7. Januar 2021

'Schlafen - Die Nacht und das Andere' von Esther Grünig-Schöni

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Nur ein kleines Dorf - gleich um die Ecke
Geheimnisvoll und gleichzeitig provokativ - wirbelt ein Fremder in Schlafen alles durcheinander.

„Alles begann mit einem Mann, der vom Waldweg herkam. Er schritt aufs Dorf zu. Er war nicht mehr jung; einer mit einem lustigen schwarzen Béret auf dem dichten dunkelbraunen Haarschopf (dem ein Haarschnitt nichts geschadet hätte), ein Mann mit aufmerksamen Augen. Seine schlanke Gestalt passte nicht recht zu der leicht schleppenden Gangart; und immer wieder hielt er kurz ein, um sich zu orientieren, um einen Ausblick in sich aufzunehmen. ‚Ach, da ist es ja!‘ ….“

Keiner weiß, was er ist und wer er ist und auch nicht, was er will. Was wird geschehen?

Anleser:
Anmerkung:
Entstanden ist diese Geschichte aus einer Meldung in der Zeitung, wonach ein Mann in einem Dorf auftauchte, eine Weile da lebte und spurlos verschwand. Keiner wusste, woher und wohin. Dann begann es in den Gedanken zu rotieren, es entwickelte sich das Porträt eines Dorfes, die Gedanken wanderten weiter ...

1. Kapitel
Es war Mitte Juli in einem kleinen Dorf, wo sich jede und jeder kennt, jeder alles vom Nachbarn zu wissen glaubt. Ein Bach schlängelt sich an den Häusern vorbei, durch Wiesen voller wilder Blumen. Hier, ausgerechnet hier in Schlafen, dem ziemlich abgelegenen Bauerndorf, ereignete sich etwas, von dem die Menschen noch Jahre später ab und zu sprachen und woran viele oft denken mussten. Eigentlich war's nichts Weltbewegendes: keine ungestüme Naturge-walt, keine Sensation, kein politisch fragwürdiger Schachzug; und doch störte dieses Vorkommnis eine bürgerlich festgefahrene Idylle. Alles begann mit einem Mann, der vom Waldweg herkam. Er schritt aufs Dorf zu. Er war nicht mehr jung; einer mit einem lustigen schwarzen Béret auf dem dichten dunkelbraunen Haarschopf (dem ein Haarschnitt nichts geschadet hätte), ein Mann mit aufmerksamen Augen. Seine schlanke Gestalt passte nicht recht zu der leicht schleppenden Gangart; und immer wieder hielt er kurz ein, um sich zu orientieren, um einen Ausblick in sich aufzunehmen.
"Ach, da ist es ja!"

Eine bauchige, abgewetzte Reisetasche aus Jeansstoff mit bunten Flicken darauf trug er bei sich. Dunkelblaue Jeans sassen straff an seinem Körper. Ein bequemer rostroter Pullover und eine abgeschabte braune Lederjacke hingen darüber. Seine Füsse steckten sockenlos in ausgetretenen Lederschuhen von undefinierbarer Farbe.

Schweiss perlte dem Wanderer über die Stirne. In der Ferne hinter den Baumwipfeln auf den Hügeln zuckten schnelle Blitze, gleissende Sekundenlichter. Dann klang es, als würde über den Wolken gekegelt. Es rollte und grollte. Er fuhr sich mehrmals mit dem Handrücken übers Gesicht, rieb die Hand an der Hose trocken.

Es - das Dorf lag vor ihm, friedlich und wie ohne Leben: Schlafen. Er hatte von ihm gehört, es gesehen, kannte es, obwohl es sich in der Senke zwischen Hügelzügen gut versteckte. Gross war es nicht; die meisten Häuser umstanden steinwurfweit eine mächtige weisse Kirche. Still war's. Als er näher kam, war es aus mit der Ruhe. Eine Meute Hunde kam ihm entgegen, angeführt von einem Schäfermischling wedelnd, hechelnd, mit aufgerissenen Schnauzen und triefenden Lefzen. Sie kläfften ihn an, beschnupperten ihn und seine Tasche mit kühlen Nasen, satzten um ihn herum und standen an ihm hoch. War das nun Abwehr und Verteidigung des Dorfes oder freudige Begrüssung? Der Mann lächelte nur, sprach hier und dort ein lustiges Wort und marschierte weiter, begleitet von dem Rudel Vierbeiner.

Kinder, grossäugig, versteckten sich tuschelnd und kichernd hinter einer ausladenden Baumgruppe. Einige der Grösseren drückten sich um die Ecken der Häuser und Ställe, verfolgten ihn mit neugierigen Blicken. Eine alte Frau stützte sich auf ihren Fenstersims mit Geranienkästen; der Grossvater hielt sich an seinem mit Schnitzwerk verzierten Stock. Eine Gruppe von Frauen drehte sich nach dem Fremden um, musterte ihn vom Kopf bis zu den Füssen und fand, hinter vorgehaltener Hand, zu einem Urteil. Zwei Männer unterbrachen ihren Feierabendschwatz und starrten ihn an. Eine junge Frau lächelte ihm freundlich zu, stupfte ihre Freundin. "Wer ist denn das?"
"Ein Wanderer. Irgendein Wanderer."
"So sieht er nicht aus."
Ich bin ich. Einfach ich! dachte der Mann schmunzelnd, denn er mochte unbeantwortete Fragen zu seiner Person. Schon fielen die ersten Regentropfen, bildeten sofort Flecken auf dem Boden. Sie zischten leise drohend, wenn sie auf heisses Blech trafen. Sie netzten die Dächer und Strassen, kühlten die schweissige Haut. Ich lösch' dich, Feuer, lösch' dich, Wärme und dich, Durst! Ich deck' dich zu, Leidenschaft, mit meiner Nässe. Ich bin sanft, aber stark. Und wir sind viele... flüsterten die Wassertropfen, wurden lauter und lauter im Rhythmus. Wind kam auf, bauschte Röcke, entführte Hüte, klappte Schirmdächer um, zerrte an Hemden und Vorhängen in noch offenen Fenstern. Die Bäume rauschten. Die Stille, noch eben auf allem lastend, war nur ein Atemholen vor dem Aufruhr gewesen. Alles schien in Bewegung geraten, die Landschaft drohte im Lärm zu versinken. Die Flaggenstangen liess der Wind gespenstisch singen, peitschte das Schild - den Goldlöwen an seinen Ketten - des stattlichen Gasthauses hin und her und machte es schmerzhaft quietschen. Der Mann blieb stehen. Ein solches Gasthaus war oft der Nabel eines Ortes, und sein Name sagte viel über den Charakter der Gemeinde aus. Wie war dieser Name entstanden? Durch ein Ereignis? Eine Sage? Durch einen Geistesblitz, eine Tradition? Oder einfach aus der Phantasie? Überall war er auf Hirsche, Bären, Rössli und Löwen gestossen, aber noch auf keinen goldenen. Wie dem auch sei - der "Goldene Löwe" kam ihm gelegen. Der Regen verstärkte sich. Er drückte auf die Eisenklinke der Holztüre, die mit üppigen Schnitzereien versehen war, wie er sie auf dem Land oft gesehen hatte. Die Türe knarrte. Dahinter tat sich ein kahler Gang auf, von dem verschiedene Türen abgingen. Ganz am Ende stand ein Zigaretten-Automat. Es roch süsslich und nach Bratenfett. Auf einer der Türen stand "Gaststube". Die öffnete er und trat in einen rauchgeschwängerten Raum. "Guten Abend."
Susanne, die Wirtsfrau, hatte ihn kommen sehen. Von hinter dem Tresen aus hatte sie einen guten Überblick auf die Dorfstrasse. Sie kannte jede und jeden; denn kaum je kam ein Fremder hier vorbei.

Fast unheimlich wirkte es, als er genau während eines Krachers aus den Wolken eintrat.

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