2. April 2020

'Nimm dir Zeit, um zu leben' von Eve Sander

Kindle | Tolino | Taschenbuch
Website Eve Sander
Wenn das Leben aus den Fugen gerät. Ein Roman, der unter die Haut geht.

Anja Hajduk hat gerade ihr neues Büro als Partnerin in einer renommierten Hamburger Kanzlei bezogen. Mutig, originell und warmherzig setzt sich die junge Rechtsanwältin für ihre Mandanten ein. Oft sind das Menschen am Rande der Gesellschaft. So wie Nurhan, die ihrem Ehemann entkommen will. Oder Cem, der völlig außer sich geraten ist.

Dass im Leben nicht immer die Sonne scheint, weiß Anja nur zu gut. Noch immer liebt sie den Mann, der sie verlassen hat. Das Geburtstagsfest ihrer Mutter soll sie auf andere Gedanken bringen. Doch was als wunderbarer Abend beginnt, wird zum Albtraum. Für Anja bricht eine Welt zusammen. Ein altes Tagebuch, das ihr in die Hände fällt, spendet Trost und offenbart ein wohlgehütetes Geheimnis ...

Anleser:
Bestimmt hatten sie ihn wegen seines Aussehens aus dem Verkehr geholt. Mit seinen schwarzen Haaren, dunkelbraunen Augen und diesem Bart, 2 den er sich neuerdings wachsen ließ, könnte Cem auch ein Moscheeprediger oder Islamist sein. Gereizt griff er in die Innentasche seiner Jacke und fand darin neben seiner Brieftasche auch die Marlboro-Schachtel wieder.
»Bitte schön«, sagte er und atmete geräuschvoll ein: »Chlp.«
Manchmal, besonders, wenn er aufgeregt oder nervös war, atmete er ein und machte dabei unbewusst dieses schmatzende Geräusch, dieses »Chlp«. Er konnte es nicht steuern, er merkte es noch nicht einmal.
Er reichte dem Polizisten die Dokumente. »Was habe ich denn falsch gemacht?«, fragte er.
»Steigen Sie bitte einmal aus«, erwiderte der Uniformierte ungerührt und reichte die Unterlagen seinem Kollegen weiter.
»Wieso haben Sie mich angehalten?«
»Bitte aussteigen!«, wiederholte der Polizist in befehlsgewohntem Ton.
»Aber ich habe doch nichts gemacht«, sagte Cem und machte »Chlp«. Er befolgte jedoch diesmal die Anweisung und stieß die Tür auf. Ihm war hundeelend. Sein Herz fühlte sich an, als wäre es von einer großen, kalten Faust umschlungen. Er fühlte sich so schwach. Erst diese Kopfschmerzen und nun auch noch das. Am liebsten wäre er in Tränen ausgebrochen.
»Hören Sie, ich bin krank, Sie dürfen mich nicht so behandeln«, wandte er mit schwacher Stimme ein.
»Bitte machen Sie mir mal diese Bewegungen nach.«
Der Polizist hob den einen Arm und fasste sich mit dem Finger an die Nasenspitze, dann nahm er den anderen Arm und machte dasselbe. Cem hob seinen linken Arm und sah zwei Hände. Vorsichtig führte er eine der Hände an die Nasenspitze und berührte sie.
»Herr Kurt, haben Sie Alkohol getrunken?«, fragte ihn der Beamte.
»Nein!«
»Haben Sie Drogen konsumiert?«
»Nein ...«
»Pusten Sie bitte mal hier hinein.«
Cem pustete. Das Gerät zeigte keinen Atemalkohol an.
»Gehen Sie mal ein paar Schritte.«
Cem bemühte sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber er verlor dabei so das Gleichgewicht, dass er torkelte.
»Herr Kurt, sind Sie damit einverstanden, dass wir einen Bluttest durchführen?«
»Aber ich bin nicht betrunken, das haben Sie doch schon getestet«, wandte Cem nun fast weinerlich ein und machte wieder »Chlp«.
»Sie sind aber eben auf der Autobahn Schlangenlinien gefahren. Auch jetzt können Sie nicht gerade stehen oder laufen.«
»Ja, aber ich stehe doch jetzt gerade! Vorhin auf der Autobahn habe ich doch nur was gesucht, meine Zigarettenschachtel war mir runtergefallen, deswegen bin ich vielleicht einmal kurz Schlangenlinien gefahren, aber ich passe besser auf, versprochen!«
»Das ist eine Standardprozedur, wir wollen nur ausschließen, dass Sie tatsächlich keinen Alkohol oder Drogen konsumiert haben.«
»Bitte, lassen Sie mich einfach weiterfahren, ich habe doch schon gesagt, dass ich krank bin, ich werde mich besser konzentrieren, ich passe bestimmt besser auf. Bitte!«
»Wir lassen Sie weiterfahren, wenn sich herausstellt, dass Sie keine Drogen konsumiert haben. Würden Sie uns jetzt bitte auf die Wache begleiten?«
»Verdammt noch mal, so eine Scheiße! Ich habe keine Zeit für diesen ganzen Blödsinn!«, sagte Cem jetzt ungeduldig und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Wissen Sie was? Ich setze mich jetzt in mein Auto und fahre nach Hause, ich habe genug Probleme, auch ohne diesen ganzen Scheiß von euch Provinzpolizisten!«
Cem wandte sich ab, machte »Chlp« und wollte zu seinem Auto gehen, doch der zweite Beamte versperrte ihm den Weg.
»Bitte begleiten Sie uns jetzt zur Wache oder wir müssen Sie festnehmen.«
Resigniert sackte er in sich zusammen und nickte ergeben.

Blick ins Buch (Leseprobe)

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