28. Januar 2021

'Finstere Visionen' von Aileen O'Grian

Kindle | Tolino
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24 überraschende, mysteriöse und erschreckende Geschichten.

Albträume werden wahr, die keiner erleben möchte, und Verdammte finden auch im Tod keine Ruhe.

Anleser:
Heimfahrt am Totensonntag

Wie jedes Jahr war ich zum Totensonntag zu meiner Mutter gefahren. Mal wieder war es ein kalter, regnerischer Tag. Statt spazieren zu gehen, saßen wir im Café, in dem vor Jahren die Trauerfeier stattgefunden hatte, tranken Schokolade und aßen Torte.
Mutter erzählte von früher, und ich antwortete wie üblich mit einem Kopfnicken oder „Ja, ja!“ Mehr brauchte sie nicht, um ununterbrochen mit den alten Geschichten, die ich schon tausendmal gehört hatte, fortzufahren.
Erst spät konnte ich mich loseisen. Normalerweise wäre ich erst am Morgen gefahren, doch am nächsten Vormittag hatte ich eine wichtige Besprechung, auf die ich mich noch vorbereiten musste.
Schon bald hörte ich im Verkehrsfunk von einem großen Stau. Das Navigationsgerät ließ mich aber unbeirrt auf der Autobahn fahren. Inzwischen war es nicht nur dunkel und regnerisch, sondern Nebel stieg auch noch aus den Feldern auf. Der Scheinwerfer leuchtete in eine weißliche Wand. Ich wurde immer langsamer, tastete mich vorwärts.
Schließlich wies das Navigationssystem mich von der Autobahn auf eine Bundesstraße. Zuerst fuhren noch eine Reihe Wagen vor mir und ich hängte mich an die Rücklichter eines LKWs. Doch leider bog der schon in der nächsten Stadt ab und ich orientierte mich nur noch von Begrenzungspfosten zu Begrenzungspfosten. Bei dem Tempo konnte ich froh sein, wenn ich kurz nach Mitternacht daheim ankommen würde.
Endlich klarte es ein bisschen auf und ich erhöhte mein Tempo auf 50 km/h. Plötzlich tauchte vor mir ein schwarzer Schemen auf. Ich machte eine Vollbremsung und geriet ins Schleudern. Bevor ich in den Seitenstreifen rutschte, lief eine zweite Person über die Fahrbahn. Abrupt blieb der Wagen stehen. Ich hatte mich am Lenkrad festgekrallt und brauchte eine Weile, um mich zu fassen. Ich lebte und erwischt hatte ich auch niemanden. Meine Gedanken arbeiteten erstaunlich klar.
Erst einmal befahl ich mir, tief durchzuatmen, dann löste ich langsam meine Hände vom Lenkrad. Der Motor war ausgegangen. Ich öffnete die Tür und schaute hinaus. Der Baum links von mir stand bestimmt einen halben Meter entfernt. Der konnte mich also nicht so plötzlich gestoppt haben. Ich stieg aus, meine Schuhe versanken im Matsch. Mit einer Hand hielt ich mich am Auto fest, als ich es umrundete. Nichts. Der weiche Boden musste mich gestoppt haben. Die Räder standen ziemlich tief im Morast. Aber das Auto war heil geblieben.
„Hallo! Hallo! Ist hier jemand?“
Niemand antwortete. Wer war bloß so plötzlich über die Straße gelaufen? Den Umrissen nach musste die erste Person eine Frau gewesen sein, gefolgt – oder gar verfolgt – von einem Mann. Doch warum waren sie weitergelaufen, ohne sich um mich zu kümmern?
Ich startete den Motor, konnte den Wagen aber nicht zum Rollen bringen. Seufzend stieg ich wieder aus und legte meine Fußmatten unter die Hinterräder. Langsam, ganz langsam gab ich Gas und hatte Glück. Die Räder griffen und ich rollte auf die Straße zurück.
Bevor ich meine Matten wieder einsammelte, rief ich erneut. Diesmal rechnete ich nicht wirklich mit einer Antwort. Im Licht der Kofferraumlampe sah ich meine verschmierte Hose und Jacke. Mit ein paar Taschentüchern versuchte ich, den schlimmsten Schaden zu beheben. Ohne allzu viel Erfolg.
Plötzlich lief mir ein Schauer über den Rücken. Langsam fing ich an zu spinnen. Der Unfall, diese einsame Gegend und der Nebel waren einfach zu viel für mich. Ich stieg wieder ein und stellte das Radio an. Dann fuhr ich los. In der Ferne tauchten Scheinwerfer auf. Als sie näher herankamen, blendete ich meinen Nebelscheinwerfer ab. Plötzlich sprangen ein paar Meter weiter erneut mehrere Schatten auf die Straße. Diesmal reagierte ich schneller und bremste kontrolliert ab. Aber das entgegenkommende Auto verlor die Kontrolle und schleuderte mir entgegen.

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