht sehr lange her - ließ mich endlich wieder lebendig werden. Das ist gut so. Ich lebe. Das ist wesentlich. Aber gehen wir zu der Geschichte, die dies in mir bewirkt hat. Sie ist nicht schön … und doch …hat sie ihr Gutes.

Manchmal driften Welten auseinander. Raumwelten oder innere persönliche Welten. Es gibt viele davon. Sie sind unüberschaubar. Manchmal rollen sie aufeinander zu, finden sich, werden zu einem Teppich verwoben. Oder sie laufen eine Weile parallel in die gleiche Richtung. Sie berühren sich eine ihnen bemessene Zeit lang. - Ich weiß, gerade er mag das Zeitdiktat nicht. Wer? Später … Später tritt er ins Bild und wird erwähnt. Er erscheint in meinem Leben. - Ist diese bemessene Zeit vorbei, trennen sich diese Welten möglicherweise. Das weiß ich nicht mit Sicherheit. Es kann anders sein.

Buch 1 (Berthe) 1. Kapitel
Meine Geschichte um dieses Haus, das weder gut noch schlecht war, wo Leben und Tod nahe beieinander lagen, wo ich viel - zu viel - Tod sah und viel Sonne erlebte, begann an einem Morgen. Auch wenn sie schon vorher neben mir herlief und mich umgab. Da erst nahm sie Gestalt an und wurde der Anfang meiner Wiederbelebung. Es wurde das Ende einiger und der Anfang neuer Gewohnheiten. Berthe heiße ich.

Viele nannten mich töricht, unwissend, stehen geblieben in alten Zeiten, verkalkt, unbeweglich, störrisch - ohne mich zu kennen. Sie wussten nichts von mir und behaupteten es. Die kleine Berthe – damals. Sie redeten mit mir wie es nicht einmal mit dem kleinsten Kind getan werden sollte. „Sieh mal, das ist gut für dich. Dieses. Jenes ist nicht gut für dich. Das musst du so machen. Wir meinen es nur gut mit dir. Du weißt doch nicht mehr wie es sein soll. Du kannst das nicht. Du weißt das nicht. Heute ist es so. Früher war es anders. Aber jetzt ist nicht mehr früher.“ Als ob ich das nicht wüsste!

Das geschah in dem Ton, wie wenn sich jemand über einen Kinderwagen beugt, grinst, dich anstubst und dazu „Tututututu …“ oder ähnliches von sich gibt. Oder langsam spricht, jedes Wort betonend, so dass ich in der Zwischenzeit, bevor der ganze Satz zu Ende ist, bestimmt einschlafe oder demjenigen einen Tritt versetzen möchte, der ihn antreibt, damit er endlich rausrückt mit dem, was er zu sagen hat.

Sie wurden ungeduldig, weil ich langsamer als sie war, zappelten herum, verdrehten die Augen, seufzten laut oder drängelten.
„Müssen Sie hier stehen!“
„Etwas zur Seite stehen oder gehen wäre besser, so dass die Arbeitenden durch können.“
„Geben Sie den Weg frei für das Rennen des Alltags. Sie haben doch alle Zeit der Welt.“
„Diese Langsamkeit ist zum Verzweifeln.“
„Meine Zeit ist kostbar. Zeit ist Geld. Sie stehlen mir diese Zeit mit Ihrem Dasein.“
„Müssen Sie unbedingt noch leben? Legen Sie sich hin, schlafen Sie ein und Ruhe ist.“

Ja das klang bitter. Das geb ich zu. Es war eine Tatsache, dass meine Knochen und Gelenke nicht mehr wie vor Jahrzehnten waren. Manches brauchte mehr Zeit. Der Körper spürte die vorbei geflossenen Jahre, die Mühen, die Arbeiten, die Schwere. Ja. Aber mein Kopf funktionierte einwandfrei und meine Gefühle schmerzten. Sahen sie das nicht? Wenn nicht, waren ihre Augen das Problem, ihr Denken war falsch. Sie nahmen sich nicht die Mühe zu sehen.
„Das lohnt sich nicht mehr.“
„Was willst du noch?“

Was wollte ich noch? Nicht einmal ich wusste es. Woher also sollten sie es wissen? In unserer Kultur galt das Alter wenig. In anderen brachte man ihm Achtung entgegen. Natürlich waren manche von uns selbst schuld daran. Sie behandelten die Jungen mit der gleichen Verachtung. Aber war eine solche Kultur denn noch Kultur? Zurück zu den Ereignissen. Ich habe gerade die Tendenz abzuschweifen. Vielleicht auch ein Zeichen des Alters?

An diesem Tag kam er wie ein angenehmer Morgenwind durch die Türe herein. Für einmal brauste kein Sturmwind durch den Raum. Für einmal war es nicht der kalte Nordwind, der alles erfrieren ließ und unter seinem Eis begrub, bis sich nichts mehr rührte, bis nichts mehr Mühe bereitete. Es war wie eine Sommerbrise - vom sanften Meer geschickt. Dieser Vergleich war erstaunlich für jemanden wie ihn. Und doch passte er. Zu dieser Zeit sah ich das Meer nicht mehr. Es war zwar da in seiner weiten Erhabenheit. Doch das spielte für mich keine Rolle. Selbst wenn ich es roch und hörte, war es mir egal. Ich nahm es nicht bewusst wahr. Dabei hatte ich es immer geliebt. Es war nicht weit weg und doch so fern. In mir war so viel gestorben.

Ich war zwar wach, aber ich mochte die Augen nicht öffnen. Ich befand mich in einem Zustand, der einer Apathie glich. Wenn ich die Augen öffnete - das wusste ich - sah ich nichts, das mir Freude bereitete. Nicht mein Zuhause, keinen lieben Menschen, nichts, wofür es sich zu leben lohnte. Kein Ziel. Nichts, dass mein Sein schöner gestaltete und etwas änderte - verbesserte, verschönerte, erhellte.

Ich ließ meine Augen zu. Das war alles, was von meiner Stärke geblieben war - von meiner Rebellion, die sich nur leise äußerte. Ich hörte, dass jemand ans Fenster trat. Ich kannte jede Ecke, jeden Flecken und jeden Punkt an den Wänden und wusste, wie sich etwas anhörte. Ich hatte Zeit gehabt, es zu studieren. Dieser Jemand schob die schweren dunkelroten Vorhänge zur Seite - diese fantasielosen Staubfänger. Ach, vielleicht tat ich ihnen unrecht, so wie Vielem. Aber ich mochte nicht gnädig sein. Ich spürte das Licht auf meinem Gesicht. Es legte sich auf meine Augenlider und ich sah wabernde Farben erwachen. Es blendete.

Ich kniff die Augen fester zusammen. Wenn ich wie ein Kind behandelt wurde, durfte ich auch trotzig wie eines sein. Das beschloss ich. Die Farben und Formen, die Wellen, Wolken, Kreise, Spiralen und Spitzen verstärkten sich. Das war spannend und erstaunlich. Ich nahm es wahr und verlor mich darin. Ich schaute bewusster, verweilte. Ich hatte nichts anderes zu tun. Es kam mir vor wie die Sicht eines dieser Kartonrollen aus der Kinder- und Jugendzeit. Ganz vorne war ein Glas, so wie ein Fenster. Das Licht schien von dort herein. Dort lagen viele bunte Teilchen: Vierecke, Rechtecke, Dreiecke, Kreise, Sterne, Monde und viele andere Formen. Sie steckten locker zwischen zwei Glasplättchen. Wurde die Rolle gedreht, rasselte, knisterte, raschelte es angenehm – wie eine Ankündigung – und die Bilder, die Eindrücke, veränderten sich beim Hineinsehen wie in einem Fernrohr. Die Muster wurden immer wieder anders. Ein Kaleidoskop. Es bildeten sich neue Ornamente. Es war wie Fernsehen. Der Fantasie setzten sich dabei keine Grenzen und … Fernrohr? Ferne. Ich sehnte mich nach Ferne – von hier.

Aber ich blieb still liegen und erwartete das barsche Ausspucken von Worten und Sätzen. „Es ist Morgen. Zeit aufzustehen und uns bereit zu machen. Frühstück. Tag. Los, los.“
Warum konnten sie mich nicht in Ruhe lassen? Ich war in keinem Ferienlager für Pfadfinder. Sie stuften mich als hilflos ein, als jemandem, dem geholfen werden musste, weil ich mich verweigerte. Sie bestimmten, was ich musste und was ich nicht durfte. Sie und dabei war ich es, die etwas wollte oder auch nicht.
„Los, los! Auf! Wir haben nicht ewig Zeit. Aufwachen Berthe! Nun stellen Sie sich nicht so an. Sind wir unpässlich? Krank? Oder sind wir müde? Wollen wir nicht?“

Uns? Wir. Wer wir? All das wurde ohne wirkliches Interesse aus den Mündern gestoßen. Pflichtübungen, von der Zunge erschaffene Laute, unterstützt durch die unterschiedlichen Stimmbänder. Zwischen den Zähnen entfernt wie unangenehme Fremdkörper, Fetzen von Fleisch. Tat ich unrecht? Nicht alle waren so, aber die meisten, und ich rechnete nicht mehr mit Erfreulichem. Ich war zu oft in meinen Erwartungen enttäuscht worden. Mir wurde zu oft etwas hingeworfen. „Friss es Berthe!“
Nein. Ich wollte nicht.
Ich war müde, wartete auf solche Sätze, war müder als am Tag zuvor und an dem zuvor und noch weiter zurück und … nur noch müde. Was sollte ich auf dieser grauen Welt?

Ich hörte wie er ans Bett trat. Seine Schritte und sein Geruch verrieten mir, dass es ein „Er“ war, aber nicht welcher Er. Einer der Pfleger musste es wohl sein. Die waren nicht die übelsten. Trotzdem …
Ich war angespannt, wollte weder ihn noch den Tag begrüßen und schon gar nicht sehen. Ich wollte nicht weiter Stück für Stück von meiner Würde verlieren. Ich fürchtete mich vor meinen unangenehmen Gefühlen. Stolz. Persönlichkeit. Viel davon war mir nicht geblieben. Ich sollte für die Hilfen dankbar sein und empfand so manches als entwürdigend, vor allem, wenn es nicht diskret geschah. Wenn die Türe offen stand, gelacht wurde oder die Nase verächtlich und angeekelt gerümpft wurde.

Noch hatte ich Schamgefühle. Noch erinnerte ich mich an die Zeiten, wo ich selbst für mich sorgte. Warum war es auf einmal nicht mehr gegangen? Warum fühlte ich mich so steif und schmerzte so viel? Der Arzt wusste es nicht und wer, wenn nicht er? Ja ich war müde geworden, das stimmte. Andere - selbst in meinem Alter - absolvierten noch Marathons, Wanderungen, Kaffeekränzchen wenigstens, und ich musste mir bei so Vielem helfen lassen. Ich wollte nicht mehr. Ich hatte auf Gesundheit geachtet, war nicht fett und trotzdem …. ging nichts mehr. Meine Seele wollte nicht mehr. „Lasst mich in Ruhe“, schrie es in mir.

Alles war trostlos und wurde noch trostloser. Das ging soweit, dass sich alles steigerte. Gestern war erneut jemand gestorben - so plötzlich - mit dem ich mich gut verstanden hatte. Am Tag zuvor hatten wir miteinander gelacht, uns unterhalten. Nun war sie nicht mehr da. Sie hatte mir, wie sie es gerne tat, von ihren Reisen erzählt und ich ihr von meinen kleinen Erlebnissen.

Nun lag ihr Körper leblos und kalt in dem dafür vorgesehenen Kellerraum. Den Keller mochte ich nicht. Es schauderte mich. Sie machten einem etwas vor. Sie war nicht einfach eingeschlafen, weil sie alt war. Wir waren alle alt. Natürlich ging der Tod um und nahm ab und zu jemanden mit. Vor dem Tod fürchtete ich mich nicht wirklich. Es war etwas anderes. Warum kam er nicht zu mir? Ich wartete auf ihn. Wenn er still kam und nicht mit einer hässlichen Fratze, war mir das nur recht.

Ich spürte, dass sich der Pfleger aufs Bett setzte. Das war unüblich. Das taten sie nicht. Und wenn es der Tod war, der hier saß? In all der Eile hier setzte sich sonst niemand auf das Bett zu mir. Sie hatten alle keine Zeit und Order, nichts von der wenigen Zeit zu vertrödeln, sondern effektiv zu funktionieren. Dafür hatte ich sogar Verständnis, denn es gab viel zu tun. Aber manchmal fehlten mir solche Dinge - solche Gesten und Zeichen - dem Interesse an mir als Mensch. Eine Geste, mich nicht nur als Last zu empfinden.

Ich spürte Hände. Keine, die meinen Hals würgen wollten, keine, die das Kissen nahmen um es mir auf das Gesicht zu legen und mich damit zu ersticken. Keine groben Finger, die sich wie Krallen auffordernd in mein empfindliches Fleisch bohrten. Niemand rüttelte an mir. Die Hände schüttelten mich nicht. Sie taten Erstaunliches. Die Finger berührten mich sanft: meine Hände, meine Arme, sehr vorsichtig mein Gesicht. Die Hände streichelten mein Gesicht. Miro? War mein Miro wieder da? Oder war ich doch weg geschlummert und wachte auf diese Weise in einer besseren Welt auf? Erstaunt riss ich meine Augen auf. Nein, es war nicht mein Miro und es war keine andere Welt. Eine kleine Träne stahl sich aus einem meiner Augenwinkel. Er fehlte mir sehr und die bessere Welt vermisste ich.

In ein junges Männergesicht sah ich mit hellen grünen Augen. Darin war ein echtes Lächeln - wie ein Sonnenstrahl. Ich hörte eine Stimme, die mich wärmte. „Guten Morgen Berthe.“ Ich staunte still weiter.
„Bitte nicht erschrecken. Ich bin kein Einbrecher.“
Nein, danach sah es mir nicht aus. Er wirkte zu freundlich für dunkle Absichten. „Ich bin neu hier.“ Das erklärte einiges.
„Ich habe heute als Pfleger und Mann für alles angefangen.“
Da war ein spitzbübisches Funkeln erkennbar und ich nahm den Faden erstaunlicherweise auf. „Für alles?“
Er lachte. „Für Vieles. Was sehe ich in Ihren Augen aufblitzen? Schalk? Die meisten stufen Sie bestimmt völlig falsch ein.“

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