26. März 2021

'Ein klein wenig Himmel' von Sabine Buxbaum

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Vanessa hat mit gerade einmal Mitte zwanzig bereits mit ihrem Leben abgeschlossen. Nachdem sie zwei Jahre wegen Mordes an ihrem Vater im Jugendgefängnis gesessen hat, versucht sie vergeblich, ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Sie torkelt von Job zu Job und hat das Gefühl, von ihrer Vergangenheit und den schrecklichen Erlebnissen in ihrer Familie verfolgt zu werden. Doch sie erhält eine letzte Chance: Sie kann eine soziale Ausbildung in einem abgelegenen Kloster beginnen.

Nach anfänglichen Zweifeln rafft sie sich auf und muss bald erfahren, dass es nicht die anderen Menschen sind, die ihr Steine in den Weg zum Glück legen, sondern vor allem sie selbst. Erst als sie in der Lage ist, Vertrauen zu sich und anderen zu fassen, kann sie dem Teufelskreis entfliehen. Dabei sind ihr nicht nur ihre neuen Freunde behilflich, sondern vor allem die Lehrer, die sie während ihrer Ausbildung betreuen. Sie haben etwas Himmlisches an sich, das Vanessa zunächst nicht zuordnen kann, doch als sie und der Betreuer Adriel sich näherkommen, offenbart sich das Unglaubliche: Sie ist ihrem ganz persönlichen Engel begegnet. Doch die verbotene Liebe steht unter einem dunklen Stern.

Anleser:
Kurz vor neun begab sich Vanessa zu den Schulklassen. Auch wenn das Internat viele Gänge hatte und ihr die Orientierung schwerfiel, fand sie doch schnell hin, weil alles gut beschriftet war.
In der Klasse hatte jeder Schüler einen eigenen Tisch, was Vanessa als angenehm empfand. Ansonsten war die Klasse konzipiert, wie es für eine Schule typisch war. Es gab eine Tafel, eine Leinwand und das gefürchtete Schreibtischpult der Lehrer. Vanessa setzte sich in die letzte Reihe. Andrea nahm am Nebentisch den Platz ein. Pünktlich um neun Uhr betraten Xathanael und Adriel das Klassenzimmer. Während Adriel entspannt wirkte, blieben Xathanaels Gesichtszüge streng.
„Ich denke, wir fangen mal mit einer Vorstellungsrunde an“, schlug Adriel vor, was Vanessas Herzschlag beschleunigte. „Erzählt euren Mitschülern etwas über euch!“
Oliver, der in der ersten Reihe saß, stand auf und begann mit seiner Vorstellung. Er erzählte nahezu seine ganze Lebensgeschichte. Vanessa erfuhr über die Vorstellungsrunde, dass alle über die Arbeitsvermittlung zum Kurs kamen. Wie vermutet hatten die meisten einen einwandfreien Leumund und keine großen Skandale hinter sich. Ein beklemmendes Gefühl stieg in ihr auf. Dann war sie an der Reihe, sich vorzustellen. Sie zögerte. Ihre Hände waren in der Zwischenzeit schweißnass und zitterten. Alle Augenpaare waren auf sie gerichtet. Nein, sie konnte einfach nicht! Sie wollte das alles nicht noch einmal durchmachen. Also sprang sie auf und stürmte aus der Klasse. Sie vernahm noch die aufgebrachten Stimmen der anderen, doch sie lief die Gänge entlang, bis sie endlich einen Ausgang fand. Sie rannte in den Park, einfach geradeaus, ohne ein Ziel zu haben. Schließlich musste sie anhalten, weil ihr der Atem ausging. Ihr wurde schlecht und beinahe musste sie sich übergeben. Vornübergebeugt kämpfte sie darum, ihre Fassung wieder zu erlangen.
Als sie eine warme Hand auf ihrem Rücken spürte, fuhr sie erschrocken hoch.
Gaviel stand hinter ihr. Sein Ausdruck war freundlich, doch in seinen Augen meinte sie, so etwas wie Mitleid zu erkennen.
„Du bist Vanessa, oder?“ Sie nickte. „Solltest du nicht beim Unterricht sein?“
„Ich kann hier nicht bleiben“, stotterte Vanessa. „Es geht einfach nicht.“
„Komm mit“, forderte Gaviel sie auf. „Setzen wir uns doch einen Moment auf die Bank dort.“
Er zeigte auf eine Parkbank, die unter einer alten ausladenden Eiche stand. Vanessa folgte ihm zögernd.
„Warum willst du hier nicht bleiben?“, fragte Gaviel.
„Ich passe hier nicht hin“, erwiderte Vanessa.
„Wie kommst du darauf?“
Wie viel wusste Gaviel über sie? Sollte sie sich ihm anvertrauen? Warum nicht? Was hatte sie schon zu verlieren? Schließlich hatte sie ohnehin beschlossen, das Internat zu verlassen.
„Ich habe einen Menschen auf dem Gewissen. Ich habe vor zehn Jahren wegen Totschlags zwei Jahre im Jugendgefängnis gesessen. Manche sehen in mir eine kaltblütige Mörderin. Ich möchte nicht, dass diese Leute hier die Wahrheit über mich erfahren. Außerdem ist das kein Ort für eine Verbrecherin. Alle anderen Schüler hier führen ein anständiges Leben. Sie haben sich nichts zu Schulden kommen lassen. Mich für diese Schule einzuschreiben war ein Fehler.“
Gaviel hatte Vanessa aufmerksam zugehört, ohne dabei seine freundliche Miene zu verziehen.
„Ich weiß über dich Bescheid, wie alle Angestellten hier übrigens. Wir haben kein Problem mit deiner Vergangenheit. Ich glaube, dass du das Problem hast. Es ist deine Einstellung. Vor zehn Jahren ist etwas Schreckliches in deinem Leben passiert. Du hast nach all den Jahren noch immer keinen Frieden damit geschlossen. Du bist hängengeblieben. Doch du musst lernen, dich weiterzubewegen.“ Gaviels Stimme war sanft und beruhigend.
„Aber alles hier erinnert mich an das Jugendgefängnis. Alles hier erinnert mich an die Vergangenheit. Ich bekomme keine Luft“, erwiderte Vanessa. Wie konnte sie das Gaviel verständlich machen? Sie hatte etwas erlebt, das sie ihr Leben lang verfolgen würde.

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