17. Januar 2020

'Mordsblues: Nordseekrimi' von Ulrike Busch

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Ulrike Busch | Autorenseite im Blog
St. Peter-Ording im Herbst-Blues: Zum Abschluss der Saison veranstaltet Björn Rock, Inhaber einer Musikkneipe, das erste nordfriesische Blues-Festival an der Seebrücke des beliebten Nordseebades. Hark Nansen, der Star des Abends, legt einen furiosen Auftritt hin. Wenig später ist er tot – ermordet.

Der Kreis der Verdächtigen ist schnell definiert, doch die Indizienlage gestaltet sich kompliziert, denn der Fund einer weiteren Leiche gibt Rätsel auf. War Hark Nansen Täter und Opfer zugleich? Wurde ihm eine Dreiecksgeschichte zum Verhängnis? Und welche Rolle spielen die maritimen Szene-Drinks, die den Ermittlern auf Schritt und Tritt begegnen?

Die Öffentlichkeit erwartet eine baldige Lösung des Falls. Und auch Frido, der schrullige Onkel des Kommissars, macht Druck. Er war ein Fan von Hark Nansen.

Leseprobe:
Atemlos stand Hark Nansen auf der Außenbühne vom Dünen-Hus. Was für ein Auftritt! Es gab die üblichen Pfiffe und Buhrufe. Wie immer saßen Freunde und Feinde unter dem Publikum. Doch die Fans flippten aus. Sankt Peter-Ording war ein Heimspiel für ihn.
Er verneigte sich tief, und Gänsehaut überzog seinen Körper, als der Applaus zum Orkan wurde. Zwei Songs hatten seine Band und er noch auf der Setlist. Dann hatten sie es wieder einmal geschafft. Sie waren und blieben die Stars jedes norddeutschen Blues-Festivals.
Hark bückte sich und langte nach der Flasche ›Neptune’s Breeze‹, die er zu Beginn des Konzertes neben einer Verstärkerbox auf dem Boden abgestellt hatte.
»Auf euer Wohl«, raunte er mit seiner rauchigen Stimme ins Mikrofon und prostete dem Publikum zu. Aus einer Ecke gellten scharfe Pfiffe.
Er wusste, warum. Doch er ließ sich nicht einschüchtern. Bedächtig trank er einen Schluck. Seine Blicke glitten dabei langsam über die Tribüne. In der Dämmerung, die während seines Auftritts eingebrochen war, konnte er nur noch Konturen erkennen, keine Gesichter.
Er leckte sich über die Lippen und stellte das Getränk auf den Boden zurück.
Plötzlich flog eine Flasche auf die Bühne. Sie schlidderte an seinen Füßen vorbei. Sekunden später zerschellte nochmals Glas vor der Bühne.
Das Blut gefror Hark in den Adern. Die Bühne war kaum hüfthoch. Sie zu stürmen wäre ein Kinderspiel.
Er wandte sich nach Dora um. Ihr Blick suchte seinen.
Hark nickte ihr im stillen Einverständnis zu. Nur nicht beirren, nicht einschüchtern lassen!
Er kündigte dem Publikum den nächsten Song an. Der verhaltene Beifall signalisierte ihm, dass in diesem Moment nicht nur er verunsichert war.
Dora trat an seine Seite. Dora, die Frau mit der Bassgitarre. Die einzige Musikerin am heutigen Abend, die dieses Instrument beherrschte. Feuerzeuge wurden entflammt. Rufe nach Dora hallten durch die Dunkelheit.
Dann eine schrille Stimme, die rief: »Verräter!«
Hark blickte dorthin, wo er die Frau vermutete, der die Stimme gehörte. Er wusste, es war sinnlos, und doch suchte er die Reihen nach Sina ab. Unmöglich, dass sie unter den Zuschauern saß. An diesem Wochenende besuchte sie ihren Bruder in Dänemark.
Er sang die ersten Zeilen des Songs. Dora stimmte mit ein. Die Fans summten mit, die Lichter glühten. Es war ein Titel voller Leidenschaft. Am Ende lagen Dora und er sich für einen kurzen Moment in den Armen. Sie gaben das Bild ab, auf das das Publikum gewartet hatte.

[…]

Über den nur schwach beleuchteten Wall marschierte Hark Nansen in Richtung der Seebrücke. Mit gesenktem Blick hastete er am Rand des Vorplatzes entlang, passierte das Fischrestaurant und betrat die ersten Bohlen der Brücke.
Nach einigen Metern guckte er über die Schulter zurück. Niemand hatte ihn erkannt, niemand folgte ihm.
Er lief weiter, hob den Kopf und atmete tief ein. An einer der geschwungenen Holzbänke, die in größeren Abständen aufgestellt waren, machte er halt und setzte sich. Mit durchgedrücktem Rücken, die Hände auf den Knien, blickte er auf das Deichvorland.
In der Dunkelheit erschien ihm die sonst so vertraute Landschaft gespenstisch. Doch die würzige nachtfeuchte Luft legte sich wie ein schützender Nebel um seine Schultern und hüllte ihn ein.
Musikfetzen drangen an seine Ohren.
Eine Melodie fiel ihm ein, die Idee zu einem neuen Titel. Nachher, wenn er zu Hause war, würde er sie auf der Gitarre nachspielen und zu Papier bringen.
Unruhe überfiel ihn. Nach einem Konzert war sein Körper voller Adrenalin. Einsamkeit, frische Luft und Bewegung brauchte er dann. All das fand er am Strand.
Er erhob sich von der Bank. Aus dem Augenwinkel erblickte er einen hochgewachsenen Mann, der mit eiligen Schritten die Brücke betrat.
Noch einer, der dem Rummel des Festivals entfloh? Oder ein Fan, der mit ihm über Musik sprechen wollte? Das hoffentlich nicht. Hark war nicht zum Plaudern zumute.
Morgen war auch noch ein Tag. Am Sonntag konnte man mit ihm bei einem Drink über all seine Songs reden und darüber, dass die Musik früher viel ehrlicher war. Und Autogramme gab es dann auch.
Er wandte sich der See zu und marschierte weiter die Brücke entlang. Bald würde er die Plattform erreichen, die die halbe Strecke zwischen dem Seebrückenvorplatz und dem Strand markierte.
Etwas machte Hark nervös. Er wusste auch, was: Es waren die Schritte hinter ihm.
Der Mann lief zu schnell für einen nächtlichen Spaziergänger, der am Strand Ruhe und Erholung suchte. Seine Füße donnerten über die Bohlen wie Pferdehufe.
Unsicher geworden, drehte Hark sich im Gehen um.
Der Mann hob einen Arm. Er winkte ihm zu. Winkte mit einer Flasche.
Hark erstarrte innerlich.
Es war ein verdammter Fehler gewesen, sich in die Einsamkeit der Seebrücke bei Nacht zu begeben.

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