2. Februar 2018

'Windjammer: Das Tagebuch des Evan LaCour' von Tessa Millard

Wenn deine Heimat dir fremd wird, kann dann die Fremde deine Heimat sein?

Im Winter 1723 erreicht der Schiffsjunge Evan die kleine, neufranzösische Stadt St. Harbour. Doch während sich die ganze Besatzung über die letzten freien Tage vor der kräftezehrenden Heimreise freut, muss Evan ein neues Schiff finden. Denn nach Frankreich zurückzukehren, ist keine Option. Zu dunkel sind die Schatten der Vergangenheit, die dort auf ihn lauern.

Das Schicksal ist ihm gnädig. Er wird zum Gehilfen des Hausmädchens, das Kontakte zu Seefahrern aller Nationen unterhält. Doch die verschlossene Gwen ist alles andere als erfreut über ihre neue Hilfskraft, die ihr nun jede Nacht im Badehaus auf die Nerven geht. Vor allem weil sie weiß, dass die Stadt für jemanden wie den jungen Franzosen kein sicherer Ort ist.

Evan gelingt es trotzdem sie zu überreden, ihm zu helfen. Doch er muss feststellen, dass je näher er Gwen kennenlernt, seine Pläne immer unbedeutender werden. Erst recht als er von ihrer geheimnisvollen Gabe erfährt und ihn eine düstere Ahnung überkommt, dass in St. Harbour nicht alles ist, wie es scheint. Zu allem Überfluss bleibt das, was zwischen Gwen und Evan beginnt zu wachsen, auch vor Evans bestem Freund Lenny nicht verborgen. Und der hat schon vor sehr langer Zeit ein Auge auf Gwen geworfen.

Gleich lesen:
Für Kindle: Windjammer: Das Tagebuch des Evan LaCour (Wind-Reihe)
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Leseprobe:
«Hast du ein neues Schiff gefunden?», lenkt sie ab.
Ich spüre ein Zucken unter meiner linken Augenbraue. Eine recht idiotische Frage.
«Wie denn, wenn ich seit Tagen im Bett liege?», keife ich. Mit verschränkten Händen umklammere ich meine Knie noch fester. Ein wildes Pochen rumort darin.
«Wo willst du gern hinfahren?», fährt Gwen ungeachtet meiner patzigen Antwort fort.
Erwartungsvoll sehen ihre klaren Augen mich an.
Ich bin nicht wählerisch, möchte ich sagen. Aber das würde unser Gespräch wohl kaum am Laufen halten und auf eine wohlig kribbelnde Art und Weise verspüre ich den Drang noch viel, viel länger einfach so mit Gwen hier herumzusitzen.
«Ich dachte, du könntest mir etwas empfehlen? Im Gasthaus hört man doch bestimmt viele Geschichten von unbekannten Orten», sage ich darum.
«Spanien soll sehr schön sein», überlegt sie. «Zumindest sagen das die Spanier. Und die Iren sagen, dass Irland das schönste Fleckchen Erde ist.» Sie zuckt grinsend mit den Schultern.
«Und die Franzosen finden Frankreich am besten. Schon klar.»
«Du bist der einzige Franzose, dem ich bis jetzt begegnet bin, der das nicht behauptet.»
«Ja, ich bin ein komischer Franzose.»
Ein komischer Franzose. Ein komischer Sohn. Ein komischer Seemann.
«Du bist ein komischer Typ», rutscht es ihr heraus.
Erschrocken reißt sie die Augen auf. Jede winzige Bewegung ihres Körpers gefriert augenblicklich, was sie daran hindert, sich die Hand vor den Mund zu schlagen. Ihr Herz scheint so laut zu schlagen, dass ich mir fast einbilde, es hören zu können. Jeden einzelnen Schlag.
«Du auch.» Meine kratzige Stimme bringt nur ein Wispern hervor.
Ihr steigt die Röte ins Gesicht. Erneut streicht sie sich das Haar zurück und senkt dann den Blick auf ihre Schürze. Ihre Finger spielen mit einer Falte im Stoff.
Gefühlte Stunden vergehen, in denen ich einfach so neben ihr sitze und sie anstarre. Ich kann nicht anders. Die glänzenden Strähnen in ihrem nassen Haar und die kleinen Wassertropfen, die darauf sitzen wie winzige Perlen. Das Rot auf ihren Wangen und ihren Lippen. Der Pulsschlag, der unter ihrer dunklen Haut sichtbar wird und immer stärker gegen ihren Hals pocht. Ihr Brustkorb, der sich heftig hebt und senkt, weil sie weiß, dass ich sie beobachte. Als wäre sie erschöpft davon, lässt sie den Kopf gegen die Wand sinken. Sie schließt die Augen. Aus ihrem Mund dringt ein leises Keuchen und ich stelle mir die kleinen Wolken vor, die draußen in der Kälte daraus emporsteigen würden. Ohne den Kopf von der Wand zu nehmen, dreht sie ihn in meine Richtung und schaut mich an.
«Erinnerst du dich an meine Bedingung?», wispert sie.
«Dass ich keine Spielchen spielen soll?»
«Die andere.»
«Ich soll mich von dir fern halten.» Mein Herz sinkt hinab in meinen Bauch.
Gwen nickt schwerfällig. Das Blau ihrer Augen hält mich gefangen.
«Ich kann es nicht.»

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