19. April 2021

'Eisige Fehde (Der weiße Kristall 1)' von Florian Clever

Kindle (unlimited) | Taschenbuch
Website Florian Clever
Der Söldner Molovin ist eine lebende Waffe. Zum Winteranfang gerät er in der nördlichen Provinz an übernatürliche Kräfte: Ein kriegerischer Herzog will den ›Weißen Kristall‹ an sich reißen, den mächtigsten magischen Stein aller Zeiten. Molovin muss sich entscheiden – Befehle befolgen oder mit allen Regeln brechen und sich gegen seinen herzoglichen Auftraggeber stellen. Das Schicksal des ganzen Nordens steht auf dem Spiel.

Anleser:
Der Südländer
Die Schlacht tobte schon den ganzen Abend. Längst war die Sonne hinter den Berggipfeln verschwunden, der Schnee ergraut, die Gesichter dunkel. Im flackernden Schein von Feuern und Fackeln glänzte roter Matsch, darin Erschlagene als verkrümmte Klumpen. Das Feld zeigte erste Lücken, auf beiden Seiten. Krieger und Kriegerinnen wankten vorbei, umsichschlagend, manchmal gezielt, meist wahllos. Die Reihen der Truppen hatten sich aufgelöst und vereinzelte Knäuel der Gewalt gebildet. Es ging nicht mehr um Taktik, nur noch darum, wer den größeren todesverachtenden Willen aufbrachte. Die kältere Entschlossenheit.
Die Männer trugen Bärte und, wie die Frauen, langes Haar, das nun verklebt war von Schweiß und Blut. Eine der beiden Parteien zeichnete sich durch Tätowierungen aus. Die Motive unterschieden sich, verdeutlichten jenen, die sie deuten konnten, die Clanzugehörigkeit. Mittlerweile aber waren alle gleich geworden, die Gesichter verzerrt und rotbraun verkrustet, die Kleidung durchtränkt. Es kam vor, dass Kameraden aus Versehen ihre Kameraden erschlugen. Die Schreie hatten nachgelassen, jeder Atemzug war kostbar geworden. Nur die angestachelten Kriegsbüffel aus Borak, dem nördlichen Herzogtum, brüllten in Weißglut, dass es weit über die Heide trug. Die wolligen, gehörnten Häupter gesenkt, brachten die Büffel Schrecken unter die Fußtruppen der Siraker. Keine Speerspitze war so hart, dass sie die Schädelplatte eines herandonnernden Büffelbullen durchdringen konnte. Das Scheppern von Metall auf Metall hallte weit über die verschneite Ebene, wenn Schwerter auf Schwerter trafen, Äxte auf eisenbeschlagene Schilde oder auf stahlverstärkte, mit Hörnern geschmückte Helme. Navenva, die zürnende Göttin des Krieges, konnte zufrieden sein. Sirak und Borak, die beiden großen Lehen der nördlichen Provinz, hielten ihr zu Ehren eine tödliche Messe ab.
»Koshk!«, rief der sirakische Hauptmann. »Fäar! Gilian! Und du! Wie heißt du?«
»Utgar«, antwortete der Vierte.
»Kommt mit mir!«
Die versprengten Männer scharten sich um ihren Anführer. Sie waren hinter die feindlichen Linien geraten, hatten mit viel Glück überstanden, was eigentlich Selbstmord gleichkam: Sie hatten die Büffelphalanx der Boraker überwunden, waren dem stampfenden Tod von der Schippe gesprungen. Jetzt begannen sie ihr geschenktes zweites Leben exakt auf die Weise, wie sie das erste hinter sich gelassen hatten: mit einem Bein im Grab, mit dem anderen auf dem Sprung.
»Wir greifen ihre Kommandostellung an«, befahl der Hauptmann. »Der Hügel ist nah!«
Keiner seiner vier Gefolgsleute erhob Einspruch. Als sie losgestürmt waren, um die Reihen der Büffelreiter zu durchbrechen, war ihr Trupp fünfzig Mann stark gewesen. Jetzt waren sie zu fünft. Niemand von ihnen hatte noch Erwartungen an den nächsten Tag. Jeder der fünf wäre schon dankbar für schnellen Frieden durch einen sauberen Hieb oder einen wohlgezielten Stich mit Boraker Eisen. Keiner litt gerne lange vor dem Ende, auch nicht die hartgesottensten Waffenknechte.
»Eine gute Nacht, um draufzugehen«, sagte Koshk, der zwei Kurzschwerter gekreuzt auf dem Rücken trug. Wenn der Herzog von Sirak ihn nicht zum Kämpfen einzog, war er Fischer an der Salzküste. Für einen Fischer focht Koshk wie ein Dämon. Wie geschickt musste er erst mit seinen Netzen sein?
»Maul halten!«, knurrte der Hauptmann. »Wenn sie uns zu früh bemerken, war alles umsonst!« Er begann, einen Bogen nach Nordosten zu schlagen.
Links von ihnen zeichneten sich die Standarten der Boraker auf einer Anhöhe ab. Die stark geschrumpfte Zahl ihres Stoßtrupps brachte nun auch einen Vorteil: Borak sah sie nicht kommen. Ihre Fackeln waren von den Büffeln in den Boden gestampft worden, die Nacht schluckte sie. Schweigend umrundeten die Fünf den Hügel mit den Feldzeichen der verhassten Nordmänner darauf. Irgendwann hatten sie sich dabei so weit vom Hauptgeschehen entfernt, dass die Kampfgeräusche hinter ihnen zurückblieben und sie den Schnee unter ihren Sohlen wieder knirschen hörten.
Als der Hügel komplett zwischen den Fünfen und dem Schlachtfeld lag, bedeutete der Hauptmann ihnen, hintereinander zu gehen. Die Standartenträger auf der Kuppe kehrten ihnen jetzt den Rücken zu. Der Himmel hatte sich vollständig verfinstert, Wolken waren aufgezogen. Neumond. Perfekt. Sie würden aus der Schwärze kommen, aus dem Hinterhalt, pirschenden Wölfen gleich.
Wie viele Speere mochten auf dem Hügel ringsum den Boraker Feldherrn sein? Zehn? Zwanzig? Utgar wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Mit der Nacht kam die Kälte. Trotzdem schwitzte er wie in der Mittagshitze eines sonnigen Julitages. Die Anspannung und die Strapazen des Gefechts überwogen den frostigen Atem des jungen Winters. Koshk trug einen frischen Verband unter dem Helm. Gilian hielt sich die verletzte, unversorgte Seite. Eigentlich war er Jäger und Fallensteller, im Süden, in den Auen des Flusses Tjärn. Jetzt jagte Gilian Menschen. Der Hauptmann humpelte. Was er machte, wenn einmal nicht gekämpft wurde, wusste keiner von ihnen genau. Die generationenalte Fehde zwischen Borak und Sirak ließ einem Soldaten des Herzogs nicht viel Zeit für Müßiggang, und der Hauptmann war ganz und gar des Herzogs Knecht. Er hatte nicht erst eigens für diesen Feldzug eingezogen werden müssen, wie die anderen.
Utgar ging als Letzter. Vor ihm bebten Fäars Schultern. Der blonde Hüne schluchzte tonlos. Das passte nicht zu ihm: Fäar hatte fendrische Wurzeln, er konnte daumendicke Eisenstangen mit bloßen Händen verbiegen.
Ein eisiger Westwind trug ihre Witterung und die wenigen Geräusche, die sie machten, in die richtige Richtung fort, weg von dem Hügel. Die Hunde des feindlichen Feldherrn würden nicht anschlagen – nicht, ehe der Tanz begann. Boraker Graupelze würden es sein, hüfthoch, jeder von ihnen stark wie ein Berserker und mindestens ebenso wild. Eine kleinere Rasse nahmen die Nordmänner nicht mit in den Krieg. Es hieß, dass die Graupelze selbst in myrworischem Stahl Zahnabdrücke hinterließen, wenn sie zubissen.
Die meisten Sorgen aber machte Utgar und den anderen der Magier. Die ›Boraker Fackel‹.
Vor allem seinetwegen waren sie im Begriff, diese Schlacht zu verlieren, obwohl sie anfangs fast doppelt so zahlreich wie die Nordmänner gewesen waren. Wer es durch die Büffelphalanx geschafft hatte und dahinter in den Fokus des Magiers geraten war, hatte sich in eine Feuersäule verwandelt. Ein Siraker weniger, während die Zauberflammen und die Todesschreie den Büffeln die Panik in den Leib gejagt und sie endgültig rasend gemacht hatten. Es hieß, er wäre ein Ordensmagier. Ein Geheimnishüter. Borak scheute keine Kosten, um den Feind im Süden in die Knie zu zwingen.
Der Schlachtenlärm auf der anderen Seite entfernte sich weiter. Die meisten Siraker schienen sich zurückzuziehen. Ein loser, ungeordneter Rückzug würde es sein, getrieben wie die dunklen Wolken von der steifen Brise. Es lag Neuschnee in der Luft, vielleicht sogar ein Blizzard.
Fäar weinte, weil sein Bruder vorhin eine dieser Feuersäulen gewesen war. Jetzt war der Bruder nur noch Asche im Schnee. Sie alle würden bald nur noch Asche im Schnee sein, wenn nicht vorher Boraker Äxte sie niederschlugen oder die Graupelze sie zerfleischten. Es sei denn, sie würden den Zauberer vorher kriegen. Er war ein Ordensmagier, Utgar wusste das mit Bestimmtheit. Ein Eingeschworener – kein Tabaksaft rotzender Druide aus den Bergen. Der Magier dort oben auf der Kuppe brauchte für seine Kampfzauber kein Ziegenblut, kein Brimborium. Er hob nur die Hand und Menschen brannten. Die Schatzkammer des Herzogs von Borak musste leer sein, wenn der Fürst der Nordmänner einen Geheimnishüter gekauft hatte, der seinen Arsch für ihn riskierte. Es brachte keine Ehre, eine Schlacht auf diese Weise zu gewinnen. Und es war kein ehrenhafter Tod, so zu sterben.
Sie schlichen aufwärts, Schatten in der Finsternis. Zu den Standarten über der Wölbung des Hügels gesellten sich die Köpfe des Boraker Kommandos, die Schultern, zuletzt Rümpfe und Beine. Der Feldherr saß zu Pferd, umgeben von seinen Wachleuten.
Koshk und Gilian streiften ihre Bögen ab und legten Pfeile ein. Der Hauptmann nickte ihnen zu und es ging los.
Einer der Wachtposten brach mit Gilians Pfeil im Hals zusammen. Die zweite Wache fällte der Hauptmann mit seinem Wurfbeil. Koshk ließ die Sehne schnellen und erwischte den Feldherrn. Der Gaul bäumte sich auf.
Fäar hatte die längsten Beine, er erreichte die Stellung vor Utgar. Die Arme des Hünen schienen jetzt doppelt so lang und fest miteinander verwachsen: Fäars Breitschwert, das er beidhändig schwang. Utgar hieb einen Boraker nieder und erkannte, dass es eine Frau gewesen war. Die Leibwache des Feldherrn bestand aus Schildmaiden. Leichter wurde es deshalb nicht, im Gegenteil: Fäar schaffte noch zwei Gegner, ehe das Überraschungsmoment verstrich, sie ihn in die Zange nahmen und mit zwei Speeren gleichzeitig durchbohrten. Der Hüne packte beide Schäfte und riss die Frauen mit sich zu Boden, kämpfend noch im Tod.
Auf dem tänzelnden Pferd hing der Feldherr gekrümmt im Sattel und tastete nach dem Pfeil zwischen seinen Schulterblättern. Plötzlich war doch wieder Atem für Schreie da.
Utgars Augen suchten den Hügel ab. Wo war der Magier? Er würde ohne Rüstung, Helm und Waffe sein ...
Mit einem Tritt schickte er eine Schildmaid in den Schnee und hackte gleich darauf nach einem geifernden Graupelz. Er brauchte zwei weitere Schwerthiebe, ehe die Kriegerin und der riesige Hund liegen blieben. Koshk hatte seinen Bogen fallen gelassen und zog gleich drei Schildmaiden auf einmal auf sich. Seine Streiche waren so schnell, dass er vier statt zwei Kurzschwerter zu schwingen schien. Gilian war der beste Schütze und streckte seine Ziele aus der Dunkelheit nieder.
Bis der Jäger in Flammen aufging.
Utgars Blick folgte der Linie zwischen seinem lodernden Kameraden und der Hügelkuppe zurück zu dem Brandstifter. Der Magier löschte die Flamme um seine Rechte mit einem schnappenden Luftgriff. Für einen Wimpernschlag hatte das Zauberfeuer das Gesicht unter der Kapuze erhellt. Das Gesicht mit den einfarbigen Augen eines Eingeschworenen. Die Augen eines Monsters in Menschengestalt, wenn man glaubte, was sie in Sirak furchtsam wie hasserfüllt über diesen Mann erzählten.
Auch der Hauptmann hatte den Magier nun entdeckt. Er riss sein Wurfbeil aus der toten Schildmaid und schleuderte die Waffe mit links, da sein gepanzerter Schwertarm die Axt einer Angreiferin abwehren musste. Das Beil verfehlte den Magier um zwei Schritt. Trotzdem wich der Robenträger geduckt zurück.
Feigling!

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